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11/2017 - „Plötzlich schmeckt alles viel besser“
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Ungelesen 15.03.2017, 07:51
„Plötzlich schmeckt alles viel besser“

Wie wirkt das Fasten auf Körper und Geist? Woran erkennt man seriöse Fastenangebote und wer sollte
vom Fasten Abstand nehmen? Präventivmediziner Piero Lercher über die gesunde Praxis des bewussten Nahrungsverzichts.


| Das Gespräch führte Martin Tauss

Menschen, die regelmäßig fasten, sind nicht nur seltener übergewichtig, sondern haben auch ein geringeres Risiko für Asthma und Arthritis, Bluthochdruck und bestimmte Krebskrankheiten. Im Alter entwickeln sie auch seltener eine Demenz. Die medizinische Literatur weist darauf hin, dass mit dem Fasten eine Reihe von präventiven und gesundheitsfördernden Effekten verbunden ist. Doch nicht jeder ist für das Fasten geeignet. „Sobald es sich um eine medizinische Fastenform handelt oder kranke Personen fasten möchten, ist eine umfassende ärztliche Diagnostik unumgänglich“, betont Piero Lercher, Präventiv-, Arbeits- und Umweltmediziner in Wien. Die FURCHE hat nachgefragt.

DIE FURCHE: Das Fasten wird oft mit Begriffen wie „Entschlacken“ oder „Detox“ beworben. Ist das wirklich zutreffend?
Piero Lercher: Der Begriff „Detox“ wird oft fälschlicherweise verwendet, denn Entgiften ist für einen funktionierenden Körper selbstverständlich, sonst hätte er ja eine Krankheit. Der Begriff „Entschlacken“ ist ebenso fehl am Platz: Der Körper scheidet keine „Schlacken“ aus, die gibt es nur in der Metallurgie.
DIE FURCHE: Eine Reduktion der Nahrungsaufnahme kann aus verschiedenen Gründen erfolgen: Sie kann medizinisch sinnvoll oder angezeigt sein, kann aber auch religiös oder individuell motiviert sein, im Sinne der persönlichen Reifung und Weiterentwicklung. Wie bewerten Sie als Arzt die diversen Fastenformen?
Lercher: Alle Formen haben ihre Berechtigung, wenn sie richtig eingesetzt werden. Das wichtigste ist hier die Zielsetzung, das heißt, dass man wissen muss, warum man welche Form des Fastens anwenden will. Wird Fasten als Gesundheitsmaßnahme gewählt, so müssen auf jeden Fall eine ärztliche Diagnose und ein Behandlungskonzept vorliegen. Einfach ziellos „drauflosfasten“ ist auf jeden Fall ungesund und gesundheitsgefährdend.
DIE FURCHE: Welche körperlichen Effekte hat das Fasten?
Lercher: Der Stoffwechsel wird generell angeregt, von der Verdauung bis zum Herz-Kreislauf-Stoffwechsel. Die auffälligste Veränderung bei längerem Fasten ist natürlich ein Gewichtsverlust, der zugleich Impuls zu einer Ernährungsumstellung sein kann. Das Fasten kann freilich auch zu einer Leistungsschwäche führen, der man durch moderate körperliche Aktivität entgegenwirken kann. Bei vielen Fastenden verbessert sich das Hautbild, und es regulieren sich der Hormonhaushalt und die Verdauung. Der Magen-Darmtrakt wird auf einmal entlastet, das bedeutet richtiggehend Erholung für das Verdauungssystem. Falsches Fasten hingegen kann zu Mangelerscheinungen und gesundheitlichen Problemen führen.
DIE FURCHE: Welche Auswirkungen gibt es auf psychischer Ebene?
Lercher: Fasten führt auch dazu, dass man ein besseres Körpergefühl erlangt, also sich selbst wieder besser spürt und physiologische Signale erkennt. Ein Beispiel ist das Hungergefühl, das bei vielen Menschen durch Übermaß und Völlerei oft verloren geht. Der Geschmack auch einfacher Speisen wird nach dem Fasten viel intensiver erlebt: Plötzlich schmeckt alles viel besser – ein wunderbarer Effekt!
DIE FURCHE: Wie ist für Sie als Arzt die religiöse, spirituelle Dimension des Fastens zu erklären?
Lercher: Viele Menschen empfinden das Fasten auch als seelische und körperliche Reinigung, die in der Folge eine bewusstere Lebensweise nach sich ziehen kann. Man spürt sich besser, spirituelle Erfahrungen werden so begünstigt. Selbst in Kreisen, die nicht zu den Kirchgängern gehören oder dem Glauben sonst kritisch gegenüberstehen, ist das österlich-traditionelle Fasten oft noch als „restreligiöse“ Tradition vorhanden. Religiös motiviertes Fasten bedeutet aber nicht unbedingt Kalorienreduktion. Eventuell wird ja nur die Kost verändert, zum Beispiel auf Fleisch verzichtet. Ein Karpfen oder gar ein Heringsalat, das können richtige Kalorienbomben sein! Fasten ist eben nicht gleich Fasten.
DIE FURCHE: Muslime legen im Fastenmonat Ramadan ein extremes Ess- und Trinkverhalten an den Tag. Ist das noch gesund?
Lercher: Das Hauptproblem beim Ramadan-Fasten ist die Tatsache, dass die muslimischen Gläubigen gemäß gängiger Koran-Interpretationen ab der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang weder Nahrung noch Flüssigkeit zu sich nehmen dürfen. Das Trinkverbot kann gerade bei großer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit zu einer lebensbedrohenden Dehydrierung, also zum Wassermangel im Körper führen. Und die beim Fastenbrechen oft in Unmengen verzehrten Lebensmittel können dann Verdauungsprobleme