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13/2018 - Denn: „Das Heil kommt von den Juden“
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Ungelesen , 01:46
Denn: „Das Heil kommt von den Juden“

Gemeinhin gilt das Johannesevangelium als das Evangelium mit der größten Distanzierung vom Judentum. Es gibt aber Argumente, es in einer judenchristlichen und samaritanischen Gemeinde zu verorten. Der Vorwurf antijüdischer Polemik wäre dann obsolet.

| Von Hans Förster


Das Johannesevangelium ist in seinem Verhältnis zum Judentum sicherlich das problematischste der vier kanonischen Evangelien. Seine scheinbar deutlich fassbare Dis*tanzierung vom Judentum, die damit verbundene Außenperspektive und harte Formulierungen bezüglich „der Juden“ machen es zu einem Text, der in der Geschichte in antijüdischen und antisemitischen Kontexten Verwendung finden konnte. Eine Formulierung, die in der wissenschaftlichen Rezeption immer als Hinweis für Leser verstanden wurde, denen das Judentum fremd sei, ist die nur im Johannesevangelium begegnende Rede vom „Passa der Juden“ (vgl. Joh 2,13 oder 11,55). Ein weiteres Mal wird dieses Fest als „das Passa,
das Fest der Juden“ bezeichnet
(Joh 6,4). Der Evangelist, so scheint
es, bringt mit dieser Formulierung die innere Distanz seiner christlichen Gemeinde zur Synagoge zum Ausdruck. Nach dem weitgehenden Konsens der neutestamentlichen Forschung schreibt der Verfasser des Evangeliums aus dezidiert christlicher Perspektive, die Trennung vom Judentum sei bereits vollzogen, die Informationen seien für heidenchristliche Rezipienten des Textes gedacht.
Gerade für heidnische Leser müssen diese Formulierungen allerdings als merkwürdig bezeichnet werden. Der angeblich heidenchristliche Leser erfährt in Joh 2,13 nicht einmal, dass es sich beim „Passa der Juden“ um ein Fest handelt, muss aber darüber informiert werden, dass es das „Passa der Juden“ ist. Dies ist bedenkenswert, schließlich könnte theoretisch auch ein Leser gemeint sein, dem andere Passa-Feste bekannt sind.

Die Stämme Ephraim und Manasse

Natürlich kann man jetzt einwenden, dass diese hypothetische Annahme absurd sei, es gab ja im ersten Jahrhundert nur das Passa der Juden. Bei genauerer Betrachtung ist jedoch nicht die Argumentation selbst, sondern vielmehr der Einwand dagegen absurd. Es gab ja zur Zeit Jesu weit mehr als nur „die Juden“ und das Johannesevangelium thematisiert ausdrücklich nicht nur das Judentum, sondern auch eine höchst wichtige Gruppe, die zwar nicht dem Judentum zugerechnet werden kann, die jedoch als Nachfahren Abrahams sehr wohl einen exklusiven Jahwekult begingen. Es handelt sich um das sogenannte „Haus Josephs“, die Nachfahren des Erzvaters, der von seinen Brüdern in den Brunnen geworfen und nach Ägypten verkauft wurde, der jedoch zum Retter für seine Brüder wurde.
Diese Nachfahren, die Stämme Ephraim und Manasse, sind auch unter dem Namen Samaritaner bekannt. Das Johannesevangelium ist das Evangelium, das den Samaritanern in seinem vierten Kapitel den weitesten Raum einräumt. Ausdrücklich wird im Gespräch zwischen der Samaritanerin und Jesus die Konkurrenz der samaritanischen Kultstätte am Garizim mit dem Tempel in Jerusalem thematisiert (Joh 4,19–21): „Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.“
Die Samaritaner werden in der neutestamentlichen Forschung meist als „halbe Heiden“ konstruiert, und so wurde der Frage zu wenig Aufmerksamkeit zuteil, dass gerade auf die Samaritaner und ihre im Johannesevangelium deutlich feststellbare Kultkonkurrenz zu den Juden auch die Formulierung „Passa der Juden“ zutrifft. Dies impliziert selbstverständlich, dass auch die Samaritaner ein Passa feierten.

