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49/2017 - Die Hüter des Meeres
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Alt 23.04.2005, 02:51
Die Hüter des Meeres

Die Maori auf der Insel Motiti zeigen vor, wie man das natürliche Erbe und damit die Ursprünge der eigenen Kultur bewahren kann. Reportage aus Neuseeland.

| Von Doris Neubauer / Auckland


Die steilen Klippen wirken nicht gerade einladend. Dass Motiti rund zehn Seemeilen vor dem Festland einst als „Manhattan Neuseelands“ galt, kann man sich heute kaum vorstellen. Dank mildem Klima und Fischreichtum siedelten sich die indigenen Maori, die vor siebenhundert Jahren das „Land der langen weißen Wolke“ erreicht hatten, bevorzugt auf der Insel in der Bay of Plenty an. Auch die ersten Europäer fühlten sich auf Motiti mit seinen 27 natürlichen Quellen wohl. Heute leben nur noch 45 Menschen dort und kommen ohne Infrastruktur, Elektrizität oder fließend Wasser aus. Beschaulich, möchte man meinen. Doch die Idylle wurde vor sechs Jahren empfindlich gestört. Am 5. Oktober 2011 lief vor der Küste das 236 Meter lange Ölschiff RENA auf Grund. Über 350 Tonnen Öl sowie chemische Abfälle flossen in den Ozean und beschädigten das nördlich von Motiti liegende Astrolab-Riff (Otaiti). Zweitausend Seevögel starben sofort, darunter auch gefährdete Arten wie Zwergpinguine; weitere 20.000 fielen in den Folgemonaten Vergiftungen zum Opfer. Die größte Umweltkatastrophe in Neuseelands Geschichte hat bis heute Spuren auf den Steinstränden hinterlassen.

Das Gute nach der Katastrophe

Paradoxerweise brachte die Katastrophe auch etwas Positives: Um das durch Fischerei bereits angeschlagene Riff nicht zusätzlich zu beschädigen, wurde im Umkreis von zwei Seemeilen ein Fisch- und Tauchverbot verhängt. Vier Jahre später war zwar das Meeresleben am Astrolab-Riff wieder aufgeblüht. Doch im April 2016 wurde gegen den Widerstand von Umweltschützern und einheimischen Maori, die sich im „Motiti Rohe Moana Trust (MRMT)“ zusammengefunden hatten, Otaiti samt RENA-Wrack zum Taucherspot erklärt und der Fischbann aufgehoben. „Seitdem haben Hinz und Kunz am Riff gefischt“, beschwert sich Umuhuri Matehaere, einer der Vorsitzenden des MRMT, „es ist im selben schlechten Zustand wie zuvor.“ Das konnten und wollten Matehaere sowie seine Mitstreiter nicht auf sich sitzen lassen. Sie zogen in den teuren, langwierigen Kampf vor Gericht. „Als lokale Bevölkerung kennen wir unsere Umgebung am besten“, argumentiert Matehaera, „wir sollten entscheiden, was geschützt wird und wie.“ Das Umweltgericht in der Bay of Plenty sah das genauso und fällte im Dezember 2016 ein rechtskräftiges Präzedenzurteil: Gemeinden Aotearoas sind berechtigt, Küsten, Riffe und Meereshabitate zur Bewahrung von kulturellen, ökologischen und instrinsischen Werten schützen zu lassen. „Die Entscheidung bestätigt, dass die regionalen Behörden Aufgaben an der Küste und im Ozean zu erfüllen haben“, freut sich Meeresbiologe Te Atarangi Sayers, der über 19 Generationen von „Whakapapa“ (Genealogie) mit Motiti verbunden ist, „sie bekräftigt, dass das Meer mehr wert ist als toter Fisch.“
Man könnte Anderes vermuten: Fischen gehört in Neuseeland nicht nur zum Nationalsport, die kommerzielle Fischerei holt jährlich über 130 Fischarten im Wert von 1,2 Milliarden Dollar aus dem Wasser. „Wer annimmt, dass der Ozean eine unerschöpfliche Quelle ist, irrt“, macht Sayers aufmerksam, „vor allem diverse Methoden der Massenfischerei wirken sich aufs gesamte Meeresleben und dessen ökologische Funktion aus.“ Der Meeresbiologe spricht an, was NGOs weltweit anprangern: Laut „WWF“ verenden jährlich mehr als 27 Mio. Tonnen Fisch, Meerestiere und Vögel als Beifang. Darüber hinaus zerstören Grundschleppnetze die Flora auf dem Meeresboden, Laichgebiete und damit die Regeneration unzähliger Lebewesen. In Neuseeland hat man schon in den 80er-Jahren reagiert und mit dem „Fisheries Act“ (Größen)Standards sowie Grenzmengen definiert, die eine Ausbeutung des Pazifiks verhindern und gleichzeitig die Fischerei als Einnahmequelle für lokale Communities erhalten sollten. Mit mäßigem Erfolg. Vor einem Jahr enthüllte eine Studie der „Universität von Auckland“ ernüchternde Zahlen: Zwischen 1950 und 2010 war die Menge an gefangenem Fisch über 2,7 Mal höher als Statistiken besagten. Und Fischerei ist nur ein Problem der Meere. Genauso besorgniserregend sind Tiefseebergbau sowie die Verschmutzung durch giftige Abwässer und Plastikmüll.

