ro ro

    
Themen-Optionen Ansicht

16/2017 - Wie man den Troll nicht füttert
  #1  
Ungelesen 19.04.2017, 09:14
Wie man den Troll nicht füttert

Wohl jeder User ist schon einmal über einen Troll mit radikaler Botschaft oder zumindest respektlosem Ton gestolpert. Was kann man da tun?

| Das Gespräch führte Sylvia Einöder
| Mitarbeit: Lukas Zimmermann

Hasskommentare, Falschmeldungen, verletzte Privatsphäre: Die Unkenntnis im Umgang mit sozialen Medien und Foren ist groß – bei den Erwachsenen ebenso wie bei den Jugendlichen – und die Folgen werden gerne unterschätzt. Wie hier jeder einzelne User gefordert ist, und was vor allem die Politik, die Medien und die Bildungseinrichtungen tun sollten.

DIE FURCHE: Trolle wollen mit ihren Postings andere User absichtlich irritieren oder provozieren. Warum ist das ein so zeitgeistiges Phänomen, das derart explodiert ist?
Matthias Jax: Ich glaube nicht, dass es explodiert ist. Gerade in Online-Foren gab es schon immer Personen, die bewusst provoziert haben. Ich glaube, dass die vielen neuen
Möglichkeiten der sozialen Medien die Bandbreite an Emotionen einfach besser darstellen können. Durch die öffentlichen Diskussionen können Themen schneller relevant werden bzw. verstärkt werden.
Rotraud Perner: Hier geht es um die Psychostruktur jener, die ihren Emotionen freien Lauf lassen – man muss unterscheiden zwischen jenen, die nur Aufmerksamkeit oder Zustimmung bekommen wollen und jenen, die psychisch nicht mehr in Balance sind. Meine mehr als 40-jährige Berufserfahrung zeigt, dass viele, die anfangs noch eher kabarettistisch ihre Kommentare abgegeben haben – früher eben telefonisch oder per Fax und jetzt in den digitalen Medien – später psychiatrisch diagnostiziert wurden.
DIE FURCHE: Viele Portale sind dazu übergegangen, Diskussionsmöglichkeiten einzustellen, da auf ihren Seiten Debatten hart an der Grenze zum Strafrecht geführt wurden. Ist das Abdrehen die richtige Reaktion?
Katharine Sarikakis: Die Entscheidung, Foren zu schließen, kam nicht nur aus der Angst vor entgleisten Debatten, sondern auch aus einer juristischen Vorsicht. Vieles, was da geschrieben wurde, ist ja Verhetzung. Und die Technologie ermöglicht eine schnelle, direkte Reaktion, man muss nicht nochmals nachdenken. Die systematische Verhetzung und die spontane Überreaktion sind aber zwei verschiedene Dinge. Selbstkontrolle allein reicht nicht mehr. Ich glaube, diese Foren zu schließen, ist eine verantwortungsvolle Entscheidung. Das sehen wir konkret am Umgang mit Minderheiten und mit Frauen, wo gezielte Hasspostings diese Gruppen zum Schweigen bringen sollen. Der Mehrheit dieser Trolle geht es um systematische, politische Strategien – eine gefährliche Sache.
DIE FURCHE: Wie reagiert man am besten auf politisch motivierte Trolle?
Sarikakis: Da sollte auf jeden Fall das System eingreifen. Denn hier werden Grundrechte verletzt, Menschen- und Bürgerrechte, wenn mich plötzlich jemand aus der öffentlichen Debatte ausschließen möchte. Dazu gibt es viele Studien, vor allem aus der feministischen Forschung.
