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13/2018 - Jesus und Juden
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Ungelesen , 01:32
Jesus und Juden

Viel hat sich in Richtung Annäherung zwischen Judentum und Christen bereits getan. Es bleiben aber unüberwundene Gräben. Die Judas-Erzählung der Evangelien markiert einen solchen.


| Von Otto Friedrich


Die Fortschritte, die im Gespräch zwischen Juden und Christen in den letzten Jahren erreicht wurden, sind unübersehbar. Dass Jesus Jude war und sein Judentum niemals abgelegt oder verleugnet hat, ist längst Mainstream christlicher Theologie geworden. Gleichwohl scheiden sich an Jesus christliche und jüdische Geister, namentlich an der Zuschreibung „Messias“, die von jüdischer Seite nicht geteilt wird. Aber auch für die christliche Reflexion stellt sich Jesus als Messias keineswegs als unhinterfragbare Eindeutigkeit ohne Nuan*cierungen dar, wie der Wiener Fundamentaltheologe Wolfgang Treitler in seiner diesbezüglichen luziden Analyse im Sammelband „Erneuerung der Kirchen – Perspektiven aus dem christlich-jüdischen Dialog“ darlegt. (Rezension dazu Seite 6 dieser FURCHE).

Gräben zwischen zwei Religionen

Doch nicht nur die Messiasfrage markiert den Graben zwischen den sonst so verwandten Religionen. Denn wenn die Christen dieser Tage die neutestamentliche Passions*geschichte wieder in die Mittelpunkte ihrer Gottesdienste stellen, so kommt nicht nur das Leiden Jesu, dem für die Christen die Auferstehung folgt, in den Blick, sondern auch die jahrhundertelange Verfolgung und Verächtlichmachung des Judentums, die sich durch die – christliche – Rede, die Juden seien am Tod Jesus (mit)schuld, manifes*tierte. Der Blutfluch in der Matthäus*passion: „Da rief das ganze Volk: Sein Blut – über uns und unsere
Kinder!“ (Mt 27,25), und ähnliche Aussagen in den Evangelien haben sich tief ins antijüdische Gedächtnis der Chris*tenheit eingeschrieben – und sind längst noch nicht aus den Hinterköpfen verschwunden.*
Das gilt auch für die Gestalt des Judas Iskariot, den das Neue Tes*tament als Verräter Jesu darstellt, der im Selbstmord – der schändlichsten aller Todesarten – endet. Auch Judas wurde zu einer Kulminationsgestalt für antijüdische Ressentiments, auch wenn es im Lauf der Geschichte auch Versuche gegeben hat, Judas, wenn schon nicht zu „retten“, so doch den „Verrat“ aus dem Kontext einer kriminellen Handlung herauszulösen. Pars pro Toto dafür sei die literarische Fiktion „Der Fall Judas“ von Walter Jens aus 1975 genannt, der all diese Fragen anhand eines Seligsprechungsprozesses für Judas im Vatikan abhandelt, an dessen Ende die Erkenntnis steht, Judas sei im göttlichen Plan für die Menschen notwendig gewesen.
Eine berührende jüdische Stimme zu all diesen Fragen findet sich im Büchlein „Jesus und Judas. Ein Zwischenruf“ des israelischen Schriftstellers Amos Oz. Der schma*le Band fußt im Wesentlichen auf einem Vortrag, den Oz im Mai 2017
in Berlin gehalten hat, und der natürlich auch den 2014 erschienen Oz-Roman „Judas“ im Blick hat.
Oz verweist zu Beginn seines „Zwischenrufs“ auf seinen 1958 verstorbenen Großonkel Joseph Klausner, der zwei Bücher zur Entstehung des Christentums verfasst hat: Darob sei Klausner, so Großneffe Oz, sowohl von konservativen Juden wie von ebensolchen Christen angegriffen worden: „Die Juden warfen Joseph Klausner vor, dass er sich überhaupt wieder mit Jesus befasste – nach all dem Bösen, das den Juden im Namen Jesu zugefügt worden war.“ Aber auch viele Christen seien aufgebracht gewesen: „Denn Klausner zeichnet den Erlöser als nonkonformistischen, rebellischen jüdischen Rabbi.“

