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37/2007 - Die Benedictus-Regel (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 13:32
Kurze Nachlese zum Papstbesuch in Österreich.
Von Rudolf Mitlöhner

Einen „wirklichen Dialog“ könne es „nur zwischen Menschen geben“, „die das bleiben, was sie sind, und die uns unbeirrt die Wahrheit sagen. Das heißt: Unsere heutige Welt erwartet von den Christen, dass sie auch künftig Christen bleiben.“ Das Zitat stammt nicht von Benedikt XVI., sondern von Albert Camus, dem französischen Philosophen des Absurden. Aber es drückt im Kern aus, was wohl die zentrale Botschaft des gegenwärtigen Papstes an die Welt, und besonders an Europa, ist: Das Bekenntnis zum Dialog, die Anerkennung des weltanschaulichen und religiösen Pluralismus dispensieren nicht nur nicht von der Wahrheitsfrage, sondern setzen voraus, dass man sich dieser stellt (siehe dazu auch den Beitrag von Otto Friedrich auf Seite 9). Bibelkundigen kommt hier die „Pilatusfrage“ in den Sinn: „Was ist Wahrheit?“ fragt Pilatus Jesus laut Johannesevangelium (18,38). Und Papst Benedikt hat – nicht zuletzt durch sein Jesus-Buch – keinen Zweifel daran gelassen, dass diese Wahrheit für ihn nicht eine Erkenntnis, ein Etwas ist, sondern eine Person: Jesus von Nazareth.
Mit seinem Insistieren auf der Frage nach der Wahrheit, indem er von den (katholischen) Christen Standpunktfestigkeit einfordert, sie ermutigt, die eigenen (Glaubens-)Überzeugungen zu bekunden, tritt Benedikt einem weit verbreiteten Missverständnis hinsichtlich der modernen westlichen Welt entgegen: dass ebendiese Welt und die sie prägende liberale Gesellschaftsordnung in Frage gestellt wären durch den Glauben an etwas, das über den als Minimalkonsens akzeptierten Werte-Mainstream hinausgeht oder gar von diesem abweicht. Oder, wie es der deutsche Publizist Jan Ross einmal in der Zeit geschrieben hat: „Eine liberale Gesellschaft ist keine aus lauter Liberalen, sondern eine mit einer liberalen Haltung, auch gegenüber Liberalismuskritikern.“ Liberal ist nicht, wer „nichts glaubt“ (wobei „glauben“ nicht nur im religiösen Sinn gemeint ist), sondern wer auch den Standpunkt („Glauben“) des anderen gelten lässt und respektiert.

Politisch wird es natürlich dort brisant, wo man den Boden des akademischen Disputs verlässt und es um den konkreten Niederschlag im sozialen und rechtlichen Gefüge eines Gemeinwesens geht.
Welche Überzeugungen – und damit auch: welche ihnen zugrunde liegenden Werte – sich durchsetzen, ist in demokratischen Systemen eine Frage der Mehrheiten. Gerade das aber spricht dafür, sich solche Mehrheiten zu suchen beziehungsweise auf deren Bildung hinzuwirken. Katholiken (wie auch alle anderen religiösen oder weltlichen „Glaubensgemeinschaften“) verhalten sich also nicht undemokratisch oder illiberal, wenn sie ihre Positionen in diesen demokratischen Diskurs einbringen – im Gegenteil, sie befördern diesen. Freilich kann niemand daran gehindert werden, unter Verweis auf einen diffusen Grundkonsens, den man nicht gefährden wolle oder ähnliches, auf die Artikulation seiner Interessen a priori zu verzichten – aber es kommt einer Selbstaufgabe gleich.
Wie in einem Brennpunkt wird all das am Beispiel der – ja auch gerade beim jüngsten Papstbesuch wieder aufgebrochenen – Abtreibungsfrage sichtbar (siehe auch „In medias res, S. 17). Hier zeigt sich deutlich, dass der viel beschworene „liberale Grundkonsens“ oft nur sehr oberflächlich Dinge zukleistert. In Wahrheit konnte natürlich kein Zweifel daran bestehen, dass der Papst und die katholische Kirche Abtreibung als Unrecht ansehen und daher jedes Interesse daran haben, dass die in der österreichischen Rechtsordnung gegebene Unterscheidung zwischen „straffrei“ und „erlaubt“ wieder schärfer ins öffentliche Bewusstsein rückt. Und die „Fristenregelung“ als geringstes Übel zu akzeptieren, heißt nicht, Abtreibungen gutzuheißen, sondern kann Zeichen der Einsicht sein, dass Schwangerschaft eine mit nichts sonst vergleichbare Situation darstellt, die eben diese Unterscheidung (straffrei – erlaubt) rechtfertigt.
Christen sollen Christen bleiben – um der Humanität willen, lautet die Botschaft des Papstes. Gewiss, Humanität setzt keinen Glauben voraus – aber wahrscheinlich hat Rüdiger Safranski recht, wenn er meint, dass man den Weg zum Menschen leichter findet, wenn man den Umweg über Gott nimmt.

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