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16/2017 - Bloß ein Verstoß gegen die guten Sitten
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Alt 19.04.2017, 09:05
Bloß ein Verstoß gegen die guten Sitten

Wie funktioniert Provokation – und was kann uns heute überhaupt noch provozieren? Gedanken zum oft unliebsamen Versuch, andere aus ihrer Höhle herauszulocken.

| Von Theresia Heimerl

Sie sitzen in Ihrer Höhle und draußen ruft jemand. „Pro-vocare: hervor, herausrufen“, gibt uns das lateinische Schulwörterbuch Stowasser als erste Bedeutungen. Sie stehen auf und gehen hinaus, um zu sehen, wer da draußen schreit. Die Provokation ist ein Hervorlocken aus der vermeintlichen Sicherheit des heimelig Bekannten. Provokation bedient unseren Reflex, hinhören, hinsehen und hingehen zu müssen, wenn jemand laut genug ruft. Einmal herausgerufen kann die Provokation zur Verführung werden, sich mit dem, der da ruft oder dem, worauf der Rufende aufmerksam machen will, näher zu beschäftigen. Die Verführung ist ambivalent: Sie kann uns dazu bringen, ihr zu erliegen und uns mit dem, was sie versprochen hat oder auch dem, der versprochen hat, einzulassen. Oder aber, wir widerstehen ihr, wir lehnen das Versprochene ab und noch mehr jenen, der uns dessentwegen mit seinem Schreien aus der Höhle gelockt hat.

Provokation und Ordnung

Wer die Provokation also ignoriert, riskiert, etwas zu versäumen, nicht zu wissen, wer draußen ruft und warum. Wer dem Ruf folgt, riskiert, von ihm verführt zu werden oder aber sich mit all dem konfrontiert zu sehen, wovor er in die Höhle geflüchtet ist, allen voran wohl die Erkenntnis der Grenzen des eigenen Selbst. Der Provokateur, der Hervorrufende, hat so oder so sein Ziel erreicht: Wir sind aus unserer Höhle herausgekommen.
Wer sich bei der „Höhle“ philosophiegeschichtlich provoziert fühlt, tut recht daran. Was Platon in seinem berühmten Höhlengleichnis beschreibt, ist die Urform philosophischer Provokation: Sich aus dem bequemen Dahindämmern im gemütlichen Halbdunkel herauslocken zu lassen, um die Dinge aus nächster Nähe zu sehen, ohne schattigen Weichzeichner im manchmal allzu grellen Sonnenlicht. Freilich: Platon ist ein schöngeistiger Aristokrat, bei dem niemand draußen herumkrakelt und das Reich der Ideen nichts, was den zum Betrachten Aufgeforderten schockieren würde. Unserem (und vermutlich auch Platons) Verständnis von Provokation im handelsüblichen Sinn viel näher kommen da schon die Kyniker, die auch marktschreierisch zum Hinschauen aufforderten, wenn sie in der Öffentlichkeit „hündisch“ miteinander verkehrten. Das reichte, zumal wenn sich jene, die derartiges coram publico treiben, als AbsolventInnen der Philosophie zu erkennen geben, auch heute für das Label „Provokation“.
Ist die Provokation also schlicht der öffentliche Verstoß gegen gute Sitten, der Ruf, Zeuge einer Ordnungsübertretung zu werden? Und wenn dem so ist: Warum fühlen sich eine große Zahl biederer Mitteleuropäer durch jene Frauen, die ihren Körper und ihr Gesicht verhüllen und somit das genaue Gegenteil der freizügigen Kyniker tun, provoziert?
Provokation ist, soviel lässt sich angesichts so unterschiedlicher ProvokateurInnen sagen, kein einfaches „Was“. Provokation ist vielmehr die offensivste Form der Verhältnisbestimmung, ein Aufruf, Norm und Normalität in aller Schärfe wahrzunehmen. Das kynische Triebleben auf der Agora stellt die Trennung von privater und öffentlicher Körperlichkeit ebenso in Frage wie der verhüllte weibliche Kopf oder Körper – nur, dass die scheinbare gesellschaftliche Normalität anderen Kriterien folgt. In beiden Fällen aber sind die Passanten herausgerufen, vermeintliche Selbstverständlichkeiten in ihrem Umgang mit der Sichtbarkeit von Körper und (potentieller) Sexualität zu überdenken. Wer diesem Aufruf zum Erkennen und Nachdenken nicht folgen will, ruft zur Ordnung und appelliert an die Ordnungshüter, um den Rufer oder die Ruferin zum Verstummen zu bringen. Freilich nur solange, bis die Ordnung ihrerseits zur Provokation wird, und ein Aufruf erschallt, doch herauszutreten und sie bei Licht zu betrachten. Mitunter fallen Ordnung und Provokation auch in eins, wie im Fall der verhüllten weiblichen Häupter, deren Ursache ja eine bestimmte Geschlechterordnung ist.