Jesus – Reformjude par excellence


Und so entdeckt Amos Oz Jesus als einen Reformjuden par excellence, sein Großonkel hätte ihn gar als „fundamentalistischen Juden“ eingeordnet, „wenn der Begriff ‚findamentalistisch‘ heute nicht so negativ besetzt wäre“. Oz erzählt in der Folge, wie ihm in der streng-orthodoxen Schule in Jerusalem, die er als Kind besuchte, eingetrichtert wurde, „jedes Mal, wenn wir an einer Kirche oder einem Kreuz vorübergingen, unsere Augen abzuwenden und in die entgegengesetzte Richtung zu schauen. Als Begründung hieß es: ‚Wir Juden haben seit Jahrhunderten, ja seit jahrtausenden wegen dieses Menschen gelitten.‘“ Oz klärt dann noch auf,
orthodoxe Juden würden Jesus oft nicht beim Namen nennen, sondern bloß als „diesen Menschen“.
Genau gegen solche Sicht hätte sich sein Onkel Joseph gewehrt: „Wann immer du eine Kirche oder ein Kreuz siehst, sieh ganz genau hin, denn Jesus war einer von uns, einer unserer großen Lehrer, einer unserer bedeutendsten Moralisten,
einer unserer größten Visionäre.“
Der kleine Amos war schockiert ob des Onkels Ansinnen, und man darf hinzufügen, auch heute wäre dieser Zugang im Judentum gewiss nicht mehrheitsfähig. Aber er hat den späteren Schriftsteller Oz doch geprägt. Schon als Sechzehnjähriger habe er gesucht, das Neue Tes*tament zu lesen, obwohl „in den jüdischen Schulen in Israel und auch in anderen Ländern niemals, unter keinen Umständen das Neue Testament in den Unterrichtsstoff einbezogen“ werde. Amos Oz bedauert das überaus, denn ohne das Neue Testament zu kennen, werde man weder die Kunst der Renaissance, noch die Musik Johann Sebastian Bachs oder die Romane von Dostojewski verstehen.
Amos Oz gesteht dann, dass er nicht nur die Evangelien ver*schlun*gen hätte und von ihnen angetan war, er schreibt sogar, er hätte sich in Jesus „verliebt“, „in seine Vision, seine Zärtlichkeit, seinen herrlichen Sinn für Humor, seine Direktheit, in die Tatsache, dass seine Lehren so voller Überraschungen stecken und so voller
Poesie sind“.
Doch dann entpuppt sich für Amos Oz – und das mag durchaus prototypisch sein fürs Verhältnis eines Juden zum Christentum, die Geschichte vom Verrat des Judas als der Knackpunkt. Und dabei ist nicht gemeint, dass Oz diese Geschichte für unausgegoren und unlogisch hält, und dass sie nicht in die Erzählung der Evangelien hin*einpasst: Das wäre noch Literaturkritik, die einem Literaten ja wohl durchaus ansteht.
Amos Oz prangert vielmehr die Wirkmächtigkeit dieser Geschichte an: „In meinen Augen hat keine jemals von Menschen erzählte Geschichte ein solches Ausmaß an Hass, Verfolgung und Mord entfesselt wie diese Geschichte über den Verrat, über die dreißig Silberlinge, über den Kuss.“
In der christlichen Tradition wurde Judas, da sagt Amos Oz nichts Neues, zu einem Synonym für Verräter. Und er klagt an: „In meinen Augen ist die Geschichte von Judas in den Evangelien gleichsam das Tschernobyl des christlichen Antisemitismus der vergangenen zweitausend Jahre.“ Diese Geschichte verseuche das Verhältnis zwischen Christen und Juden seit Jahrtausenden. Und: „In neuerer Zeit führt sogar der islamische Antisemitismus die Judas-geschichte als Argument gegen die Juden ins Feld. Alle Juden sind Judas: Verräter, Gottesmörder, habgierige Betrüger.“

Alle Juden sind Judas?!

An diesem Punkt angelangt, wird klar, dass die Judas-Geschichte keine harmlose Episode ist, schon gar nicht für Juden – und zwar schon seit Jahrunderten nicht. Amos Oz steuert auch ganz gegenwärtige antisemitische Episoden bei, die er erlebt – und dann in seinem Roman „Judas“ auch literarisch verarbeitet hat.
Keine Frage, Geschichten und Reflexionen wie diese sind gerade heute und besonders in den Kartagen aufs Tapet zu bringen. Dass Amos Oz dann die Kreuzigungserzählung mit Jesu Ausruf „Gott, o mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ebenso paraphrasiert wie das ruchlose Ende des neu*testamentlichen Judas, versteht sich fast von selbst.
Wobei Oz seinen „Zwischenruf“ über Judas und Jesus mit einem alternativen Schluss der Erzählung (wieder aus seinem „Judas“-Roman) zum Ausklingen bringt.
Judas entpuppt sich letztlich als Ruheloser. Auch das jüdische Volk erfährt sich ruhelos – bis zum heutigen Tag. Es steht auch den Christen an, in diesem Sinn keine Ruhe zu finden – um der Gerechtigkeit und der Menschen willen …

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