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50/2009 - Nur Ärger mit den Türmen (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 14:15
I Nur Ärger mit den Türmen

Die Debatte um das Schweizer Minarettverbot zieht weite Kreise. In vielen Reaktionen und Stellungnahmen offenbart sich die ganze Ratlosigkeit einer „aufgeklärten“ Gesellschaft im Umgang mit Religion.

Von Rudolf Mitlöhner

Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis irgendein Lustiger den Spieß gewissermaßen umdrehen und islamische statt christlicher Symbole fordern würde. „Für Minarette. Gegen Kreuze“ schleudert nun also Christian Rainer im profil in die Dis*kursarena. Während man sich dem Minarett im Freien entziehen könne, seien die Schüler im geschlossenen Raum dem Kreuz an der Wand hilflos ausgesetzt, meint Rainer. Und weil wir schon in (Heraus-)Geberlaune sind, schaffen wir auch gleich noch den Religionsunterricht ab.
Wieso architektonische Zeichen weniger „prägenden Charakter“ haben sollten als Symbole innerhalb von Gebäuden, bleibt freilich schleierhaft. Nichts ist so öffentlich wie Architektur, nichts kann man sich daher weniger entziehen als markanten Gebäuden, zumal Türmen oder Kuppeln jedweder Art, ob religiös konnotiert oder nicht. Und jede Architektur bedeutet eine Art von Selbstbehauptung, formuliert irgendeinen Anspruch auf Prägung.

„Irrationale Inhalte“

Offenbar ist aber nicht nur das Kreuz in der Klasse, sondern auch der Religionsunterricht eine Bedrohung: Bedenklich sei, so der profil-Chef, die „Vermittlung irrationaler Inhalte“ sowie „die Selbstverständlichkeit, mit der Stundenpläne rund um die Bedürfnisse der christlichen Mehrheit gestrickt“ würden. Was Letzteres bedeutet, ist nicht ganz klar – die vielen Religionsstunden in der ersten oder gar letzten Stunde wird Rainer ja nicht gemeint haben. Was aber die Irrationalität angeht, so möchte man gerne wissen, ob und inwiefern ein Rilke-Gedicht oder ein Picasso-Stillleben rationaler sind als die Evangelien (abgesehen davon, dass der Religionsunterricht auch ganz handfestes historisches und kulturwissenschaftliches Wissen vermittelt).
Das eigentliche Pendant zu den Minaretten sind freilich nicht die Kreuze an der Wand, sondern die Kirchtürme. Hier aber wird es erst richtig spannend. Denn Kreuze könnte man problemlos abhängen – aber dass auch Kirchtürme verschwinden müssten, hat noch keiner gefordert. Dabei kann sich diesen wirklich niemand entziehen; kaum etwas prägt europäische Städte, Dörfer und Landstriche so sehr wie die Kirchen und Klöster. Daher müsste man, wenn christliche Symbole als Zumutung empfunden werden, hier zuvörderst ansetzen (weswegen Bischof Küngs Suggestivfrage – „Wann werden dann Kirchen abgerissen werden?“ – schon ihre Logik hatte).
Oder man macht sich die Sicht eines Falter-Leserbriefschreibers zu eigen, der meint: „Die alten Kirchtürme mögen … stehen bleiben – als Mahnmale dafür, wie wir Religion nicht (mehr) haben wollen.“ Der Mann wird hier zitiert, weil er in seiner Ratlosigkeit das ganze Dilemma so schön auf den Punkt bringt und damit für viele steht. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: die Abertausenden Kirchtürme samt ihren Kreuzen und Glocken, dazu noch – falls auch dies Gnade findet – ungezählte Kapellen, Wegkreuze, fromme Darstellungen an Außenwänden und in Mauernischen als Mahnmale. Das wäre wohl die ultimative Zumutung! Das Zentrum jeder Stadt, jeder Dorfplatz gekrönt von einem Mahnmal! Soviel Erinnerungs- und Gedenkkultur, oder sollte man gar sagen: Trauerarbeit, würden uns auch die politisch Korrektesten nicht abverlangen wollen. Dagegen müsste man sich mit Rudolf Burger nach allen Regeln der Kunst wehren.

