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15/2017 - Wenn ein Papst zurücktritt
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Alt 12.04.2017, 08:30
Wenn ein Papst zurücktritt

Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf kritisiert in seinem neuen Buch „Konklave“,
die „symbolische Kommunikation“ des emeritierten Papstes.


| Von Andreas R. Batlogg SJ

W eiß oder schwarz? Gemeint ist: die Farbe der Soutane. „Santità“ (Heiligkeit) oder Eminenz? – Das waren weder die einzigen, noch nebensächliche Fragen, die zwischen dem 11. und dem 28. Februar 2013, als die Sedisvakanz eintrat und wirksam wurde, zu klären gewesen wären. Satte zwei Wochen gab es dafür Zeit, bis heute, auch mehr als vier Jahre danach, sind sie ungeklärt. Um kirchenrechtliche Quisquilien handelt es sich aber gerade nicht.
Es wird ihn nicht freuen, den ehemaligen deutschen Papst, der am 16. April sein 90. Lebensjahr in seinem „Klösterchen“ im Vatikan vollendet, was er hier bei dem Münsteraner Kirchengeschichtler Hubert Wolf zu lesen bekommt: „Rücktritt vom Papstamt als Rücktritt ins Kollegium der Kardinäle, Ablegung der weißen Papstgewänder und Wiederanlegen der roten Kardinalsgewandung, Anrede ,Eminenz‘ statt ,Heiligkeit‘, Titel ,Emeritierter Kardinalbischof‘ statt ,Emeritierter Papst‘: Das ist das in der Papstgeschichte zweimal erfolgreich angewandte Modell, das der Anerkennung des Pontifikats und der Leistungen Benedikts XVI. genauso wenig Abbruch täte wie der Gregors XII. Jedenfalls wären dadurch alle möglichen Missverständnisse von vornherein ausgeschlossen und jede Rede von einem Gegenpapst unmöglich gemacht.“

Wolfs Kritik besteht zu Recht

Wolf überzeugt, seine Kritik besteht zu Recht. Es gibt nur einen Papst, ja. Aber wiederholt gab es seit dem 13. März 2013, als Jorge Mario Bergoglio SJ als Papst Franziskus aus dem Konklave ging, Anlass zu Irritationen, „denn die symbolische Kommunikation durch Kleidung und Rituale“, so Wolf, „ist für den sozialen Status nicht selten wirkmächtiger als alle abgezirkelten theologischen Texte“.
Spitzfindig sind diese Feststellungen und weitere Beobachtungen keineswegs. Denn es gibt historische, hier auch referierte Rücktrittsmodelle. Und auch wenn Papst Franziskus mit seinem Vorgänger einen unkomplizierten Umgang pflegt und etliche Bedenken offenbar nicht teilt: „Regelungen für einen Rücktritt“ sind angebracht. Und überfällig. „Papstrücktritte als Normalfall der Kirchengeschichte“, befürchtet der Kirchenhistoriker, „könnten das Amt noch weiter entmystifizieren, es zu einem ‚Job‘ neben anderen machen und so seine Einmaligkeit als Identitätspunkt der katholischen Kirche gefährden.“ Auch dass es bis dato „kein Prozedere für die Beisetzung eines zurückgetretenen Papstes“ gebe, wertet Wolf als bedenklich, weil das für einen im Amt verstorbenen Papst geltende Zeremoniell (würde es bei Benedikt XVI. angewendet werden) „ins Leere (läuft), weil kein Konklave folgt“.
Allein wegen der Brisanz des siebten Kapitels („Wie funktioniert ein Papstrücktritt?“) lohnt sich die Lektüre dieses Buches, das wie die beiden früheren Veröffentlichungen „Krypta“ (2015) über „Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte“ (Untertitel) und „Die Nonnen von Sant’Ambrogio“ (2013) wieder ein Bestseller werden dürfte. Wolf schreibt flüssig, packend, fundiert – und das nicht auf Kosten seriöser Recherche.
Wie und wo ein Papst gewählt wird, seit wann nach welchem Modus, welche Bedingungen gegeben sein müssen, wer als Kandidat in Frage kommt, wann es Änderungen (zuletzt 1996, massiv: unter Johannes Paul II.) oder Novellierungen (Benedikt XVI.) im Verfahren gab – das kann man auch
anderswo nachlesen. Aber nirgendwo so spannend geschrieben.

