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20/2018 - Auf überwachsenen Wegen
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Ungelesen , 01:23
Auf überwachsenen Wegen

Nicht weit von Wien findet man einsame Bergwälder, die sich selbst überlassen bleiben: Unterwegs in der „verkehrten Welt“ des Wildnisgebiets Dürrenstein.

| Von Martin Tauss


Fünf Autos schlängeln sich auf einer Bergstraße, links steile Felsabhänge, rechts ein rauschendes Bachbett. Es ist ein verlassener Weg, der an der Grenze des Wildnisgebiets Dürrenstein verläuft. Die kleine Gruppe, die sich in der Früh am Rotschild-Parkplatz getroffen hat, fährt zum Ausgangspunkt einer halbtägigen Wanderung; Trittsicherheit ist hier Voraussetzung: „Wildnisgebiet kompakt“ heißt die Tour, die von Stefan Schörghuber geleitet wird. Die Route führt zunächst flach entlang der Straße auf 650 Meter Seehöhe. Der Wildbiologe und Forstwirt geht ein paar Schritte zurück und zeigt mit seinem Wanderstock auf eine Blume, die einsam aus dem Fels sprießt. „Ach ja, und hier sehen wir die Weiße Silberwurz, auch Dryas genannt. Dieses Gewächs war während der Eiszeit namensgebend für eine ganze Klimaperiode.“ Das war grob gesagt vor 12.000 bis 10.000 Jahren vor Christus. Damals war das eiszeitliche Relikt nicht nur in der Arktis und den Alpen, sondern in ganz Nord- und Mitteleuropa verbreitet.
Seit der letzten Eiszeit konnte sich der Rothwald weitgehend unbeeinflusst entwickeln. Der letzte größere Urwaldrest im gesamten Alpenbogen bildet mit seinen rund 400 Hektar die Kernzone des Wildnisgebiets Dürrenstein, zu dem heute auch andere Gebiete im südwestlichen Niederösterreich gehören. Etwa die „Hundsau“, wo die geführte Wanderung heute unterwegs ist. Seit 2002 werden diese Zonen sich selbst überlassen. Die Gesamtfläche umfasst 3500 Hektar.

Waldläufer mit Werkzeug

„Im Wildnisgebiet wird ein sogenannter Prozess-Naturschutz verfolgt“, sagt Schörghuber. „Man schützt in erster Linie Prozesse und nicht spezifische Arten. Der Mensch nimmt sich als Gestalter zurück; ökologische Vorgänge können dadurch weitgehend ungestört ablaufen.“ Doch es gibt auch Ausnahmen: So wie das Projekt zur Wiederansiedelung des Habichtskauzes, das im Wildnisgebiet Dürrenstein (ebenso wie im Wienerwald) erfolgreich verläuft. 2015 wurden hier 21 Jungkäuze aus einem Zuchtnetzwerk freigelassen. Die Eulenart, die in Österreich als ausgestorben galt, wird nun bei der Brut unterstützt. Habichtskäuze benötigen dazu Bäume mit relativ großen Naturhöhlen; durch spezielle Nistkästen kann man ein bisschen nachhelfen. Schörghuber deutet auf ein kleines Baumhaus, das in einer Baumkrone angebracht wurde.
Im Zuge von Erhebungen und Monitoring-Maßnahmen werden hier immer wieder besondere Funde in Flora und Fauna gemacht. Erst vor Kurzem wurden erstmals für Niederösterreich mehrere Kleinschmetterlingsarten nachgewiesen. Bei den Spechten wiederum sei auffällig, dass anspruchsvolle und österreichweit sehr seltene Arten wie der Weißrückenspecht oder der Dreizehenspecht hier zu den häufigsten Vertretern gehören. „Der sonst in Gärten und Parks sehr häufige Buntspecht hingegen zählt im Wildnisgebiet zu den seltensten“, erzählt Schörghuber. „Man könnte durchaus sagen, wir haben hier eine ‚verkehrte Welt‘.“
Natürliche Prozesse zu schützen bedeutet auch, dass nach einem Lawinenabgang nicht aufgeräumt wird: Die gebrochenen Bäume bleiben einfach liegen und werden zu Totholz – was bestimmte Tiere sehr erfreut. „Spechte, Fledermäuse oder holzbewohnende Käfer profitieren ganz enorm vom reichen Totholz-Angebot im Wildnisgebiet“, erklärt Schörghuber, der gerade über einen quer liegenden Baum klettern musste. Das passiert auf dieser Wanderung immer wieder. Doch erfahrene Waldläufer haben immer Werkzeug dabei: Damit ihm die Teilnehmer leichter folgen können, schneidet der Tourenleiter in die Höhe ragende Äste der toten Bäume sogleich mit einer kleinen Säge ab.
Es ist frisch und feucht, der Boden reich an Spuren. Wildschweine haben die Erde umgegraben, Rehe und Hirsche ihre Losung hinterlassen. Es ist die erste Führung in diesem Jahr, der Verlauf des Weges daher oft eine Überraschung: Über die lange Winterpause sind etliche Bäume umgestürzt, manchmal muss man großflächiger ausweichen. Warum die Holzriesen eingeknickt sind, ist oft nur detektivisch zu ergründen. „Dieser Baum hier“, sagt Schörghuber und zeigt auf eine am Boden liegende Buche, „hat zwar einen geschützten Standort gehabt, wurde aber durch Pilzbefall von innen geschwächt. Dann reicht schon ein kleiner Windstoß. Und genau an dieser Schwachstelle ist er dann gebrochen, wie man hier sieht.“ Das Totholz wird abgebaut, seine Nährstoffe dringen in den Boden. Im Laufe der Evolution haben sich zwei Abbauwege herausgebildet: Schon seit Jahrmillionen wird Zellulose durch Braunfäule zersetzt. Weißfäule ist ein Verfahren, das die Natur erst viel später erfunden hat: Mit einem speziellen Enzym gelingt es, auch das Lignin des Holzes zu verwerten. „In der Natur wird letztlich alles wieder genutzt“, so Schörghuber.

