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Neue Mittelschule – eine Gesamtschule?
  #1  
Ungelesen , 22:57
Mag. Johann Sohm Mag. Johann Sohm ist gerade online
 
Registriert seit: 25.11.2007
Beiträge: 1
Das einseitige Plädoyer Rupert Vierlingers für die Gesamtschule kann nicht unwidersprochen zur Kenntnis genommen werden. Triumphierend schreibt er, die Siegerstaaten bei PISA usw. seien langjährige Gesamtschulnutzer. Das stimmt – was er aber verschweigt, ist, dass die Schlusslichter der PISA-Studie mit Mexiko und Brasilien ebenfalls Gesamtschulländer sind. Was jetzt? Ist Gesamtschule Garantie für Spitzenleistung oder etwa doch nicht? Oder liegt es gar nicht an der Organisationsform sondern hat der Erfolg andere Gründe? Könnten es vielleicht die geringere Größe der Schulen, die hochgradige innere Differenzierung und der geringere Ausländeranteil sein? Die Gegenbeispiele Kanada und Neuseeland zählen dabei nicht – die haben aufgrund ihrer rigorosen Einwanderungsbestimmungen andere soziokulturelle Ausländerpopulationen als wir.
Fragt jemand, wie die Schüler der PISA-Sieger mit ihren Schulen zufrieden sind? Warum verschweigt man, dass Österreich bei der Zufriedenheit der Schüler mit den Lehrern im Spitzenfeld liegt, Finnland hingegen am Ende auf Platz 35 (HBSC-Study). Oder dass in den erfolgreichen Drillschulen Japans die Schülerselbstmorde zehnmal so hoch sind wie in Österreich. Menschlichere, bessere Schulen?
Wie kommt es, dass die deutschen Bundesländer Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg ohne Gesamtschule oder die österreichischen AHS mit den PISA-Ergebnissen an die finnischen Gesamtschulen herankommen oder sie gar übertreffen? Wie kommt es, dass das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung feststellt, dass in Nordrhein-Westfalen etwa am Ende der 10. Klasse Gesamtschüler im Vergleich mit Gymnasiasten in Mathematik nahezu um drei Jahre zurückliegen? Zugleich wird diagnostiziert, dass die Gesamtschüler hinsichtlich sozialen Lernens nicht mit den Schülern der anderen Schulformen mithalten können.
Die ELEMENT-Studie der Humboldt-Universität Berlin aus dem Jahre 2008 weist nach, dass eine Verlängerung der Grundschule auf sechs Jahre schlechtere Ergebnisse bringt, als wenn die Kinder in der fünften Klasse eine weiter führende Schule besuchen. Es gibt keine belastbare Studie, die belegt, dass längeres gemeinsames Lernen sinnvoll ist, räumt sogar der deutsche PISA-Forscher Jürgen Baumert in einem Interview mit „Spiegel online“ (Mai 2009) ein.
Das Bemühen von Klischees, im Gymnasium lerne man nur, damit man keine Fünfer bekomme und nicht weil es die Schüler interessiere, richtet sich wohl selbst. Wenn ich die Spitzenleistungen unserer Maturanten beobachte, merke ich hohe Motivation der Kandidaten und nicht angstmotiviertes Lernen-Müssen.
Zu den frustrierenden Ausgrenzungserlebnissen der Schwächeren: Wenn man den Schulen die Möglichkeiten der Stützkurse gibt, wie das in Finnland der Fall ist, oder wie die mit sechs Lehrerstunden bevorzugt finanzierte Neue Mittelschule ausgestattet ist, dann wird das Repetieren wohl auch am Gymnasium eine Ausnahme sein.
Mit Klischees geht es weiter: Der Hochbegabte wird im Gymnasium gemobbt und in der Gesamtschule bedankt. Das ist ein Vorurteil, das ich in meiner Schule wahrlich nicht beobachten kann.
Dass das gegenwärtige Schulsystem zur sozialen Segregation beiträgt, ist das nächste Vorurteil. Kein einziger Schüler wird nach seiner sozialen Herkunft beurteilt. Einzig und allein die Noten der Volksschule sind ausschlaggebend für die Aufnahme. Soziale Segregation gibt es aber sehr wohl in den Ländern mit Gesamtschule. Dort, in England, Frankreich und den USA etwa, boomen die Privatschulen, die sich tatsächlich nur mehr die Oberschicht für ihre Kinder leisten kann.
Mit Sicherheit kann man vom PISA-Sieger Finnland lernen. Doch die Organisationsform Gesamtschule ist es nicht, die den Erfolg bringt. Die hat man beispielsweise auch in immer wieder unreflektiert als Vorbild hingestellten anderen skandinavischen Ländern wie Schweden und Norwegen. Und die liegen bei PISA deutlich hinter Österreich.
Mag. Johann Sohm
Schulleiter BG/BRG Krems
Bundesobmann-Stv. der Vereinigung christlicher Lehrerinnen und Lehrer
  #2  
Ungelesen , 13:26
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Schlechtes Zeugnis für die Gesamtschule