Sex, Schmutz, Gewalt

Ein beliebtes Mittel, um möglichst viele aus der sicheren, überschaubar geordneten Höhle herauszurufen, haben wir somit bereits identifiziert: Sexualität. Das Intimleben des Menschen unterliegt zwar wechselnden, aber immer komplexen Regelungen, von denen zumindest eine relativ leicht übertreten werden kann – beginnend damit, dass hier vom Provokateur schlicht und einfach angeboten wird, das zu zeigen, was sonst im Dunkel der Höhle bleibt, oder aber im Gegenteil es gerade nicht zu zeigen und so den Hell-Dunkel-Kontrast erst recht hervortreten zu lassen, wie etwa in den Sechzigerjahren Valie Export mit ihrem Tapp- und Tastkino.
Wo indes der zur Begierde ausgestellte oder eben verborgene Körper bereits der Gewöhnung anheimgefallen ist, ist ein Versuch mit dem schmutzigen Körper oft erfolgversprechend: Schmutz, folgt man der Anthropologin Mary Douglas, ohnehin die materialisierte Ordnungsübertretung schlechthin, provoziert in unserer sauberen Gesellschaft schon durch seine bloße Existenz, gesteigert nur noch durch das Irritationsmoment dieser „Materie am falschen Ort“ (Douglas), eben auf dem menschlichen Körper. Schmutzige Körper rufen in uns basale Regungen hervor, die sich nur mühsam mit realen Hygieneerfordernissen erklären lassen. Nicht umsonst gilt vielen als größte Herausrufung der jüngeren österreichischen Geschichte die sogenannte „Uni-Ferkelei“ im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes der Uni Wien anno 1968, doch auch die Reaktionen auf die 2008 erschienenen „Feuchtgebiete“ lassen Schmutz in Kombination mit dem weiblichen Körper und Sex als Mittel der Wahl zur Provokation erscheinen.
Am schrillsten aber gellt uns jener Ruf in den Ohren, den wir in unseren Breiten nie mehr zu hören hofften: Gewalt. In früheren Jahrhunderten auch bei uns regelmäßig auf öffentlichen Plätzen in Form von Foltern und Hinrichtungen angepriesen, reichte in den letzten Jahrzehnten schon die Schattenvariante der Gewalt in medialen Produkten, um erzürnte Reaktionen hervorzurufen. Wer aber heute wirklich provozieren, seine Umwelt aus ihrer Sicherheit herausrufen will, geht dorthin,
wo die wilden, bärtigen Kerle wohnen, und schlägt Köpfe ab. Gewalt ist derzeit wohl das Mittel mit dem größten Provokationspotential, sie ruft uns heraus, verführt zur Entrüstung und zur Erkenntnis, dass die sichere Höhle ebenso eine Illusion ist wie die Zivilisation.