Ressourcen-Überschuss

Nein, es hilft nichts, wir können uns nicht auf der grünen Wiese neu aufstellen, „unbelastet“ von der Geschichte. Abgesehen davon, dass auf dieser grünen Wiese über kurz oder lang wieder diverse Arten religiöser Türme aus dem Boden schießen würden. Weil keine Gesellschaft – und erst recht kein so fragiles Gebilde wie eine demokratisch-pluralistisch verfasste – allein aus sich heraus bestehen kann, sondern vielmehr von einem Überschuss an Ressourcen der Spiritualität, der Hoffnung und der Zuwendung zum Nächsten lebt. An der Diskussion um Sichtbarkeit von Religion führt kein Weg vorbei. Christen sollten sich ohne Überheblichkeit, aber selbstbewusst und entschieden daran beteiligen.
  #2  
Ungelesen , 17:44
Musikant Musikant ist offline
 
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Unreflektierte Aspekte der fortschreitenden Islamisierung

Ich möchte Ihrem Artikel durchaus Recht geben. Doch geht die Auseinandersetzung mit dem Islam mittlerweile bereits viel tiefer, als wir das wahrhaben wollen. Lassen Sie mich drei Beispiele geben:
1) Die Diskussion um das Kopftuch blendet jenes Thema penibel aus, das sich in den Konflikten um die allzu freizügige Mädchenmode an manchen Schulen nach und nach in die Öffentlichkeit drängt. Tatsächlich wird die Jugendbewegung des HipHop in ihrer Destruktivität von der Erwachsenenwelt weitgehend unterschätzt. Es handelt sich dabei um einen extremen oft gewaltverherrlichenden afroamerikanischen Machismo, der christlicher Religiosität feindlich gegenüber steht, dafür grotesker Weise Sympathien hegt für eine rassistische muslimische Sekte, die „Nation of Islam“. Die charakteristische Mädchenmode mit ihren extremen Dekolletés, tiefsitzenden Hüfthosen und Bauchfreiheit auch im Winter hat ihren Ursprung im verzweifelten Versuch entrechteter afroamerikanischer Unterschichtfrauen, sich irgendeine Art von Aufmerksamkeit zu verschaffen. Diese Haltung wird westlichen Mädchen von der Modeindustrie als frauenbefreiend verkauft. Es bedarf starken männlichen Selbstbewusstseins, diese Tendenz als sexuelle Belästigung von Männern zu entlarven mit dem Hinweis darauf, dass in unserer Gesellschaft Frauen andere Möglichkeiten der Entfaltung offen stehen, wie beispielsweise Bildung. Widerstand gegen solcherart Belästigung wird nicht umhin kommen, sich der islamischen Forderung nach Verhüllung des Frauenkörpers anzunähern, wenn auch die Lösung nicht bis zum Tragen eines Kopftuches oder gar eines Schleiers gehen muss. Auch nicht für alle Muslime geht sie so weit!
2) Kürzlich wurde ich konfrontiert mit dem religiös motivierten Widerstand eines muslimischen Schülers gegen das Pflichtfach Musik. Musik sei nichts als geduldete Tradition, keineswegs ein kultureller Wert. Eine solche Haltung stößt jeden Europäer vor den Kopf, der sich in der Tradition der Neuzeit sieht, welche im Rückgriff auf die Antike Musik der göttlichen Sphäre zurechnet. Wie aber steht es um diese Tradition? Nikolaus Harnoncourt hat anlässlich seines 80. Geburtstages beklagt, dass zeitgenössische Musik neben weitgehend unverständlicher Tonkunst nur noch Varianten äffischen Balzverhaltens umfasst. Diese von weiten Teilen der Öffentlichkeit akzeptierte kulturelle Situation legt zunehmend eine Haltung nahe, wie sie für den Islam charakteristisch ist: Musik sei nichts weiter als ein Ornament des Lebens, das in Maßen genossen werden sollte und keinesfalls von wichtigeren Tätigkeiten wie Arbeit oder Gebet ablenken dürfe. Soeben hat die Wirtschaft die Sinnhaftigkeit durchgängiger weihnachtlicher Musikberieselung in Frage gestellt: sie mindere die Arbeitsleistung der Handelsangestellten.
