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18/2018 - Fenstergucker des Kapitals
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Ungelesen , 01:57
Fenstergucker des Kapitals

Über den Revolutionsphilosophen Karl Marx, sein Requiem für die Marktwirtschaft – und sein unglaubliches Überleben im Outer Space.

| Von Oliver Tanzer

Den Toten soll man bekanntlich nichts Schlechtes nachsagen. Das gilt für uns gewöhnlich Sterbliche. Aber wehe, man wird bekannt und berühmt – noch gefährlicher: Man schriebe ein politisches Buch, das mehr als 500 Seiten hat, deshalb nie gelesen wird, aber so bekannt ist, dass jeder halbberühmte Mensch sich einbildet, eine Meinung dazu haben zu müssen. Dann wäre man wehrlos ausgeliefert. Im Fall von Karl Marx ist der Fluch der falsch Nachsagenden besonders auffällig.
Denn wenn man alle Expertenurteile über ihn zusammenfasst, dann war Marx ziemlich widersprüchlich: ein Revolutionär und ein Bourgeois, ein treu sorgender Vater und ein rücksichtsloser Egoist, ein impulsiver Choleriker und ein kühler Stratege, ein Jude und ein Antisemit, ein Kapital-Experte und ein Pleitier. Eine Universitätsstudie machte sich sogar die Mühe, im Gesamtwerk des erhabenen Karl Marx das Wort „Scheiße“ zu suchen und zu zählen. Ergebnis: 54. So rachsüchtig kann nur das Nachleben sein.

Zeitbilder

In diesem Sinn muss man diese Tradition nicht fortsetzen und zunächst nur so viel sagen, dass der Mann besser zu lesen ist als all seine Biographien, Interpreten und Epigonen. Er war der letzte Philosoph, der versuchte, ein umfassendes Lehrgebäude zu errichten und die Philosophie in die Welt zu holen. Dass er mit seinen Maximalforderungen an die Menschheit gescheitert ist, ist so wahr wie die Tatsache, dass jedes Gesellschaftskonzept, das einen neuen Menschen schaffen wollte, nicht gelang.
Und man sollte hinzufügen, dass der Kapitalismus nur deshalb nicht scheitert, weil er dezidiert eine Veränderung des Menschen und seines Charakters nicht zum Ziel hat – ganz im Gegenteil: Statt einer Höherentwicklung muss man manchmal den Eindruck haben, das Ziel der kapitalistischen Gesellschaft sei eine Zurückentwicklung zur Freiheit der menschlichen Urinstinkte, als da wären Gier und Panik. Dieser Gedanke gehört übrigens nicht zu einem irreführenden Seitenstrang dieses Textes, er ist vielmehr seine Absicht und Teil seiner Struktur: Es geht ihm darum, in der Kritik und Reibung an den Gedanken von Karl Marx unser System zu spiegeln.
Gehen wir von einem Bild aus, vielmehr von Bildern – echten Bildern: Um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als Karl Marx gerade seine Karriere in London und Paris begründete, da war in der Malerei der „Blick aus dem Fenster“ ein äußerst beliebtes Motiv. In einer Welt, in der sich alles ändert, sind solche Blicke aus dem Fenster sinnvoll. Denn drinnen ist ein geschützter Raum, draußen das Uneinschätzbare – die Gegenwart und die Zukunft. Aus der Deckung des Inneren sieht man die Gegenwart draußen klarer, und weil man sie so klar sieht, sieht man manchmal auch die Zukunft.
Karl Marx war in diesem Sinn ein Fenstergucker. Draußen brüllte die industrielle Revolution, die Dampfmaschine von James Watt betrieb den ersten Schwall an produktivem Fortschritt in den Fabriken, während sich die Gesellschaft in Auflösung befand. Die Bauern und Knechte, Frauen und Kinder strömten zu Tausenden in die Fabriken oder sie wurden in die Armenhäuser getrieben, während die Politik so tat, als wäre nichts geschehen. Am Fenster: Karl Marx.

Markforum des Selbstverkaufs

Dieses Bild soll als erste Reibungsfläche mit der Moderne dienen. Wie würde Karl Marx heute am Fenster stehen und die digitale Revolution sehen? Natürlich würde er nicht durch ein Fenster schauen, sondern durch ein Computersystem namens Windows (für das Wortspiel danke ich Tomáš Sedláček). Und dort in diesen allen Windows würde er uns sitzen sehen, wie wir digital arbeiten, uns unterhalten oder vielleicht sogar virtuelle Identitäten annehmen.
Und dann würde Marx fragen, wer denn hier den Mehrwert schafft in dieser schönen neuen Welt. Das wären wieder wir selbst, all unsere Millionen und Milliarden persönlicher Daten auf Facebook und sonstwo. Das ist das Kapital der neuen Zeit. Und dafür, dass wir uns selbst verkaufen, tut uns das Netz einen ungeheuren Gefallen: Wir dürfen digital und gratis miteinander reden, spielen und einander Fotos oder Filmchen zeigen. Marx würde uns wohl zusehen und an Facebooks und Googles Opium für das Volk denken. Er würde den Kopf schütteln, wenn während unseres Rausches all das Kapital, das mit unseren Persönlichkeiten gemacht wird, bei unseren Dealern landet. Und dann würde Karl Marx den ersten Satz seines digitalen Manifestes schreiben, auf Papier, mit Feder und Tinte: „Internetmassen aller Plattformen, vereinigt euch!“

