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24/2017 - Die Liebe zur Sophia
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Alt 13.06.2017, 07:40
Die Liebe zur Sophia

Narzissmus, Jugendwahn und überzogene Wissenschaftsgläubigkeit prägen unsere weisheitsferne Gegenwart. Ein Appell zur Rückbesinnung.


| Von Martin Poltrum

Sophia, sapientia, sagesse, wisdom, hikma, et cetera – nahezu jede Sprache hat ein Wort für das, was wir als Weisheit bezeichnen. Was diese „Sophia“ jedoch ist, inwiefern sie sich von der Wissenschaft unterscheidet und worin ihre Bedeutung für das Leben liegt, ist unklar geworden. Die Tugend der Weisheit scheint heute keine Rolle mehr zu spielen. Das alte Griechenland kannte noch eine Liste mit sieben Weisen – herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, deren Rat gern gefragt war. Gemäß einer antiken Weissagung, einem Spruch des Orakels von Delphi, wurde Sokrates einmal als der Weiseste unter den damaligen Zeitgenossen ausgewiesen. Was sich das Orakel dachte, als es den Urvater der abendländischen Philosophie mit dieser Ehre auszeichnete, ist nur zu vermuten.
Sokrates, der Sohn einer Hebamme, der in Platons Dialogen als der ideale Dialogpartner und Lebensberater skizziert wird, soll seine besondere Gesprächstechnik mit der Geburtshilfe verglichen haben. Ein wahrer Zuhörer gibt seinem Gesprächspartner keine Ratschläge, sondern fungiert als Geburtshelfer und übernimmt die Aufgabe, in einem existentiell bedeutsamen Gespräch das zu thematisieren, was zur Sprache kommen möchte. Ein weiser Mensch erkennt und antwortet nie vorschnell, sondern stellt sich in den Dienst der Wahrheit und hilft, durch die Tugend des langsamen gedanklichen Verweilens, die Dinge ins rechte Licht zu setzen. Von Sokrates wird auch berichtet, dass er einen besonderen Draht zu einer inneren Stimme hatte, zum Daimonion, einer Art innerer Ratgeber oder innerer Weiser, der ihm immer wieder den Weg wies.

Philosophen und Sophisten

Den Philosophen wird generell nachgesagt, dass sie ein besonderes Naheverhältnis zur Weisheit haben, tragen sie doch die Liebe (philía) zur Weisheit (sophía) bereits in ihrem Namen. Ob alle Philosophen auch Weise sind, sei dahingestellt, denn Weisheit scheint in jedem Fall auch eine Temperamentssache zu sein. Die Kunst, seine Affekte zu zügeln, ruhig, besonnen und gelassen zu reagieren und nicht vorschnell aus dem Gleichgewicht zu geraten, gehört mindestens ebenso zur Bestimmung des Weisen wie die Liebe zur Weisheit. Philosophen die „mit dem Hammer philosophieren“ und wie etwa Friedrich Nietzsche von sich selber sagen, dass sie „Dynamit“ seien, können allerlei weise Dinge von sich geben, scheiden wohl aber als Inbegriff des Weisen aus. Von einem Weisen wird erwartet, dass er den Weg, den er anzeigt, auch selber geht. Bei Schopenhauer, der Askese predigte und gerne vor reich gedeckten Tafeln dinierte, war dies nicht der Fall, womit er wie viele andere Philosophen ebenfalls ausscheiden würde. Wasser predigen und Wein trinken, das geht nicht zusammen mit dem Attribut „weise“.
Im Übrigen: Nicht überall, wo in der Geistesgeschichte „Sophia“ anklingt, ist auch Weisheit drinnen, wie das Beispiel der Sophisten belegt, die großen Feinde und Gegner Platons. Die Sophisten waren damals im alten Griechenland Wanderlehrer und Berater, die man für sehr viel Geld buchen konnte und die einem rhetorische Tricks beibrachten, so dass man in der Lage war, wie das Platon spöttisch bezeichnete, aus dem schwächeren Argument durch eine fein geschliffene Argumentation das stärkere zu machen. Sophisten sind in den Augen der eigentlichen Wahrheitsverehrer wie Sokrates, Platon, Aristoteles & Co nicht mehr als „Wahrheitsrelativisten“, denen es nicht um edle Erkenntnis, Ethos und lebensdienliche Wahrheiten geht. Sie sind intellektuelle Blender und Angeber, die mit ihrer Vielwisserei prahlen und diese in den Dienst des Geldes, des Kapitals und der Machtvermehrung stellen – damals wie heute.
Was in autoritäts- und wissenschaftsgläubigen Zeiten wie der unsrigen nicht vergessen werden darf, ist die Tatsache, dass Wissen nicht mit Wissenschaft ident ist und Weisheit mit Wissenschaft gar nichts zu tun hat. Vielleicht darf man sogar behaupten: Je wissenschaftsgläubiger, je szientistischer ein Zeitalter ist, desto weisheitsferner scheint es. Der Szientismus oder Positivismus, der alles berechnen und vermessen möchte, ist der überzogene Glaube der Wissenschaft an sich selbst, der Erkenntnis mit Wissenschaft gleichsetzt. Was dabei vergessen wird ist, dass Wissenschaft nur eine mögliche Form der Erkenntnis ist. Weisheitserkenntnis, mystische Erkenntnis, religiöse Erkenntnis, die Pascalsche „logique du cœur“ – „das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt“ – haben allesamt mit Wissenschaft nichts zu tun und sind wahrscheinlich sogar mehr wert als die Einsichten der Wissenschaft.
Diese Erkenntnis findet sich auch bei Aristoteles, dem Vater der Wissenschaften. Im sechsten Buch seiner „Nikomachischen Ethik“ nennt er fünf Arten des Wissens: Epistéme (Wissenschaftlichkeit), Téchne (Sachkundigkeit), Sophía (Weisheit), Noûs (Vernunft), Phrónesis (praktische Klugheit). Wissenschaft interessiert sich dabei für Gegenstandsbereiche, die notwendigerweise so sind, wie sie sind – im Gegensatz zur praktischen Klugheit, deren Augenmerk den Dingen gilt, die so, aber auch anders sein können und bei denen erst herausgefunden werden muss, was in der jeweiligen Situation der Fall ist. Die Weisheit hingegen ist ein Wissen, das staunend auf das Bleibende und Ewige gerichtet ist, auf die schöne Ordnung, den Kosmos und den Lauf der Dinge. Die Weisheit erschließt auch, dass alles menschliche Wissen im Vergleich mit dem göttlichen Wissen endlich und vergänglich ist. Der Weise wird demütig und bescheiden, da er in der Kontemplation erschließt, dass die Dinge gut sind, wie sie sind. Spätestens mit der mittelalterlichen Aristoteles-Rezeption wird dies auch zu einem Grundgedanken der christlichen Philosophie und Weisheitstradition.

