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Eine Recherche zerstört bekanntlich die schönste Geschichte …
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Ungelesen , 08:30
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Betrifft: Der Golan und die Sintflut (Kommentar von Oliver Tanzer, Nr. 25, S. 7)

Sie vermuten in Ihrem Kommentar, dass „einige UN-Soldaten ihren Unmut über die Art des Rückzuges äußern würden, wenn man sie von ihrer Schweigepflicht entbindet“.
Das Verteidigungsministerium hat, im Wissen, dass das Medieninteresse bei der Rückkehr unserer Soldaten sehr hoch sein wird, die Soldaten aufgefordert, pro Bundesland zumindest zwei Vertreter zu nominieren, die bereit sind, mit Journalisten zu sprechen.
Schmähungen, Unterstellungen und unqualifizierte Kommentare haben dazu geführt, dass die Soldaten – bis auf eine Ausnahme -–auf ihr Recht auf freie Meinungsäußerung gegenüber den Medien verzichtet haben. Ihre Unterstellung, wonach die Soldaten einer Schweigepflicht unterliegen würden, hat die Soldaten in ihrem Beschluss, keine Interviews zu geben, vermutlich bestärkt.
Hätten Sie nachgefragt, warum die Soldaten keine Interviews geben wollen, dann hätten Sie die Information bekommen. Aber: Eine Recherche zerstört bekanntlich die schönste Geschichte.
Oberst Mag. Michael Bauer
Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport
1090 Wien


Ich könnte Ihnen jetzt aus dem Stand drei aktive Angehörige des UN-Kontingents und zwei ehemalige Führungsoffiziere auf dem Golan nennen, die die Entscheidung abzuziehen, als taktische und moralische Fehlentscheidung ersten Ranges bezeichnen würden. Ich tue das nicht, weil ich von den nämlichen gebeten wurde, das nicht zu tun.
Das ideale Vorgehen wäre nun folgendes gewesen, wenn ich Sie richtig interpretiere: Ich hätte Sie mit dieser Information angerufen, und Sie hätten mir dann gesagt, dass die Medien die Bösen sind, und wir beide hätten nicht bemerkt, dass das nichts mit der Kritik zu tun gehabt hätte, welche die Soldaten äußern.
Dann hätte ich idealerweise einen Kommentar geschrieben – des Inhalts, dass Soldaten, die nicht genannt werden wollen, weil sie einen Maulkorberlass haben, sich von der Politik verraten fühlen. Aber, so hätte ich dann weiter geschrieben, Oberst Bauer vom Verteidigungsministerium sagt, das stimme nicht, den Maulkorb hätten sich die Soldaten selbst erteilt, weil die bösen Medien sie verunglimpfen. So in etwa.
Daraus erheben sich drei Fragen:
1. Warum sollten Soldaten einem Medienmann von einem Maulkorberlass erzählen, wenn dieser Ihrer Darstellung nach „selbstgewählte“ Maulkorb dazu da wäre, nicht mit Medienmännern sprechen zu müssen?
2. Warum sollten dieselben Soldaten auf ihr Recht auf Meinungsäußerung verzichten, wenn sie es doch gar nicht tun? Sie äußern sich nur eben in anonymisierter Form, weil das die einzige Möglichkeit ist, sich vor den internen und nach Darstellung der Betroffenen durchaus politisch motivierten Konsequenzen zu schützen.
3. Ich finde es äußerst großzügig vom Verteidigungsministerium, dass es zwei(!) Soldaten pro Bundesland nominieren lässt, die dann für alle sprechen und diese zwei pro Bundesland selbstverständlich frei und ohne Briefing durch die Pressestelle ihre Meinung äußern dürften. Aber ziehen wir da einmal Bilanz: Das wären potenziell 18, von denen nun offenbar keiner bis höchstens einer spricht – und auf der anderen Seite 360, die nie hätten sprechen dürfen: Wie anders, Herr Oberst, soll man so etwas bezeichnen denn als „Maulkorb“?
Weder ich noch die Medien „unterstellen“ den österreichischen Soldaten Feigheit. Schon eher vollbringt die Bundesregierung diese Rufschädigung, indem sie ein Kontingent angesichts eines Bedrohungsszenarios abzieht, das die dort Diensttuenden selbst für absolut vertretbar halten. Die Politik, ist es, die sie zu Feiglingen macht, die sie nicht sind. Ist es Soldaten, die in dieser Situation stehen, zu verdenken, dass sie die Vorgehensweise als entwürdigend, ehrlos und ungerecht empfinden?
Die Darstellung dessen aber widerspricht offenbar jener „schönen Geschichte“, an der die Regierung und auch Ihr Minister interessiert wäre.
Oliver Tanzer

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  17:38:09 04.11.2005