Zu dem wohltuenden Leitartikel von Rudolf Mitlöhner („Der ewige Schulversuch“, Nr. 37) ist der Jubelartikel für die Gesamtschule von Rupert Vierlinger eine herrliche Illustration. Das Einzige, in dem ich Vierlinger recht geben möchte, ist, dass der größte Teil der Schulversuche zur „Neuen Mitttelschule“ keine „Gesamtschulen“ im Vierlingerschen Sinn sind. Ansonsten ist es „verblüffend, wie gerade bei der Schule alles Heil von einer Systemumstellung erwartet wird“, wie Mitlöhner schreibt. Und das geschieht in der Regel so, wie es Vierlinger macht:
In Schwarzweißmalerei wird das gewünschte System idealisiert („Löffel Honig“) und das bekämpfte System schlecht gemacht („Fass voll Essig“). Dieses Rezept wird für jeden „Vorteil“ der Gesamtschule Absatz für Absatz durchgespielt. Besonders auffällig sind die gehässigen Formulierungen, mit denen den im gegliederten System Handelnden negative Motive unterstellt werden: „ zu gehässigem Rivalisieren anstachelt“, „Unerwünscht-Sein“, „Exerziermodell“, „ideologisch verblendete Gegner der Gesamtschule“, „das atavistische Moment des ständischen Denkens“. Und als Schlussgag der unsachliche und untergriffige Vergleich mit der Rassentrennung in Schulen der USA!
Wenn jemand das, was er angreift, so karikiert und entstellt, muss man vermuten, dass seine positiven Argumente auf recht schwachen Beinen stehen. Und es gibt ja auch Berichte und Untersuchungen, die den Gesamtschulsystemen in Deutschland im Vergleich mit den gegliederten Systemen ein schlechtes Zeugnis ausstellen, sogar erklären: „Die Gesamtschule ist gescheitert.“, sowohl im Anspruch, gleiche Schülerleistungen zu erbringen wie das gegliederte System, als auch im Anspruch, die soziale Integration besser zu lösen.
Auch aus den PISA-Ergebnissen lassen sich, entgegen Vierlingers Meinung, keine Beweise für die Überlegenheit des Gesamtschulsystems ableiten (was andere PISA-Verehrer inzwischen zugeben), vor allem, wenn man die Ergebnisse aus Deutschland vergleicht, wo Bundesländer mit Gesamtschulsystemen neben Bundesländern mit gegliederten Systemen bestehen.
Die Chance, in Österreich Vergleiche zwischen zumindest gesamtschulähnlichen Versuchen der „Neuen Mittelschule“ und den Regelschulen des gegliederten Systems anzustellen, wurde vertan, da es keine Vergleichsschulen des Regelsystems gibt, die mit ähnlichen Ressourcenvorteilen ausgestattet werden.
Mag. Wolfgang Rank
Markt 210
2880 Kirchberg/Wechsel
  #3  
Ungelesen , 13:30
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Schon wieder ein Bildungsexperte

