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38/2013 - Offen, wohin die Reise geht (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 12:37
Offen, wohin die Reise geht

Halbjahresbilanz des neuen Pontifikats: Das Gefühl für den rechten Augenblick scheint das Charisma von Papst Franziskus zu sein. Aber wie ist es in den Mühen der Ebene?

Von Otto Friedrich

Im Land, wo es zwar keinen Hof mehr, aber noch wirklich Hofräte gibt, mutet es revolutionär an, was aus der Ewigen Stadt über die Alpen dringt: Da sistiert der Pontifex, der sich mit dem Namen des Bettelmönchs aus Assisi schmückt, bis auf Weiteres die Ernennung verdienter Kleriker zu Monsignori, Prälaten oder Apostolischen Protonotaren. In der Sache – und im Selbstverständnis von Papst Franziskus – eigentlich nichts Sensationelles: Zitiert nicht das Neue Testament zuhauf Jesus-Worte, dass man nicht nach Ehrbezeigungen streben soll, dass die Ersten die Letzten sein werden und umgekehrt?
Bezeichnend für die (katholische) Kirche und die Welt, dass das geschilderte päpstliche Ansinnen einiger Schlagzeilen wert scheint. Einmal mehr ist zu konstatieren: Das noch kurze Pontifikat hat sich in der Symbolpolitik längst bewährt (und vielleicht schon in die Geschichte eingeschrieben). Ob Telefonate mit „einfachen“ Menschen, die Verwendung eines uralten Autos mit 300.000 Kilo*metern auf dem Buckel oder Blitzreisen wie zu den Flüchtlingen auf Lampedusa, päpstliche Strafpredigt ans reiche Europa inklusive: Die katholische Kirchenspitze hat eine beinah permanente globale Medienpräsenz – und noch dazu eine gute Presse.

Meisterliches und – noch – Diffuses

In der großen Geste, dem Gefühl für den Kairos, den richtigen Augenblick, erweist sich Franziskus, der Bischof von Rom, als meisterlich. Doch gilt das auch für die inhaltliche Konkretion, die Mühen der Ebene? Die zu bewältigen ist ja mindestens so wichtig, wie der „guten“ Kirche ein Gesicht und denen, um die es zuvorderst gehen sollte (Stichwort: Option für die Armen), eine Stimme zu geben.
Hier fällt erste Bilanz diffus aus, auch wenn Franziskus sehr wohl Pflöcke einzuschlagen beginnt. Die Ernennung eines mit der Kurie Vertrauten zum Staatssekretär mag da ein Fingerzeig sein: Auch dieser Papst braucht seinen Apparat hinter und nicht gegen sich, so die Botschaft dieser Entscheidung. Dass Anfang Oktober erstmals die aus aller Welt zusammengsammelte Kardinalskommission zur Kurienreform tagt, darf mit Spannung erwartet werden. Gleichzeitig sollte nicht euphorische, sondern gedämpfte Hoffnung herrschen, denn alte Institutionen sind nicht leicht – und vor allem: nicht so schnell – zu verändern.

Hoffnung für wiederverheiratete Geschiedene?

Franziskus brachte in den letzten Tagen zusätzlich das heiße Eisen der Geschiedenenpastoral aufs Tapet. Das weckt weiter Erwartungen. Es müsse sich da etwas ändern, meinte er – und kündigte an, dass sich sowohl die angeführte Kardinals*kommission als auch die nächste Bischofssynode damit beschäftigen werden. Wohin die Reise geht, ist also noch offen. Aber das Thema ist angesprochen. Gut so. Sehr gut.
Daneben schlägt das Sys*tem auch zurück: Die Zementierung der Absetzung des in seiner Unkonventionalität dem Papst durchaus ähnlichen slowakischen Erzbischofs Róbert Bézak und die Ernennung eines linientreuen Nachfolgers nun unter Papst Franziskus etwa stellt kein Ruhmesblatt dar.
Zurzeit reicht es aber wohl, zu konstatieren, wovon nun nicht mehr gesprochen wird: Was ist mit der Pius-Bruderschaft – kräht noch ein Hahn danach? Und zieht irgendjemand Relevanter das II. Vatikanum und seine bahnbrechenden Errungenschaften in Zweifel? Wer hätte das vor Jahresfrist gedacht?
Reminiszenzen an vor 100 Jahren tun sich auf: Das Pontifikat des persönlich heiligmäßigen Papst Pius X. war vom Modernismus-Streit geprägt: Alle Versuche dessen, was später „Aggiornamento“ hieß, wurden da verketzert. Damals baute die römische Kurie ein globales Spitzelsystem auf, um vermeintliche Abweichungen von einer reinen Glaubenslehre im Keim zu ersticken. Pius X. starb 1914. Unter Nachfolger Benedikt XV. verschwanden die schlimmsten Auswüchse des kirchlichen
Denunziantentums praktisch über Nacht …

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