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22/2018 - Hochgeschätzte Lesende! (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 02:17
Hochgeschätzte Lesende!

Verteidigungsminister Mario Kunasek hat mit seinem Vorstoß gegen das Gendern beim Heer ein Problem benannt, das weit über sein Ressort hinaus Beachtung verdiente.


| Von Rudolf Mitlöhner


Es ist insbesondere für die ÖVP kein Ruhmesblatt, dass es eines in keiner Weise herausragenden FPÖ-Politikers bedurfte, um den sogenannten „geschlechtergerechten Sprachgebrauch“ (Gendern, Stichwort Binnen-I etc.) kritisch zu thematisieren. Verteidigungsminister Mario Kunasek hat sich bislang weder als politisches noch als intellektuelles Schwergewicht präsentiert, aber mit einem entsprechenden Vorstoß in seinem Ressort hat er zweifellos einen Nerv getroffen.
Man kann nun darüber witzeln, dass das (männerdominierte) Bundesheer nicht gerade die Speerspitze der Gendertheorie und -praxis bildet. Man kann sich auch darüber lustig machen, dass Kunasek einen Erlass abgeschafft habe, der so ohnedies nicht existierte. Klar ist aber, dass sogar im Bundesheer und vielmehr noch in anderen Bereichen eine Sprachverunstaltung Einzug gehalten hat, die unter dem Deckmantel „Geschlechtergerechtigkeit“ fast schon als state of the art gilt.
So spricht und schreibt heute fast jeder schon von Studierenden statt von Studenten, wobei völlig klar ist, dass ein (akademisch) Studierender vermutlich ein Student ist, aber auch der fleißigste Student nicht allezeit ein Studierender. Dazu kommt noch – wie beim Gendern generell – die völlige Inkonsequenz. Denn auch einE noch so fortschrittlicheR ChefredakteurIn spricht seine/ihre LeserInnen nicht als „Lesende“ an, sondern als „Leserinnen und Leser“. Und niemand redet von Frisierenden, Installierenden, Kämpfenden, Operierenden, sondern von Friseuren, Installateuren, Kämpfern und Operateuren.

Habituelle Inkonsequenz

Ohne solche Inkonsequenz wäre das Gendern freilich überhaupt nicht erträglich. Man probiere einfach nur, einen Text von Anfang bis Ende durchzugendern: Er wird unlesbar, egal ob man das Binnen-I, Sternchen, Unterstriche oder auch nur ständig männliche und weibliche Formen verwendet. Mündlich ist es noch schlimmer, etwa wenn brav politisch-korrekte Politiker sich vor lauter „Bürgerinnen und Bürgern“, „Polizistinnen und Polizisten“ etc. ständig verhaspeln.
Die bizarrsten Blüten treibt die „geschlechtergerechte Sprache“ freilich im Bildungsbereich. Längst gelten auch an katholischen Privatschulen die „SchülerInnen“ und „LehrerInnen“ als Ausweis zeitgemäßer Geistigkeit. Und an den Unis sind es eben die Studierenden und die Bekennenden … äh, ProfessorInnen natürlich.

Bürgerliche Fehleinschätzungen

Weil wir schon im universitären Bereich sind: Ein weiteres Beispiel für die genannte Inkonsequenz sind die hochgestellten Kleinbuchstaben bei akademischen Graden und Titeln (Mag.a, Dr.in etc.). Seltsam genug: als würde nicht Mag. gleichermaßen als Abkürzung für Magister wie Magistra taugen. Während man beim Magister aber offenbar vom Lateinischen ausgeht, nimmt man beim Doktor/Professor anscheinend das deutsche Fremdwort zur Grundlage; denn das Lateinische kennt keine weibliche Form von doctor oder professor, womit sich auch das hochgestellte in erübrigt.
Man kann all das natürlich als Bagatelle abtun – und in der Tat hat das Land, haben unsere westlichen Gesellschaften andere, gravierendere Probleme. Aber man sollte doch nicht übersehen, dass dem Umgang mit Sprache ein ganz zentraler Stellenwert zukommt; dass sich in der Sprache vieles an gesellschaftlichem Bewusstsein und Selbstverständnis bündelt. Über Sprache bzw. die Deutungshoheit über die Begriffe lässt sich trefflich Politik machen. Die Linke hat das seit jeher gewusst und konsequent in ihrem Sinne zu nutzen verstanden. Bürgerlich-Konservative unterschätzen solche und andere Dinge (Geschichte, Medien …) tendenziell, glauben darüber zu stehen, halten es irgendwie für unfein, sich damit zu befassen oder was auch immer. Es ist schon eine besondere Pointe, dass da dann einer wie Mario Kunasek kommen muss …

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  10:09:42 07.16.2005