3) Der heurige Friedensnobelpreis erging mit Barack Obama an einen Mann, der zwar kein Muslim ist, aber jene pragmatische Haltung gegenüber Krieg und Gewalt einnimmt, wie sie auch im Islam gelehrt wird: Gewalt sei eine gesellschaftliche Realität, die man nicht zum Verschwinden bringen, aber so managen könne, dass das Überleben der menschlichen Gemeinschaft gewährleistet bleibt.
In vielen Bereichen hält der Islam leicht verständliche Antworten auf unbefriedigende Situationen bereit, in die sich unsere westliche Zivilisation hineinmanövriert hat, indem sie den Gefahren, die der christliche Glaube mit seiner immanenten großen Freiheit birgt, erlegen ist. Die Finanzkrise beispielsweise wird vom Islam mit dem Verbot des Zinsnehmens beantwortet.
Auf der Basis dieser Betrachtungen erscheint der Vorschlag, das Kreuz gegen Minarette zu tauschen, nur konsequent, wenn auch die Argumente unstimmig sind. Vielleicht nur unabsichtlich schließt Christian Rainer sich der Ankündigung Tariq Ramadans an, der von Europa veränderte Islam werde seinerseits auch Europa verändern. Damit allerdings ist mit Sicherheit mehr gemeint als die Bereicherung der kulturellen Landschaft durch exotische Elemente wie Minarette, orientalische Stadtviertel oder Multikulti-Feste. Es ist auch mehr gemeint als unangenehme Begleiterscheinungen wie abgesagte Schulsportwochen und Hasspredigten. Und es ist auch mehr gemeint als ein erfolgreicher religiöser Dialog. Der Islam wird auf durchaus sanfte Weise Eingang finden in unsere alltäglichen Anschauungen.
Was bedeutet es in dieser Situation, zu den eigenen christlichen Wurzeln zu stehen, die eigene Tradition treu weiterzuführen? Wer dem Christentum wirklich treu bleibt, stellt an sich selbst unvergleichlich höhere moralische Ansprüche als der Islam, dessen Chancen, zum geistigen Mainstream auch in Europa zu werden, sehr groß sind. Das Christentum wird zur Angelegenheit einzelner Persönlichkeiten werden, welche bereit sind, die äußerste physische und geistige Gefährdung, das Kreuz, zu riskieren. Es ist das schon heute. Die einfache christliche Formel der Gottes- und Nächstenliebe und die Einladung des Augustinus: „Liebe, dann tu, was du willst!“ stellen höchste Anforderungen an die Verantwortung des Einzelnen. Alles kann zum Lob Gottes werden, es gibt keine prinzipielle Einschränkung, es gibt keine Vorschriften, die Sicherheit bieten. Das ermöglicht so Außergewöhnliches wie das Werk Johann Sebastian Bachs, das Werk Meister Eckeharts oder jenes von Mutter Teresa oder von Franz Jägerstätter. Ein flächendeckendes Christentum, in dem man sich selbstverständlich von Kirchturm zu Kirchturm weiterbewegen kann, das wird es nicht mehr geben.
Dr. Elisabeth Ertl

Geändert von Musikant ( um 20:49 Uhr).

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  23:13:50 07.20.2005