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15/2017 - Auf Christus hinzeigen (Rudolf Milöhner)
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Ungelesen 12.04.2017, 08:46
Auf Christus hinzeigen

Die großen kirchlichen Feste wie Ostern bieten für Christen Anlass, sich selbst zu befragen, wie sie es mit überkommener, vielfach lau gewordener Religiosität halten.

| Von Rudolf Mitlöhner


Auf Christus schauen“: So lautete das Motto des Österreich-Besuchs von Benedikt XVI. vor knapp zehn Jahren, im September 2007. Es war ein leitendes Motiv nicht nur dieser Visite, sondern des gesamten Wirkens dieses Mannes, der nun – welch symbolische Fügung – am Ostersonntag als papa emeritus seinen 90. Geburtstag feiert. Nicht von ungefähr bezeichnet ihn der ehemalige steirische Diözesanbischof Egon Kapellari in einem Beitrag für diese Zeitung (S.3) als „Finger des Täufers Johannes, der auf dem Isenheimer Altar auf den gekreuzigten Jesus Christus hinzeigt und dann auf das Osterbild dieses Altars, den auferstandenen und verklärten Herrn“.
Es ist dieses „Auf Christus schauen“ also in besonderer Weise ein österliches Motto, und es ist eng verknüpft mit einem „Auf Christus zeigen“. Bevor jemand auf Christus schaut, muss einem dieser „gezeigt“ worden sein. Und beides, das „Schauen“ und das „Zeigen“ sind freilich nicht nur Aufgabe des Papstes, sondern der ganzen Kirche und eines jeden Christen.

Tradition und Glutkern

Das ist in diesen zehn Jahren gewiss nicht leichter, vielleicht aber noch dringlicher geworden. In vielen Kommentaren und Analysen wird darauf hingewiesen, dass so etwas wie eine Rückbesinnung auf das christlich geprägte Wertefundament unserer Kultur angesichts der dramatischen Umbrüche nottäte. Das ist im Kern zweifellos richtig, entspräche es doch einem Willen zur Selbstbehauptung, welcher überhaupt erst die Voraussetzung von Integration, Dialog und dergleichen mehr bildet. So wichtig indes eine solche, jawohl, kulturchristliche Grundierung wäre, so sehr bleibt diese doch angewiesen auf die Verbindung zu ihrem Quell. Ohne Zufuhr frischen Wassers wird der Tümpel trübe, wenn er nicht gar austrocknet. Anders gesagt: jede Beschwörung besagten Wertefundaments bleibt leer, wenn sie nicht getragen wird von jenen, welche zum Glutkern vordringen oder sich von diesem in Anspruch nehmen zu lassen bereit sind.
Das meint dieser markante Finger Johannes des Täufers, den Matthias Grünewald in seinem berühmten Altarbild zu Beginn des 16. Jahrhunderts dargestellt hat. Solches lässt sich weder verordnen, noch durch voluntaristischen Rückgriff auf frühere vermeintliche Glaubens-„Gewissheiten“ wiederherstellen. Es kann nur für die Kirche als ganze und für jeden einzelnen in ihr darum gehen, allenfalls Verschüttetes wieder freizulegen; sich selbst darauhin zu befragen, wie man es denn mit dem hält, was einem seit Kindheitstagen vertraut, in der Jugend vielleicht noch soziale Rahmung vermittelt, später aber sukzessive – aus welchen Gründen auch immer – abhanden gekommen ist.

Glaube und Vernunft

Es ist dies aber nicht bloß eine Sache von Spiritualität, von religiösem „Gefühl“ gar. Vielmehr geht es dabei auch um Wissen und geistige Aneignung. Also darum etwa, um beim Beispiel zu bleiben, ein Werk wie den Isenheimer Altar auch einigermaßen „lesen“ zu können. Dafür bedarf es keines Kunstgeschichte- und keines Theologiestudiums, wohl aber einiger grundlegender Kenntnisse christlich-abendländischer Tradition, ihrer Narrative und ihrer Bildsprache. Der Grundwasserspiegel solch religiösen Basiswissens (vor aller Gläubigkeit) dürfte nicht minder niedrig sein als jener des Glaubens selbst.
Dabei kann es freilich nicht um eine unkritische, bloß affirmative Übernahme dieser Tradition gehen. Vielmehr käme es darauf an, diese im Licht ihrer Gegenentwürfe in Geschichte und Gegenwart verstehen zu lernen. „Auf Christus schauen“ hieße auch, den Versuch einer Synthese von Glaube und Vernunft zu riskieren. Auch das im übrigen ein Lebensthema von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.
Zugegeben, all dies sind sehr bekenntnishafte Überlegungen. Sie erschließen sich letztlich wohl nur aus einer Perspektive des Glaubens. Aber ihnen zugrunde liegt die Überzeugung, dass ohne diese Perspektive unsere Welt ärmer wäre.

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