Ökologische Kapazitäten

„Sterben die Ozeane, sterben wir alle“, die Begrüßungsworte der UN-Botschafterin aus Mikronesien, Jane Chigiyal bei der ersten Meeresschutz-Konferenz der „Vereinten Nationen“ sind keine Worthülsen: Meere produzieren nicht nur Sauerstoff, sie absorbieren rund ein Drittel der jährlichen von Menschen gemachten Kohlendioxidemissionen und nehmen über 90 Prozent der verursachten Hitze aus der Atmosphäre auf. Wie lange noch ist fraglich: Ihre CO2-Aufnahmekapazität ist in den letzten zehn Jahren um zehn Prozent gesunken. Darüber hinaus hat die steigende Absorption zu einer 30 Prozent höheren Versauerung des Ozeans geführt. Letztere wirkt sich nicht nur – wie bisher angenommen – auf Riff-Ökosysteme aus, sie verhindert außerdem das Wachstum kleiner Algen, die Treibhausgase aufnehmen. Das ergab ein „BIOACID“-Report, der bei der Klimakonferenz in Bonn präsentiert wurde. Wir müssen unsere Ozeane schützen, bekräftigte man dort erneut die Abschlusserklärung der 193 UN-Mitgliedsstaaten bei der Ozeankonferenz, bis zum Jahr 2020 mehr als zehn Prozent der Meeresgebiete unter Schutz zu stellen.
Am Bewusstsein über die Missstände mangelt es genauso wenig wie am Wissen, wie dringend Handeln gefragt ist. Was fehlt – so die Kritik – ist ein effektives, nachhaltiges Management der Ozeane. „Bisherige Meeresschutzgebiete funktionieren oft nicht“, weiß der neuseeländische Meeresbiologe und Ozean-Pionier Dr. Roger Grace: Sie stellen nur einen begrenzten Lebensraum dar, wären nicht repräsentativ und reproduzierbar, außerdem häufig zu klein, um eine Migration der Meeresbewohner zu ermöglichen. „Meist sind sie nur temporär“, erklärt der Experte, der als Berater der Maori von Motiti tätig ist, „dabei werden Meeresschutzgebiete mit der Zeit immer wertvoller. Zuerst muss sich ein Gebiet erholen, erst danach kann man darüber sprechen, wie man es langfristig zugänglich und nutzbar macht.“
Dass es Letzteres braucht, davon ist Grace überzeugt: „Die Menschen müssen Zugang zum Meeresschutzgebiet haben, um es genießen zu können. Nur so können sie eine Beziehung aufbauen und zukünftige Fürsprecher der Ozeane werden.“ Darauf basiert auch das Modell, das der MRMT für Motiti entwickelt hat und noch dieses Jahr per Gesetz verankern lassen möchte. Es ist kein neuer Ansatz, vielmehr eine Rückbesinnung auf uraltes Wissen kombiniert mit moderner Wissenschaft.
Wie den meisten der weltweit fünf Prozent Indigenen ist den Maori nämlich das westliche Konzept vom Menschen als Beherrscher der Natur traditionellerweise fremd. Stattdessen fühlen sie sich als „Tangata Whenua“ (Menschen des Landes) mit der Natur und sämtlichen Lebensformen verbunden. Alles ist voneinander abhängig und hat eine Lebenskraft (Mauri), die es für künftige Generationen zu bewahren gilt („Kaitiakitanga“).

Fragwürdige Strategien

Raubbau oder mutwillige Zerstörung lässt ein solches Weltbild zum Wohl aller nicht zu. „Westliche Ansätze wollen die Bestände einer bestimmten Art nur bewahren, um sie zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen“, erklärt Sayers den Unterschied, „wir verstehen unter Meeresschutz hingegen, alles dafür zu tun, um unsere kulturelle und spirituelle Beziehung mit der Lebenskraft des Ozeans aufrecht erhalten zu können.“ Communities sollen nicht nur gemeinschaftlich bestimmen, welche Küstenabschnitte, Riffe und Meeresgebiete aufgrund kultureller, intrinsischer oder ökologischer Werte zu schützen sind. Sie definieren außerdem, welche Nutzung dort angemessen ist. Netzfischerei oder andere schädigende Methoden würden somit genauso enden wie übermäßige Verschmutzung unserer Meere, glaubt der 34-Jährige.
Eine solche Selbstregulierung könnte auch das Problem der Durchsetzung von Regeln lösen, mit dem Meeresschutzgebiete bisher kämpfen. Der Ansatz hat schon einmal funktioniert: Bis zum Beginn der industriellen Fischerei in den 70er-Jahren etwa galten einige Riffe als „tapu“ (heilig, unantastbar). Erst durch den Anstieg der Massenfischerei wurden selbst in solchen Tabu-Gebieten Angelhaken oder Netze ausgeworfen.
Es wäre nicht das erste Mal, dass die Maori eine weltweite Vorreiter rolle im Umweltschutz einnehmen: 2017 hatten sowohl der 2000 qm große „Te Urewera“ Nationalpark als auch der Whanganui River auf der Nordinsel Neuseelands auf Forderung der Indigenen den Status einer juristischen Person erhalten. Seitdem kann jeder angeklagt werden, der sie direkt oder indirekt beschädigt. Beide Präzendenzfälle haben mittlerweile in Ecuador, Bolivien oder Indien Nachahmer gefunden. Auch das Meer sollte als juristische Person anerkannt werden, plädieren Wissenschaftler wie Daniel Hikuroa von der Universität von Auckland. Ob mit oder ohne Persönlichkeitsrechte, starke Verbündete brauchen unsere Ozeane in jedem Fall. Wie die Maori des kleinen Motiti.

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