Perner: Ich habe damit persönliche Erfahrung. Der Impuls dieser Menschen ist noch viel ärger: „Die Person muss weg, sie stört mich in meinem Größenbestreben.“ Letztlich geht so etwas immer von benachteiligten Menschen aus. Dafür bräuchten sie einen Ansprechpartner. Gerade im Umgang mit Hass gegen bestimmte Gruppen brauchen wir Gegenmodelle: Wie sage ich jemanden, dass ich anders denke? Dazu braucht es Mut. Es geht bei diesen Angriffen immer darum, dass ich mich über jemand anderen erheben möchte und den wunden Punkt dieser Person finde: Bei einer Politikerin etwa, indem ich ihr Äußeres kommentiere, bei wissenschaftlich Forschenden, indem ich die Fachkompetenz abspreche.
DIE FURCHE: Wäre eine Klarnamenpflicht sinnvoll, damit Leute strafrechtlich verfolgbar werden und sich disziplinierter verhalten?
Sarikakis: Nein. So kämen wir von einem Extrem zum anderen. Wir brauchen Moderation, Regulierung, Aufklärung. Wir haben in Österreich ein gut greifendes Gesetz. Die Medienindustrie muss auch selber Verantwortung übernehmen. Und wir brauchen – und haben – eine aktive Zivilgesellschaft. Denn wir leben ja bereits unter digitaler Überwachung. Noch mehr Überwachung wäre höchst bedenklich.
Perner: Ich sehe das Problem primär in den sprachlichen Formulierungen. Die Leute
wissen nicht, was juristisch ahndbar ist. Jetzt haben wir ein Vermummungsverbot. Ich bin auch online für Transparenz und Klarnamen. Es gibt bereits Seminare von Juristen zur Frage: Wie formuliert man online so, dass man nicht mit dem Strafrecht in Konflikt kommt? Ein sensiblerer Umgang mit Sprache ist eine Bildungsaufgabe, etwa für den Deutschunterricht.
Jax: Auf Standard.at ist man zum Schluss gekommen, dass eine Klarnamenpflicht an den Reaktionen der User nicht viel ändern würde. Dazu braucht es mehr Medienkompetenz, eine Diskussionskultur im Netz. Wie wir dort miteinander umgehen sollen, haben wir nicht gelernt. So treffen online verschiedene Kulturen und Schichten aufeinander, die früher vielleicht persönlich nichts miteinander zu tun hatten.
Perner: Studien zeigen, dass der Beschuldigte nicht nur eine andere Sprache spricht, sondern meist auch einer anderen Schicht angehört als das Opfer. Ich werde ja manchmal direkt angerufen oder angemailt, wenn ich zu einem brisanten Thema Position bezogen habe. Ich antworte dann immer sehr respektvoll und fast immer schreibt die andere Person dann: „Tut mir leid. Jetzt will ich Sie nicht länger belästigen“.
DIE FURCHE: Ein Grundsatz lautet „Do not feed the trolls!“: Man solle Trolle nicht füttern, sie am besten ignorieren. Hat sich diese Strategie als nachhaltig herausgestellt?
Sarikakis: Wir haben den Troll lange nicht gefüttert – und jetzt sind wir mit Trump in den USA und mit Rechtspopulismus in Europa konfrontiert. Wir wollten Diskussionen und auch unsere Anonymität abschaffen – im Namen der Befreiung des Trolls. Es ist die Aufgabe aller Medien und Bildungseinrichtungen, auf Falschmeldungen und Hetze zu antworten. Aber ohne Anonymität ist es schwierig, seine geäußerte Meinung ändern zu können, denn all unsere Aktivitäten im Internet hinterlassen Spuren. Doch sollten Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, weiter die Option haben, ihre Meinung zu ändern. Wenn Jugendliche im Netz scheitern, dann auch deshalb, weil wir ihnen keine Medienkompetenz vermittelt haben, weil wir ihnen keine Alternativen bieten, etwas „da draußen“ zu machen.
DIE FURCHE: Herr Jax, Sie entwickeln Orientierungshilfen für Jugendliche im Internet. Staatssekretärin Muna Duzdar hat eine neue Meldestelle für Hasspostings angekündigt. Was erwarten Sie sich davon?
Jax: Eine spannende Frage. Es gibt ja eine Meldestelle für rassistische und nationalso-