Klartext in Glaubensfragen

Nach dem kapitalen Spiel der digitalen Welt der Zukunft kommen in diesem Essay die Überbleibsel der alten Welt: Die Arbeit. Aber wo beginnen? Bei der industriellen Reservearmee oder der marx’schen Unterscheidung von Tier und Mensch durch Arbeit? Lieber anders: Karl Marx hatte einen großen Lehrer. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Der wurde unter anderem damit berühmt, dass er einen Weltgeist die Geschichte der Menschheit bestimmen sah (und ihn auch als Napoleon unter seinem Fenster vorbeireiten sah). Aber Hegel war auch ein Experte in Sachen Liebe und Religion. Er sagte, dass „eine wahre Vereinigung nur unter Lebendigen stattfindet, die an Macht sich gleich und von keiner Seite gegeneinander Tote sind“. Macht und Hierarchie töten die Liebe, weil sie die Möglichkeit töten, sich gegenseitig zu entwickeln, findet Hegel.
Karl Marx hatte diesen Gedanken vielleicht im Hinterkopf, als er über Arbeit und Kapital nachdachte. Für ihn ist die Arbeit in der Gesellschaft jenes Feld, in dem der Mensch sich entwickeln und entfalten kann. Das Kapital ist das Ergebnis der Arbeit. Je weniger Menschen dieses Kapital, den Gewinn einstreichen, desto unfruchtbarer wird es. Tot mit einem Wort. Marx beschreibt das so: „Das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch die Einsaugung lebendiger Arbeit und umso mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.“
Wenn man bei dieser Idee einmal den Klassenkampf abzieht und ein wenig mehr von Hegels Beziehungsidee hineinmengt, landet man beim großen Drama unserer Arbeitswelt. Der Beziehungslosigkeit zum eigenen Arbeits-Produkt, das in tausend arbeitsteilige Bereiche filetiert, für den Einzelnen zu toter Masse wird – produziert in wachsendem Stumpfsinn für ein System, das man nicht mehr überblickt, das aber das Schicksal unbarmherzig bestimmt. Und ist nicht dieser Zustand der Ohnmacht und der Sinnleere für die Erschöpfung von so vielen verantwortlich?
Der Weg aus einer solchen Vampirwelt, die Energie und Zufriedenheit vernichtet, ließe sich für uns alle einfach beginnen. Indem wir etwa täglich in der Früh auf eine Karte schreiben, warum wir eigentlich zur Arbeit gehen. Von der Vampirwelt des Karl Marx wären wir befreit, wenn auf dieser Karte nicht mehr steht: „des Geldes wegen“.
Und da wir gerade beim Menschen und seiner Befindlichkeit sind, können wir an seinem Beispiel auch auf die marxistische Methode, die Dialektik, eingehen. Also die Dynamik der Gegensätze, aus denen Neues entsteht. Vereinfacht gesagt ist jeder Mensch dialektisch angelegt. Manchmal ist er traurig, zornig, niedergeschlagen, dann wieder bester Laune und euphorisch. Das sind schon zwei einander prächtig widersprechende Gegensätze. In der Person des Karl Marx waren diese beiden Extreme besonders gut sichtbar. Vor allem, wenn es ums Geld ging. Denn der Mann hatte nie Geld und wenn er welches hatte, war er so euphorisch, dass er alles sofort zum Fenster hinauswarf. Den wechselvollen Charakter, den er dem Geld zuschrieb hat er vielleicht selbst am ehesten verspürt.

Furchen im Sternenstaub

Immer wieder startete er den Versuch, sich und seiner Familie eine gutbürgerliche, bourgeoise Existenz zu sichern. Er richtete seinen Töchtern Bälle aus, er trug Maßanzüge und setzte auf den Stil jenes Bürgertums, das er in seinen Schriften verachtete. Auch scheint er selbst seine Zweifel gehabt zu haben, ob er selbst der richtige Bewohner der marxistischen Welt sei. Während einer Soiree fragte ihn seine Gastgeberin, wie er sich denn sehe in der kommunistischen Zukunft. Und Marx sagte: „Diese Zeiten werden kommen. Aber wir müssen dann weg sein!“
Daran anschließend ein Gedankenexperiment: Gibt es eine marxistische Ökonomie? Historische Beispiele des Kommunismus können wir streichen, denn sie realisierten statt der Diktatur des Proletariats meist Diktaturen von Psychopathen. Die Antwort ist: Ja, es gibt sie, aber nur im Kino. In Star Trek erzählen sie von einem Land, in dem die Pflicht zur Arbeit aufgehoben ist. Denn alle Güter können von sogenannten Replikatoren hergestellt werden. Eigentum ist in solchem Überangebot vorhanden, dass es nur noch von untergeordnetem Wert ist. Dort lebt also Captain Kirk. Geld gibt es in der Föderation nur für den Austausch mit barbarischen Stämmen. Zu denen gehören auch die Ferengi, Nachkommen von Turbokapitalisten, die nach einem „heiligen Gesetz der Aquisition“ leben und in ihrem sozia*len Status steigen, wenn sie einen anderen Ferengi durch Betrug übervorteilen.
Wenn wir uns entscheiden müssten, Föderierte sein zu wollen oder Ferengis, was würden wir tun? Ferengi zu werden, ist leicht, da müssten wir nur bleiben wie wir sind. Zum Status der (marxistischen) Föderierten fehlt allerdings noch ein Quantensprung. Denn der selbstgenügsame Mensch, der den Frieden mit seiner Gattung und mit der Umwelt über alles andere stellt, müsste seine Instinkte und damit sich selbst überwinden. Wir sind davon sogar weiter entfernt als von der marxistisch-föderativen Form der leiblichen Auferstehung, die dann eintritt, wenn es heißt: „Beam me up, Scotty!“

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  09:28:04 07.17.2005