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Sterbehilfe??
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Ungelesen 27.02.2014, 08:13
Gottfried Kühnelt-Leddihn Gottfried Kühnelt-Leddihn ist offline
 
Registriert seit: 27.02.2014
Beiträge: 1
In einigen Ländern flammt die Diskussion um die Sterbehilfe wegen „liberaler“ Gesetzesentwürfe neu auf. Man ist ja so human, daß man die Tötung auf Verlangen nicht verweigern kann – jetzt soll das, zumindest vorerst „nur“ in Belgien, auch für Kinder und Jugendliche gelten.
Es ist gut zwei Generationen her, daß ein unmenschliches Regime die Bevölkerung in Herrenmen¬schen und Untermenschen, in lebenswertes und unwertes Leben eingeteilt und dies in erschre¬ckender Konsequenz zu Ende geführt hat. Es hört sich ja recht human an, daß man unheil¬bar Kranken und schwer leidenden Menschen den Wunsch zu sterben erfüllen will - aber wie klein ist nachher der Schritt zum Sterben auf Beschluß irgendeiner "Lebenskommission", einer Behörde oder eines Gerichtes? Gibt es nicht genug Gedächtnisstätten für jene Menschen, deren Leben von skrupellosen Machthaberen geringgeschätzt wurde? Mir mutet es als wiederlich zynisch an, daß diese Tötung auf Verlangen nunmehr als Akt der Menschlichkeit angepriesen wird.
Euthanasia (lt. Gemoll: schöner, leichter Tod) wurde durch Unmenschen zum Unwort, also creieren wir einen neuen, unbelasteten Begriff: Sterbehilfe klingt gut; jemandem beim Sterben helfen, das kann ja nichts Schlimmes sein – oder doch? Schließlich dreht es sich bei der aktiven Sterbehilfe nicht darum, todkranke Menschen zu begleiten, ihnen und ihren Angehörigen den Weg zu einem würdevollen Abschied zu erleichtern, sondern um die Möglichkeit, den Tod durch die Verabrei¬chung von Gift bewußt herbeizuführen.
In meinem Leben bin ich vielen Menschen begegnet, die sich die Erlösung vom Leiden wünschten, die sich, wenn schon nicht Heilung, dann einen barmherzigen Tod herbeisehnten, die sich die Kraft wünschten, bis zu diesem auszuharren. Für diese Menschen war aber die Tötung auf Wunsch keine Antwort. Die Begleitung von Kranken ist eine Herausforderung an unser Mitleid. Mitleid heißt nicht von oben herab mitleidig lächeln, Mitleid heißt mitleiden und mitleiden ohne mitleben ist nicht gut möglich. Die Achtung vor den Mitmenschen als Geschöpfe Gottes fordert uns heraus, mit den Kranken, den Behinderten zu leben, mit ihnen das Leben zu teilen. Durch den systematischen Ab¬bau der Familie und besonders der Großfamilie werden die Mitmenschen, die der schrankenlosen Weiterentwick¬lung des Bruttosozialproduktes im Weg stehen an den Rand gedrängt, abgeschoben. Menschen, die ich aus meiner Nähe verdränge werden aus meinem Bewußtsein verdrängt – solan¬ge, bis sie in vollkommener Einsamkeit dem Tod entgegendämmern. Hier wird der Tod zum Ende des Leides statt zur Vollendung des Lebens.
Mitleben mit den Kranken kann jeder – jeder auf andere Weise: Der eine pflegt die, die sich selbst nicht helfen können, reicht ihnen Essen und Trinken, spricht mit ihnen und noch wichtiger: hört ihn¬en zu. In den letzten Jahrzehnten haben wir Leid und Tod aus unserer Nähe abgeschoben, die Pflege und das Sterben in der Famile wurde zum Ausnahmefall, wir sind nicht mehr darauf einge¬richtet. Ich kann mir vorstellen, wie sehr die Pflege eines Kranken, eines Behinderten die Familie in An¬spruch nimmt, nicht jede(r) kann diese Herausforderug annehmen. Zu Hause ist nicht immer alles möglich, die Hospizbewegung der Caritas ist eine Antwort darauf.