Samaritaner mit eigenem Passafest

Was man über die Samaritaner weiß, macht eine derartige Deutung wahrscheinlich. Samaritaner lebten ja nicht nur in Samaria, sondern auch in der Diaspora und können archäologisch durch ihre Spuren nachgewiesen werden. Der Kult der Samaritaner, das wird aus Inschriften deutlich, die sich beispielsweise auf der Insel Delos finden, war ein ausschließlicher Monotheismus mit einem Zentralheiligtum auf dem Berg Garizim. Dieser liegt rund 75 Kilometer nördlich von Jerusalem, an seinem Fuß befindet sich heute der Ort Nablus. Im Gegensatz zu den Juden verwendeten die Samaritaner zur Zeit Jesu nur die fünf Bücher Mose, sie erkannten also weder die prophetischen Bücher noch die weisheitliche Literatur der jüdischen Bibel an.
Das Passafest geht auf das Buch Exodus zurück, und wie der Begriff des „samaritanischen Pentateuchs“ bereits andeutet, gibt es die fünf Bücher Mose in einer Version der Samaritaner. Es ist also nicht nur sicher, dass sie das Passa gefeiert haben, es ist auch bekannt, dass sie das „Passa der Juden“ nicht mit den Juden feiern konnten, da sie – das zeigt auch eine andere Stelle aus dem Johannesevangelium (Joh 4,9) – von den Juden als kultisch unrein betrachtet wurden. Ferner wird von Historikern aus der Antike überliefert, dass sich der Kalender der Samaritaner von dem Kalender der Juden unterschied, dass also das Passa der Juden durchaus zu einer anderen Zeit im Frühjahr gefeiert wurde als das Passa der Samaritaner. Mit diesen zusätzlichen Informationen machen dann Formulierungen wie die Folgende sehr viel Sinn (Joh 2,13): „Und das Passafest der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.“

Nicht primär für Heidenchristen

Mit dieser Erkenntnis wandelt sich jedoch der intendierte Leser, für welchen der Verfasser des Johannesevangeliums schreibt: Es handelt sich um Leser, denen eine innerisraelitische Perspektive vertraut ist, die wissen, dass verschiedene israelitische Gruppen exis*tieren und zu unterschiedlichen Terminen die Befreiung des Volkes Israel aus der Knechtschaft in Ägypten feiern. Und das Volk Israel bestand beim Auszug aus Ägypten aus den zwölf Stämmen, einer von diesen war der Stamm Juda.
Innerhalb dieser Perspektive argumentiert das Johannesevangelium für eine Öffnung der samaritanischen Identität auf den von den Juden verwendeten umfangreicheren Kanon (Joh 4,22): „Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir aber wissen, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden.“
Angesichts eines derartigen Spe*zialwissens, das bei den Erst*lesern des Johannesevangeliums vorausgesetzt wird, muss die in der neutestamentlichen Wissen*schaft weit verbreitete These eines sich vorwiegend an Heidenchristen wendenden Textes als sachlich problematisch bezeichnet werden. Vielmehr scheint es sich um einen Text zu handeln, der durch die wissenschaftliche Konstruktion des Erstlesers aus einem zutiefst innerisraelitischen Text zu einem antijüdischen Text wurde.
Einmal mehr zeigt sich, wie sehr ein Vorverständnis dazu führen kann, dass Texte völlig unterschiedlich gedeutet werden. Für einen Heidenchristen ist die Rede vom „Passa der Juden“ natürlich abwegig, für eine johanneische Gemeinde aus Judenchristen und Samaritanern macht sie Sinn. Dafür muss man sich aber auch von dem weit verbreiteten Konstrukt verabschieden, dass es sich bei den Samaritanern um „halbe Heiden“ gehandelt hätte.
Sachlich machen die hier diskutierten Wendungen des Johannes*evangeliums weniger Probleme, wenn sie als innerisraelitischer Diskurs gedeutet werden. Gleichzeitig wird es durch diese Deutung viel schwieriger, das Johannes*evangelium als eine antijüdische Polemik zu verstehen: „Das Heil kommt von den Juden.“


| Der Autor forscht an der Universität Wien an
vom FWF geförderten Projekten zur koptischen
Überlieferung des Johannesevangeliums.|



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