zialistische Inhalte unter Stopline.at. Die Herausforderung ist wohl, das Thema Medienkompetenz flächendeckend für alle Jugendlichen zu verankern. Sie sind ja einerseits überfordert und andererseits nicht. Sie können ja relativ viele Dinge selbstständig mühelos machen. Das Smartphone ist ja eine Erweiterung ihres Lebensraums. Eine Konversation auf WhatsApp nehmen sie gleichwertig wahr wie eine reale Unterhaltung. Bilder, die über Snapchat geschickt werden, sind für sie gleichwertig mit einer Erinnerung. Es braucht natürlich kompetente Ansprechpartner, die vermitteln: Wie kann ich auf einen Troll richtig reagieren?
DIE FURCHE: Gelten für Jugendliche andere Regeln im Umgang mit Trollen?
Jax: Nein. Wir haben zehn Tipps gegen Hass im Netz erarbeitet gemeinsam mit dem Bundeskanzleramt, dem Bundesministerium für Familie und Jugend und dem Bildungsministerium. Ein Punkt lautet, nicht zu emotional zu werden, sondern sachlich zu bleiben. Wichtig ist es, den Troll als solchen zu benennen und bei den Fakten zu bleiben. Auf diese Art kann man Trolle auch relativ schnell entlarven.
DIE FURCHE: Aber man darf schon über die Themen diskutieren, die der Troll aufwirft?
Jax: Natürlich.
Perner: Das ist eine Art Pingpongspiel, bei dem langsam die Energie ausgeht. Und in jeder Äußerung, egal wie niveaulos, steckt auch ein Hinweis. Nicht dagegen zu kämpfen, sondern weich aufzufangen, wäre sinnvoll. Ich sage gerne, „da liegt offensichtlich ein Irrtum vor“. Wenn ich nämlich bloß dagegen argumentiere, geht es vielen nicht mehr um den Inhalt, sondern um das Rechthaben. Dabei brauchen alle Menschen Respekt und Aufmerksamkeit. Trolle holen sich das wie kleine schlimme Kinder, die auch erst provozieren, damit man sich auch um sie kümmert. Es ist oft wirkungsvoller, nicht gleich mit der Gesetzeskeule zu kommen, sondern Provokationen heiter aufzufangen und ein wenig zu veredeln. Was gut funktioniert, ist, die Leute bei Ihrer Ehre zu nehmen: „Du darfst deine Meinung sagen, aber diskriminier dich nicht selbst, indem du unehrenhaft auftrittst. Witzig darfst du ruhig sein, aber dann hört der Spaß auf.“
DIE FURCHE: Der norwegische Filmemacher Kyrre Lien hat drei Jahre lang Hassposter interviewt und drei Gemeinsamkeiten gefunden: Sie waren alle einsam, fühlten sich sozial abgehängt und waren Mobbingopfer.
Jax: Dem muss ich widersprechen. Das sind oft Menschen wie du und ich. Florian Klenk etwa ist zu seinem Hassposter hingefahren, der ihm den Tod gewünscht hat. In der Reportage im Falter schildert er, wie er bemerkte, dass das ein ganz normaler Mensch war, der als EDV-Techniker arbeitet und Familie hat, alles unverdächtig. Im Nachhinein sagt der Hassposter, dass er in dem Moment einfach nicht nachgedacht hat und erst nachher bemerkt hat, dass das nicht okay war.
Sarikakis: Bei den Trollen muss man unterscheiden nach Alter und Hintergrund. Es gibt einen Unterschied zwischen einem Banker und einem Kind, das einen Moment loslassen will. Einsamkeit oder Mobbing sind sicher nicht zu unterschätzen. Es sind die gesellschaftlichen Probleme dahinter, mit denen wir uns auseinander setzen müssen.
Perner: Ich nenne dieses Problem „die Unfähigkeit, Energie bei sich zu behalten“. Der menschliche Impuls, jemanden anzuspucken, ist dann stärker. In der Schule werden ja tatsächlich Lehrer angespuckt. Es fehlt diese winzige Lücke im Feuer der Neuronen, in der ich überlege: Gibt es vielleicht eine bessere Methode? Von den Eltern kann man die Vermittlung solcher Dinge nicht erwarten. Da wäre bereits die Vorschule gefragt.