Wo ist in der Medizin die Grenze zwischen "Leben verlängern" und "Sterben verlängern"? Wann darf die Lebensverlängerung um jeden Preis zugunsten eines Todes in Würde eingestellt werden, wann ist alles daranzusetzen, den Eitritt des Todes zu verhindern? Diese Entscheidung für den Arzt ist zweifellos schwer, sehr schwer. Wieviel schwerer muß (oder sollte) die Entschei¬dung "töten oder nicht töten" sein. Einen nahen Angehörigen im Koma liegen zu sehen, muß schwer sein, kann belastend sein bis zum Zerbrechen. Und dennoch: wer kann eine Prognose abgeben, wer kann wissen, was in diesem Menschen vorgeht. Ich habe einen Freund, der nach sechsmona¬tigem Koma ein Universitätsstudium vollendet hat, es gibt die Geschichte von Julia Tavalaro, die sieben Monate im Koma lag, die sechs Jahre für hirntot gehalten wurde (sie hat alles aus ihrer Umgebung mitbekommen, sie hat sich erinnert an Äußerungen wie "bei der brauchen Sie nichts zu tun, die ist sowieso hirntot", an die Vernachlässigung durch das Pflegepersonal, daran, daß ihr Ehering ver¬schwunden ist, an Besuche - und auch an Menschen, die nicht gekommen sind, sie zu besuchen), bis eine Therapeutin mit ihr kommuniziert - mit Hilfe der Augen. So diktiert sie Richard Tayson ein Buch ("Bis auf den Grund des Ozeans", Herder/Spektrum, ISBN 3-451-26658-X). Julia Tavalaro schildert alle Gefühle - Ohnmacht, Verzweiflung, Hoffnung, aus dem Buch spricht vor allem der Lebenswille.
Leider schwindet die Achtung vor der Schöpfung zusehends - sei es bei den Pflanzen und Tieren, die sich der Mensch untertan machen darf (muß er sie deswegen wider jegliche Natur züchten), sei es bei den Menschen, in denen er dem Schöpfungsbericht zufolge Gottes Ebenbild sehen sollte. Du sollst nicht töten - weder mit noch ohne Hippokratischem Eid.
Es war nach dem Fall des unbefristeten Schutzes für das ungeborene Leben offensichtlich tat¬sächlich nur eine Frage der Zeit, bis "fortschrittliche" Geister die Unantastbarkeit des Lebens auch an dessen Vollendung in Frage stellen.
Ich weiß, daß Leiden absolut nichts Schönes ist, daß es Menschen verzweifeln läßt und daß viele keinen Sinn darin sehen können. Andererseits liegt das Leben weder am Beginn noch am Ende in unserer Hand, es ist nicht Sache der Menschen, das Leben nach Belieben zu beenden, weder im Krankenhaus noch in den Todeszellen der Gefängnisse. Das Leben ist uns von Gott anvertraut, ebenso wie das Gebot "Du sollst nicht töten". Es liegt an uns Mitmenschen das Leid als eine Her¬ausforderung an unsere Nächstenliebe zu sehen und den leidenden Menschen nicht aus unserer Mitte in die Einsamkeit abzuschieben, sondern ihn in seinem letzten Abschnitt auf Erden zu be¬gleiten. Die Bereitschaft von Kranken, ihr Leid durch andere beenden lassen zu wollen nimmt sicher mit steigender Einsamkeit zu.
Wehret den Anfängen - es gibt auch Formen des Sterbens in Würde für Schwerkranke. Tod ist nicht Ende, Tod ist Vollendung.
Gottfried Kühnelt-Leddihn

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