Provokation und Religion

Das Verhältnis von Religion und Provokation ist ein langes und fast schon unmoralisch inniges, freilich, wie bei langen und innigen Verhältnissen üblich, ein sehr komplexes. Religion ist Provokateurin und Provozierte, Ruferin und widerwillig Herausgerufene zugleich. Zumindest die monotheistischen Religionen beginnen mit einer Provokation im wörtlichen Sinn, einer „Herausrufung“, der die so Provozierten neugierig, aber nicht ganz ohne Trägheitsmoment folgen. Doch auch in anderen, polytheistischen Religionssystemen provoziert Religion ihre Gläubigen, Dinge zu tun oder zu glauben, die jenen, die außerhalb der jeweiligen Religion stehen, als Provokation erscheinen mögen: Blutige Opfer, suizidale Kampfhandlungen, extreme Askesepraktiken … Die Liste an Aufrufen an die Gläubigen und Skeptiker ist lang.
Diese doppelte Rolle der Religion hängt mit dem oben genannten Verhältnis von Provokation und Ordnung zusammen: Religion ist ihrem Selbstverständnis nach die Ordnung schlechthin, begründet sie diese doch jenseits ihrer selbst im Absoluten und provoziert allein dadurch alle, die das Absolute relativieren oder ihm ein anderes Absolutes entgegensetzen. Umgekehrt ist ein derart umfassendes Ordnungssystem auch leicht provozierbar, herausrufbar aus seinen genau abgezirkelten Rastern von Gut und Böse: Einige wenige karikierende Striche genüg(t)en, um fromme Horden aus der heiligen Höhle zu locken.
Das Christentum, für viele lange Zeit Inbegriff für letzteres, also jene Position, die erbitterte Reaktionen auf freche Rufe hervorbrachte, setzte in seinen Anfängen voll auf „Schockwerbung“: „… den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit“ (1Kor 23), das klingt nach kalkulierter Provokation möglichst vieler Personengruppen, einem Aufruf, über die Idee eines freiwillig gekreuzigten Gottes doch einmal kurz nachzudenken, einem Aufruf, der ob seines Irritationslevels hängen blieb.
Auch andere, bis in die Gegenwart bewährte Formen der Herausrufung und Herausforderung lieb gewonnener Ordnungen, hat das Christentum weidlich genutzt: widerständige Frauen, die Mann, Vater und Kind stehen lassen, um in der Arena zur Heldin zu werden, radikale Absage an Familie, Geschäft und Karriere, stattdessen Hygieneverweigerung und Rückzug in die unbewohnte Natur. Was später als Exempla heiligmäßigen Lebens und Sterbens verkauft wurde, war für die römische Umwelt blanke Provokation. Freilich nur solange, bis sich die Mehrheit an diese Ausnahmeexistenzen gewöhnt hatte, und diese in ein wenig abgemilderter Form gar zur Norm erhoben worden waren.

Mehr- und Minderheiten

Provokation setzt auch ein ungleiches Mengenverhältnis voraus, einer oder wenige, die rufen, und eine Mehrheit, die sich über die Rufer echauffieren kann. Innerhalb einer solchen Mehrheitsreligion noch zu provozieren, braucht logischerweise einen gewissen Extremismus, ob in extremer Armut oder apokalyptischen Gewaltexzessen. Oder aber, der Ruf erfolgt gleich konsequent von außerhalb der Religion und zeigt den herausgerufenen Vertretern der übernatürlichen Ordnung dann, wie neckisch es sich über die Grenzen hüpfen lässt. Ein wenig nackte Haut auf der Leinwand ließ kirchliche Verbände in den 50er-Jahren noch Sturm laufen, später brauchte es schon lautere Schreie: Ein geträumter Kuss Jesu mit Maria Magdalena auf Celluloid, ein gekreuzigter Frosch, ein kiffender Jesus … Fairerweise muss man sagen, dass einige Vertreter der christlichen Religion nach anfänglichem Widerstand sich haben herausrufen lassen und in Dialog mit den Rufern getreten sind. Mittlerweile aber, so scheint es, ist Religion schon fast wieder an ihre
Anfänge zurückgekehrt, ist nicht mehr Provozierte, sondern Provokateurin mit den gegenwärtigen Mitteln: Gewalt, garniert mit Tabus rund um Sex und (Un-)Reinheit.


| Die Autorin ist Professorin für Religionswissenschaft an der Kath.-Theololog. Fakultät Graz. |

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