Wiederum bejubelt ein Experte, Herr Rupert Vierlinger, in der FURCHE die echte Gesamtschule. Sie sie die Lösung aller österreichischen Schulprobleme. Dazu habe ich doch einige Fragen:
Warum sind laut PIRLS-Studie die Schülerleistungen am Ende der "Gesamtschule" Volksschule milieuabhängiger als am Ende der Sekundarstufe I? Warum schneiden bei der PISA-Studie in Deutschland, das Länder mit Gesamtschulen und Länder mit differenzierten Schulen hat, die Länder mit Gesamtschulen durchwegs schlechter ab? Warum sind in den Gesamtschulländern Frankreich, Großbrittanien und USA außer den sündteuren Privatschulen, die Schulen so miserabel? Warum besuchte unsere Bildungsministerin Claudia Schmied in New York eine Elite- und keine Gesamtschule? Warum sprechen Gesamtschulbefürworter immer von Selektion, wenn doch dieser Begriff durch die Evolutionslehre und die deutsche Geschichte vordefiniert ist und auf unser Schulsystem wirklich nicht zutrifft? (Die Mehrheit der Maturanten kommen über Oberstufenformen zu ihren Abschluss.) Warum spricht kein Experte über Lerninhalte und Schülerleistungen? Warum machen Politiker und Bildungsexperten daher "für schlechte Leistungen auch nie die Schülerinnen und Schüler mitverantwortlich, sondern immer nur die Lehrkräfte und das System", wie es im Leitartikel heißt? Warum ist in Österreich jeder gleich Bildungsexperte, nur weil er selber Schüler war oder ein politisches Schulamt bekleidet hat? Warum kommen in der FURCHE nur Gesamtschulbefürworter zu Wort?
Alois Baumgartner
6020 Innsbruck
  #4  
Ungelesen , 17:43
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Beiträge: 423
Mehr Probleme in der „Neuen Mittelschule“

Als ein alt-gedienter Gymnasiallehrer (Mathematik) bitte ich bei der wieder aufgebrochenen Reformdebatte dringend um die Beachtung mindestens folgender zweier Punkte, ohne die jede „Neue Mittelschule“ zum Scheitern verurteilt sein wird.
Erstens: Je heterogener die Klassen werden, desto schwieriger wird das Vorwärtskommen im Stoff. Gute und weniger begabte Schüler in einer Klasse behindern (leider!) einander – auch dann, wenn die weniger guten von einem Begleitlehrer gefördert werden. Das sollte auch Rupert Vierlinger akzeptieren! Wenn man das – wie er – trotzdem will, dann muss man den Lehrplan kürzen, aber: Dann werden noch mehr private „Eliteschulen“ gegründet werden, in denen dann die Ausbildung besser ist. Die Zwei-Klassen-Schul-Gesellschaft will man doch hoffentlich nicht! Oder?
Zweitens: Die Disziplinlosigkeiten nehmen in dieser inhomogenen „Neuen Mittelschule“ sicherlich noch zu. Man muss es daher möglich machen, dass schlimme, unerzogene oder verhaltensauffällige Schüler bei wiederholtem Stören aus den Klassen hinausgewiesen werden können, um in eigenen Kleingruppen weiter in dem Fach unterrichtet zu werden (wie z. B. in Frankreich). Sonst sind die Lehrer völlig überfordert.
Für mich wäre das derzeitige Hauptschulsystem mit Leistungsgruppen in den Schularbeitsfächern eine gute Grundlage für die „Neue Mittelschule“ – allerdings mit einem weniger umfangreichen Lehrplan. Die Folgen, siehe oben: mehr „Eliteschulen“!
Dr. Paul Weitzer
Akademisches Gymnasium
1130 Wien, Neue Weltgasse 8
paul.weitzer@aon.at
  #5  
Ungelesen , 23:33
Musikant Musikant ist offline
 
Registriert seit: 18.04.2009
Beiträge: 43
Weder Allheilmittel noch leistungsfeindlich

Dass Kinder mit divergierenden Leistungsniveaus zwangsläufig den Unterrichtsfortschritt hemmen, ist bereits durch die Mehrstufenklassen früherer Landschulen widerlegt worden. Das ist rein eine Frage der Organisation des Lernens. Firmenchefs, Produktentwickler, Buchhalterinnen und Reinigungspersonal, die in ein und demselben Bürogebäude arbeiten, behindern einander schließlich auch nicht beim Arbeiten! Umgekehrt wird nicht alles einfach nur deshalb besser, weil man alle Kinder unter einem Dach unterrichtet. Eine Lehrerin aus Finnland, die seit einigen Jahren in Österreich arbeitet, hat es auf den Punkt gebracht - sinngemäß: Ja, die österreichische Schule ist in ihrer Methodik ziemlich altmodisch. Wenn sich allerdings die Mentalität in eurem Land nicht ändert, wird eine Änderung des Schulsystems auch nichts bringen! So lange Schule und Lehrer so negativ besetzt sind, so lange Disziplin ein Unwort ist, so lange wird auch die fortschrittlichste Unterrichtsmethode keine Früchte tragen.
Dr. Elisabeth Ertl

Geändert von Musikant ( um 18:52 Uhr).

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