DIE FURCHE: In Deutschland drohen Internetkonzernen wie Facebook bald hohe Strafen bis zu 50 Millionen Euro, wenn sie Hasspostings oder Falschnachrichten nicht löschen.
Jax: Das ist ein hochbrisantes und nicht ungefährliches Gesetz. Denn wenn der Plattformbetreiber von exorbitant hohen Strafen bedroht ist, wird er als Vorsichtsmaßnahme alle Einstellungen so restriktiv setzen, dass Meinungen gar nicht mehr sichtbar sind, weil sie strafrechtlich relevant werden könnten. Dadurch unterdrücke ich natürlich auch Meinung und produziere ein demokratiepolitisches Problem.
DIE FURCHE: In Österreich können Leute wegen Hasspostings ihren Job verlieren. Ein KFZ-Lehrling und eine Spar-Führungskraft wurden wegen ihrer Flüchtlingshetze entlassen. Ist das denn die richtige Antwort?
Sarikakis: Ich weiß nicht, ob das Produzieren von Arbeitslosen eine Lösung ist. Die Strafe sollte mit einem Lernprozess, einer persönlichen Auseinandersetzung einhergehen.
Dafür gibt es Möglichkeiten, Opfer und Täter zu einem außergerichtlichen Tatausgleich zusammenzubringen, eine heikle Sache. Das Gesetz kann nur paradigmatisch wirken. Im Alltag bleibt es sehr schwierig, wenn man als Medienkonsument immer wieder mit hetzerischen Berichten konfrontiert ist. Wo besteht hier der Unterschied? Vielleicht nur in der Klassenzugehörigkeit und der dementsprechenden Ausdrucksweise.
DIE FURCHE: Sollte also Facebook mehr in die Pflicht genommen werden?
Jax: Facebook löscht ja bereits, sogar recht schnell. Das Problem ist, dass dort nach deren eigenen, undurchsichtigen Richtlinien gelöscht wird. Je nach Fall argumentiert Facebook auf seine bevorzugte Weise. Da gibt es noch viel zu tun. Man braucht aber keine neuen Gesetze erfinden, man muss nur die Leute dazu bringen, sich daran zu halten.
Perner: Statt zu löschen kann man auch etwas hinzufügen: Bei einem Foto etwa
einen Kommentar, statt bloß mittels schwarzem Streifen abzudecken. Und statt wen gleich zu kündigen, könnte man anbieten, eine Hassbotschaft öffentlich zurückzunehmen: „Mir haben wichtige Informationen gefehlt“, oder „Ich war gerade sehr wütend.“
DIE FURCHE: Es braucht also mehr Aufklärung für die Großen?
Jax: Unbedingt. Die Eltern haben oft gar nicht
die Kompetenz, Phänomene wie Cybermobbing auf Kanälen wie Snapchat zu verstehen. Die wissen oft gar nicht, was Snapchat ist. Warum sollten sich die Kinder also an die Eltern wenden? Da muss man ansetzen.
Sarikakis: Die gesellschaftliche Verantwortung von Politikern, Medien oder Schulen ist größer als die von Individuen. Das muss vom Gesetz klarer berücksichtigt werden. Das gilt auch für die Presse, die die Diskriminierung religiöser Minderheiten permanent kultiviert, wenn auch unterschwellig.
Perner: Gerade in Zeiten von Fake News benötigen alle Menschen die nötigen Informationen. Daher ist der Konsumentenschutzminister gefordert, sich mit der Gesundheitsministerin und der Bildungsministerin zusammenzutun. Wesentlich ist für mich, dass die psychische Gesundheit der Betroffenen nicht absichtlich verletzt wird. Es ist eine Aufgabe des Erwachsenwerdens, die innere Bestie an der Leine zu halten und ihr einen Maulkorb zu geben. Wir müssen lernen, Protest und Kritik in einer sozial vertretbaren Form
zu formulieren.

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung