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31/2015 - Die Ohnmacht Europas (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 10:56
Die Ohnmacht Europas

Festspiele, besonders jene in Salzburg, bieten auch Anlass zur Selbstvergewisserung und Standortbestimmung. Ein ungeschöntes Bild zeigt indes wenig Erfreuliches.

| Von Rudolf Mitlöhner


Drei Gegensatzpaare haben sich die diesjährigen Salzburger Festspiele als Motto gegeben: „Herrschen und Dienen, Macht und Ohnmacht, Unterdrückung und Aufbegehren“. Zeitlose Themen, gewiss, aber vielleicht doch in besonderer Weise zeitdiagnostisch, gerade was „Macht und Ohnmacht“ betrifft. Als eine Art europäische Selbstvergewisserung waren ja die Festspiele nach dem Untergang des „alten Europa“ von ihren Gründern erdacht worden – an diesem besonderen Ort, dem „Herz vom Herzen Europas“ (Hofmannsthal), sollte eben dieses wieder zu schlagen beginnen und den geistig-kulturellen Kreislauf des Kontinents in Schwung halten.
Um diesen „Kreislauf“ ist es freilich zur Zeit nicht gut bestellt. Von der Asyl- zur Griechenland-Krise, vom schwierigen Verhältnis zu Russland (Stichwort Ukraine) bis zum Freihandelsabkommen TTIP mit den USA gibt es Baustellen sonder Zahl. Immer deutlicher treten auch – wie stets in Krisen – sehr unterschiedliche Vorstellungen von Sinn und Zweck der Europäischen Union, Bruchlinien in ordungs- und sozialpolitischen Grundsatzfragen zutage; die mit einem EU-Austritt kokettierenden (drohenden) Briten sind da nur die Spitze des Eisbergs. Die Ohnmacht Europas ist in diesem „Sommer des Missvergnügens“ (frei nach Shakespeare, „Richard III.“) mit Händen zu greifen.

„Sozialismus oder Zerfall“

Dabei droht zunehmend untergraben zu werden, was einst die Grundlage für die Erfolgsstory des europäischen Einigungswerkes bildete: Freiheit, Vielfalt, Wettbewerb. Diese Trias und die mit ihr verknüpften Werte eines bürgerlich-liberalen Weltbilds geraten ins Hintertreffen, werden gar als Ursachen der Krise diskreditiert. Nicht alle sagen so klar, was sie wollen, wie Chef-Falter Armin Thurnher: „Die Neuerfindung des Sozialismus steht weiterhin auf der Tagesordnung“, schrieb er unlängst – und deutlicher noch, auf die EU bezogen: „Sozialismus oder Zerfall“. Für so viel Ehrlichkeit muss man fast schon dankbar sein, da macht einer aus seinem Herzen jedenfalls keine Mördergrube. Die Frage ist, ob die Botschaft auch bei jenen, welche die „Neuerfindung des Sozialismus“ für keine so gute Idee halten, ankommt – ob sie verstehen, worum es geht, was auf dem Spiel steht.

Projektionsfläche Griechenland

Auch wenn Griechenland, SYRIZA und Alexis Tsipras im Moment ein wenig aus den Schlagzeilen verschwunden sind, ist der damit verbundene grundlegende Richtungsstreit keineswegs ausgestanden. „Der Traum von einer Lateinamerikanisierung Europas – mit einer durch linke Eliten geführten sozialistischen Staatswirtschaft und radikalen Umverteilung – ist für Alexis Tsipras nicht am Ende, sondern erst am Anfang“, schrieb der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar kürzlich in der deutschen Tageszeitung Die Welt. Griechenland bilde gewissermaßen nur die Projektionsfläche für „eine Zersetzung des als neoliberal verschrienen Europas von heute und einen fundamentalen Systemwechsel hin zu einer Rückkehr des Sozialismus durch die Hintertür“.
Solche Äußerungen gelten freilich heute im europäischen Mainstream als dissenting vote. Nicht nur bei Linken, wohlgemerkt. Gerade Bürgerliche, Liberale, Christdemokraten erwecken oft den Eindruck, ihren inneren Kompass (oder das Vertrauen auf diesen) verloren zu haben. Statt eines entschiedenen sed contra („dagegen aber spricht …“) ist oft nur ein laues „Ja, aber“ zu vernehmen.
Wahrscheinlich konnten die Salzburger Festspiele nie das einlösen, was sich Hofmannsthal & Co. erhofft hatten, heute können sie es mit Sicherheit noch weniger – nicht aus Mangel, sondern weil es wohl eine Überdehnung des Festspielgedankens bedeutet, sich die Erneuerung Europas aus der Kultur zu erhoffen. Aber etwas von diesem optimistischen Gründungs- und Aufbruchsgeist bräuchte Europa dringend.

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