Details aus den Konklaven

Trotz heiligster Eide der Konklave-Teilnehmer, strengste Verschwiegenheit zu bewahren, wurden und werden immer wieder (teils skurrile) Details bekannt. Manchmal sogar, wie 2005 und 2013, kursiert hinterher das angebliche oder vermeintliche Stimmverhalten. Oder es tauchen geheime (verbotene) Tagebücher auf. Eine Papstwahl bewegt eben nicht nur die Gemüter auf der Piazza San Pietro, wo die Massen auf den weißen Rauch warten, sondern auch hinter den hermetisch abgeschotteten Mauern, wo das Konklave stattfindet. „Verschwörungstheorien und Wunschträume“ spielen dabei eine Rolle, die Tatsache, dass sich das Konklave „dem Trend zur Transparenz (entzieht)“, die Aura des Geheimnisvollen also und seiner Inszenierung.
Dass einmal Klerus, Volk und Kaiser das Sagen hatten, dass das Papstamt zum Spielball römischer, italienischer oder spanischer Familienclans wurde (Barberini, Borghese, Colonna, Farnese, Orsini, della Rovere, Sforza oder Borgia), dass Konzilien mitreden wollten, dass es eine Leichensynode mit dem toten Papst Formosus gab, die Erfindung der Päpstin Johanna,
„Kronkardinäle“ – all das beflügelt die fromme oder die klerikale Fantasie, je nachdem. Tiara und Pallium als Hoheitszeichen, die Namenswahl als Wiedergeburtszeichen, die Inthronisationsriten, zu denen einmal die Sedia stercatoria, der „Stinkestuhl“, gehörte, Traditionsbrüche oder die Finessen der Zweidrittelmehrheit sind Themen, die hier nachzulesen sind.
Der Auftakt des Buches („Wie Weihnachten: Das Mysterium der Papstwahl“) und der damit korrespondierende Schlussabschnitt („Wenn Weihnachten und Pfingsten zusammenfallen: Die Papstwahlordnung von 2059“) sind zwei Meisterstücke. Am Ende schlüpft der Historiker in die Rolle des Propheten und verfügt als Hadrian VII. ein neues Papstwahldekret, das auf „die altkirchliche Praxis der Wahl des Bischofs von Rom durch Klerus und Volk“ zurückgreift und „diese um eine internationale Komponente (erweitert), die dem universal angelegten Petrusdienst des Bischofs von Rom entspricht.“
Georg Gänswein, seit 1995 Privatsekretär zuerst von Kardinal Joseph Ratzinger, dann von Papst Benedikt XVI., wird all das wenig beeindrucken. Am 6. Jänner 2013, gerade einen Monat vor der historischen Rücktrittsankündigung wurde er – der Nepotismus lässt grüßen – zum Titularerzbischof von Benedikt zum Bischof geweiht.

Kein „kontemplatives Papstamt“

Der aus Baden-Württemberg stammende Kirchenrechtler, der auch nach der Wahl von Franziskus Präfekt des Päpstlichen Hauses blieb, verstieg sich im Mai 2016 an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom zu der Aussage, es gebe zwar nicht zwei Päpste, aber „de facto ein erweitertes Amt – mit einem aktiven und einem kontemplativen Teilhaber“. Auch wenn Benedikt seinen Stuhl geräumt habe, habe er den Petrusdienst nicht verlassen, sondern das „personale Amt stattdessen ergänzt um eine kollegiale und synodale Dimension, als einen quasi gemeinsamen Dienst“. Das löste erhebliche Irritationen aus. Gänswein ruderte zurück, und Papst Franziskus betonte bei der fliegenden Pressekonferenz auf dem Rückweg von Armenien im Juni 2016: „Benedikt ist emeritierter Papst … Aber es gibt nur einen Papst.“
Gänswein, der „Diener zweier Päpste“, sprach kurz darauf in einem TV-Interview von einem Missverständnis. Dass selbst der erzkonservative Kardinal Walter Brandmüller – zusammen mit den Kardinälen Carlo Caffarra, Joachim Meisner und Raymond L. Burke Wortführer der innerkirchlichen Opposition gegen das nachsynodale Schreiben „Amoris laetitia“ – Gänsweins Ideen „erbauliche Spekulationen“, „religiöse Dichtung“ und die Vorstellung von einem „doppelköpfigen Papsttum“ eine mostruosità nannte, zeigt den Klärungsbedarf. Hubert Wolfs Buch beweist nicht zuletzt, dass eine Lösung der offenen kanonistischen, dogmatischen und zeremoniellen Fragen überfällig ist.


| Der Autor ist Chefredakteur der „Stimmen der Zeit“, München
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