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45/2016 - Trump – das sitzt tief (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen 09.11.2016, 08:55
Trump – das sitzt tief

Nun ist eingetreten, was niemand für möglich gehalten hätte. Dennoch folgt der Wahlsieg Donald Trumps einer Logik der Entwicklungen in den USA wie in Europa.


| Von Rudolf Mitlöhner

Von Christian Kern als Bundeskanzler wird zumindest ein Satz in Erinnerung bleiben: „Sie wollen das System und die Eliten auf den Knien sehen“, formulierte er jüngst in einem Interview mit der Zeit. Sie, das sind die Wähler, die sich in Europa und den USA von den etablierten sozial- und christdemokratischen bzw. konservativen Parteien sukzessive abwenden, „die Menschen, die FPÖ, Trump oder Le Pen wählen“ (Kern). Der Befund ist zweifellos richtig, aber weder der Kanzler noch die meisten Beobachter hätten wohl damit gerechnet, dass dieser Satz eine derart dramatische Bestätigung erfahren würde, wie dies nun durch die US-Präsidentschaftswahlen geschehen ist. Nun, nach Donald Trumps Triumph, leuchtet er gewissermaßen global sichtbar grellrot an der Wand: „Sie wollen das System und die Eliten auf den Knien sehen.“
Berechtigte Sorgen, Ängste, Irritationen – etwa in puncto Massenmigration, Islamisierung, Identitätsverlust etc., aber auch angesichts des politisch korrekten Mainstream-Diskurses in diesen und vielen anderen Fragen – amalgamieren sich da mit irrationalen und verschwörungstheoretischen Versatzstücken sonder Zahl. Dabei sind jene, welche bei den genannten Themen schnell mit dem „Alarmismus“-Vorwurf zur Hand sind, dieselben, welche Alarm schlagen, wenn Wahlen so ausgehen, wie nun eben in den USA.

Moralisierende Anti-US-Pose

Diese sind es auch, die – womöglich ohne es zu wissen – mit manchen Positionen des designierten US-Präsidenten Donald Trump durchaus einverstanden sein müssten. Denn Trump steht, soweit man das aus seinen Aussagen herauslesen kann, für politischen und wirtschaftlichen Isolationismus. Er will also offensichtlich nicht, was insbesondere die europäische Intelligenzija stets in moralisierender Pose den USA vorgeworfen hat: dass sie sich überall einmischen und ihr böses kapitalistisches Wirtschaftssystem der ganzen Welt aufzwingen. Trump steht letztlich in einer Reihe mit jenen Politikern und Parteien, von denen Kern (s. o.) einige genannt hat und wozu auch noch etwa die Schweizerische Volkspartei (SVP) oder die deutsche AfD zu zählen wären. Grosso modo gilt für sie alle, was die NZZ bezogen auf den Front National schon vor längerer Zeit formuliert hat: „Wollte man Le Pens Gemisch mit gängigen Begriffen beschreiben, müsste man es folglich, ganz nüchtern betrachtet, ‚national-sozialistisch‘ nennen.“ Vom „Bruder Trump“ schrieb gar NZZ-Chef Eric Gujer kürzlich spöttisch mit Blick auf parallele Phänomene dies- und jenseits des Atlantiks.

Zwischen Wutbürgertum und Elitenarroganz

Ungeachtet dessen muss man sich gerade diesseits des Atlantiks über das US-Wahlergebnis, aber auch schon über die im Wahlkampf so deutlich zutage getretene Zerrissenheit der Vereinigten Staaten Sorgen machen. Denn, auch wenn es die USA-Kritiker zur Linken wie zur Rechten nicht sehen wollen, es kann kein Zweifel daran bestehen, dass gerade in der heutigen Zeit, angesichts einer immer komplexer und schwieriger werdenden Weltlage, das Land „als ein den Werten der liberalen Demokratie verpflichteter Stabilitätsanker und global agierender Ordnungsfaktor gebraucht würde wie selten zuvor“ (© B. Kohler, FAZ).
Man sollte indes zumindest nicht gänzlich ausschließen, dass Präsident Trump anders agiert, als es seine Kampagne erwarten bzw. befürchten lässt. Die Hoffnung jedenfalls kann sich ja, hüben wie drüben, nur darauf richten, dass zwischen Wutbürgertum und Elitenarroganz, zwischen Systembewahrung und Fundamentalverweigerung etwas vernünftiges Neues entsteht. Es wird mit mehr direkter Mitbestimmung der Bürger zu tun haben, es wird mit manch Überkommenem brechen und somit den derzeitigen politmedialen Protagonisten in vielem gar nicht gelegen kommen. Aber wie sagte Barack Obama in einer ersten Reaktion: „Auch morgen wird die Sonne aufgehen.“

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