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35/2016 - Die Heilige aus Kalkutta (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 09:35
Die Heilige aus Kalkutta

Am 4. September wird Mutter Teresa zur Ehre der Altäre erhoben. An ihrer Person lassen sich ein modernes Verständnis von Heiligkeit wie Kritik daran festmachen.

| Von Otto Friedrich


Man kann es als Anachronismus in der modernen Zeit abtun, was sich am kommenden Sonntag in Rom ereignet, wenn Papst Franziskus Mutter Teresa von Kalkutta „zur Ehre der Altäre“ erhebt. In der Tat mag es dem bedingt frommen Zeitgenossen aufstoßen, welch vermoderner Versatzstücke sich die Kirche immer noch befleißigt: Das notwendige Wunder ist dokumentiert, und so war die letzte Hürde zur Heiligsprechung gemeistert. Franziskus hat zwar schon versucht, die Wundergläubigkeit ein wenig zurückzudrängen: Papst Johannes XXIII. etwa „erließ“ er das Wunder einfach und sprach ihn trotzdem heilig. Aber bei Mutter Teresa ist diesbezüglich die katholische Welt noch in Ordnung. Dabei könnte gerade in ihrem Fall der Ruf der Heiligkeit ohne Wenn und Aber (und auch ohne Wunder) bekräftigt werden.
Manche tun Mutter Teresa als ethischen Popstar ab, dessen zweifellos „gute“ Taten perfekt in die oberflächliche Medienkultur passen. Ihr blieb da die Rolle der Projektionsperson zugedacht, wie in der Unmenschlichkeit der Welt jemand zumindest einen „Tropfen im Ozean“ dagegen setzt.
Mutter Teresa habe Gutes getan, aber nichts bewirkt (oder auch bewirken wollen), um das Unrecht und die Armut nachhaltig zu bekämpfen. So lautet der gravierendste Vorwurf gegen ihr Engagement. Und es stimmt, dass ihre persönliche Spiritualität und Mystik auch den Mächtigen der Welt kaum im Wege stand.

Das Bild vom Tropfen im Ozean

Diese – politische – Debatte ist zweifelsohne zu führen. Aber das ist etwas anderes, als eine Auseinandersetzung mit Heiligkeit. Denn dort geht es zuvorderst um eine Entscheidung für ein Ziel in der Nachfolge Jesu, so glauben es die Katholiken, in großer Unbedingtheit die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen. Und dafür ist Mutter Teresa ein Vorbild der Zeit. Man kann das von der neuen Heiligen selbst ins Spiel gebrachte Bild vom Tropfen im Ozean weiterspinnen: Auch wenn es nur ein Tropfen ist, so wäre das Meer eben um diesen ärmer. Das löst nicht die Probleme von Armut und Ungerechtigkeit. Und ist dennoch notwendig.
Die hier angedeutete Diskussion rührt auch direkt an aktuelle politische Auseinandersetzungen: Muss man dem einzelnen begegnen, jedem Namenlosen die Würde neu geben, oder ist es wichtiger, die Welt zu „verbessern“?

Ein Blick auf eine „ausgewogene Biografie“

Das Beispiel Mutter Teresas zeigt, dass diese Diskussion, wenn sie absolut gesetzt wird, in eine Sackgasse führt: Wieviel unmenschlicher wäre die Welt, wenn es etwa die Sterbehäuser für die Ärmsten, wie sie Mutter Teresa errichtet hat, nicht gäbe? Und wieviel unmenschlicher bliebe diese Welt, wenn nicht Menschen die Ursachen von Armut und Ungerechtigkeit angingen?
Ein modernes Verständnis von Heiligkeit bedeutet, dass es nicht darum geht, ethisch und spirituell perfekt zu sein. Sondern eben im Bewusstsein zu leben, als Tropfen im Ozean zu wirken, und dieses Bewusstsein in großer Konsequenz im eigenen Leben zur Geltung zu bringen.
Im Übrigen könnte da gerade die heilige Teresa von Kalkutta besonders als Beispiel leuchten: Denn es gibt ja auch Zeugnisse der spirituellen Not und der Gottesferne, denen sich Mutter Teresa immer wieder gegenüber sah. Martin Kämpchen, ein bekannter Brückenbauer zwischen Indien und Europa, hat in der Frankfurter Allgemeinen vor kurzem genau dies eingemahnt: Man könne Mutter Teresa und ihrem Orden eine antimoderne und antiintellektuelle Grundhaltung vorwerfen. Aber er schlägt vor, genau aus diesen Gründen eine „ausgewogene Bio*grafie” Mutter Teresas, die eben die Dunkelheit miteinschließt, in den Blick zu nehmen.
Dem kann nur zugestimmt werden: Das Zusprechen von Heiligkeit, wie es der Papst am Sonntag vollziehen wird, bedeutet den ausgewogenen Blick auf ein besonderes Leben. Und das schließt Verehrung wie Kritik gleichermaßen ein.


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