Der Baum-Sonderling

Der Weg windet sich bergauf, Nebelschwaden hängen über den grünen Bergflanken. Die Gruppe kommt auch an Bäumen vorbei, die trotz schwierigster Bedingungen aufrecht geblieben sind. Eine Buche wächst im steilen Gelände und streckt ihre Äste dem Licht entgegen; sie hat es geschafft, ihre Wurzeln im seichten Erdboden über eine große Fläche zu verteilen. Ist sie 50, 100 oder gar 200 Jahre alt? Auch die Naturkundler unter den Teilnehmern trauen sich das nicht zu beantworten. Eine Eibe steht auf einem schmalen Grat, der plötzlich einen atemberaubenden Ausblick über einsame Täler und wilde Schluchten eröffnet. Stille, nur der Ruf von Vögeln hallt wider.
Manche Teilnehmer klopfen auf das Eibenholz, es ist hart wie Stein. Eiben können tausend Jahre alt werden, sie sind extrem widerstandsfähig und überleben oft Sturm, Blitz und Brand. „Auch dieser Baum hat schon einmal gebrannt“, bemerkt Schörghuber. Man kann sich davon überzeugen, wenn man durch Spalten in das verkohlte Innere des Baumstamms blickt. „Eiben suchen sich ihre Nischen und sind quasi die Sonderlinge unter den Bäumen.“ Für die Kelten symbolisierte die Eibe eine Brücke zum Jenseits, und schon der Ötzi kannte ihre Vorzüge für den Bogenbau. Aufgrund ihrer Beliebtheit zur Herstellung von Waffen kam es schon früh zur Übernutzung der Eibe. Zugleich wurde sie systematisch ausgerottet, da ihr Gift eine Gefahr für Nutztiere darstellte. Im England des 16. Jahrhunderts etwa waren die Eiben-Bestände schon so erschöpft, dass das Holz aus anderen Ländern importiert werden musste.

Archaisches Feuerzeug

Immer wieder sieht man Schwämme, die wie krustige Saugnäpfe am Holz der Bäume kleben. Es sind Pilzarten, die geschwächte Bäume befallen. Der Zunderschwamm ist sehr leicht brennbar; mit ein paar Funken bringt man ihn dauerhaft zum Glosen, erklärt Schörghuber. Zumindest seit der Jungsteinzeit diente er als eine Art archaisches Feuerzeug. Auch der Ötzi war gut ausgerüstet und hatte einen Zunderschwamm mit sich geführt. „Eine absolute Besonderheit des Wildnisgebiets ist ein extrem seltener Feuerschwamm an der Tanne“, so der Biologe. „In ganz Europa liegen von dieser Art nur einige wenige Nachweise vor.“
Es ist Zeit für den Abstieg. Der Weg führt hinunter zum Büllenbach, der talwärts fließt und stürzt. Der Himmel hat sich aufgeklart. „Mit ein bisschen Glück kann man von hier aus einen Adler beobachten“, sagt Schörghuber, „am gegenüber liegenden Bergrücken gibt es einen Horst“. Zeit auch für ein bisschen Geschichte: Der Naturschutz in diesen Gebieten verdanke sich schon lange glücklichen Umständen. So waren für den Bestand des Rothwalds jahrhundertelange Besitzstreitigkeiten zwischen der Kartause Gaming und dem Stift Admont günstig. Im 19. Jahrhundert hatte der Bankier Albert Rothschild den Urwald aus der Konkursmasse einer Aktiengesellschaft ersteigert. Gegen den Zeitgeist stellte er das Gebiet unter seinen persönlichen Schutz – und legte damit den Grundstein für das Wildnisgebiet.
Heute weiß man es ihm zu danken, denn der Andrang zu den Führungen ist groß. Die Idee dahinter ist triftig: Um das Interesse für die Natur zu wecken, ist es wichtig, ihre wilden Erscheinungsformen hautnah erlebbar zu machen.

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  05:15:38 06.15.2005