Wettbewerb der Ich-AGs

Dass es heutzutage um die Weisheit schlecht bestellt ist, liegt vielleicht auch daran, dass wir in einem narzisstischen Zeitalter leben, in dem das Staunen und Zurücktreten vor dem Zauber der Dinge der Haltung des Machens, Planens und In-den-Griff-Kriegens gewichen ist. Vor allem aber scheint im allgemeinen Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Anerkennung im Ich-AG-Durchsetzungskampf kein Platz für Bescheidenheit und Demut zu sein, wie sie die Weisheit geradezu fordert. Selbsterhöhung, Prahlerei und vorgespielte Großartigkeit sind eher gefragt als das Eingeständnis, dass man eigentlich nichts weiß. Möglicherweise hängt der Verlust der Weisheit oder das Aussterben der Weisen – wer wären die sieben Weisen der Gegenwart? – sogar mit dem allgemeinen Trend zur ewigen Jugendlichkeit zusammen. Eine Gesellschaft, die im „Forever Young“ das höchste Ziel sieht, hat keinen Platz für die Pflege der Weisheit. Denn wenn es einen Lebensabschnitt gibt, der mit der Idee der Weisheit kaum vereinbar ist, dann ist es die Jugend. Um es mit Jean-Jacques Rousseau zu sagen: „Die Jugend ist die Zeit, Weisheit zu lernen. Das Alter ist die Zeit, sie auszuüben.“
Die Jugend ist wunderbar, keine Frage, aber zur Weisheit fehlt ihr die Fähigkeit, die Begierden und Affekte zu zügeln, die Reife und Lebenserfahrung, die Gelassenheit und die Milde, die man im besten Fall im Alter erreicht hat – wenn einem die eigenen Fehler und das Leben gezeigt haben, dass es ratsam ist, die Angelegenheiten der menschlichen Komödie nicht allzu ernst zu nehmen. Möglicherweise ist aber auch alles ganz anders, und es irren die Liebhaber der Weisheit. Dann wäre eher dem Surrealisten Max Ernst recht zu geben, der einmal meinte: „Die Nacktheit der Frau ist weiser als die Lehre des Philosophen.“


| Der Autor ist Philosoph, Psychotherapeut und Dozent an der Sigmund Freud Privat Univ. Wien |

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