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24/2017 - „Wir verkennen den Wert des Schattens“
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Alt 13.06.2017, 07:46
„Wir verkennen den Wert des Schattens“

Wie geht es der Weisheit im Zeitalter der Hypervernetzung? Netzwerk-Experte Harald Katzmair über
digitale Beziehungskultur, Donald Trump und chinesische Malerei.


| Das Gespräch führte Martin Tauss
| Mitarbeit: Thomas Frühwirth


Weisheit ist ganz offensichtlich ein Thema, bei dem Harald Katzmair so richtig in Fahrt kommen kann.
Die FURCHE besuchte den Netzwerkanalytiker in seinem Büro in Wien, um ihn darauf anzusprechen.

DIE FURCHE: Herr Doktor Katzmair, was ist für Sie die Essenz der Weisheit?
Harald Katzmair: Es ist viel leichter zu sagen, was sie nicht ist. Die Weisheit kennt im Gegensatz zum Wissen keinen linearen Fortschritt. Man kann kein Buch schreiben über die Weisheit der antiken Philosophen und dann über die Vermehrung der Weisheit im Lauf der Geschichte. Es gibt heute zwar eine unglaubliche Anhäufung von Daten, Informationen, eine zunehmende Spezialisierung des Wissens. Aber es gibt in diesem ganzen Daten- und Informationsraum eine merkliche Abwesenheit von Weisheit.
DIE FURCHE: Der deutsche Journalist Gerd Scobel hat ein Buch über Weisheit geschrieben. Der Untertitel heißt: „Über das, was uns fehlt.“ Was wäre das aus Ihrer Sicht?
Katzmair: Weisheit ist etwas, das uns die Illusion eines determinierten oder geordneten Lebens nimmt. Weise sein heißt generell: Man hat Erfahrungen gemacht und dafür einen Preis gezahlt. Selbst wenn man den Job verliert oder wenn dich deine Frau verlässt, gibt es immer noch die Frage: Wer weiß, wofür’s gut ist? Weisheit hat damit zu tun, komplexe Beziehungen zu sehen: wie die Dinge zusammengehören und zusammenwirken. Und sie hat einen Bezug zur Ambiguität, zum Unscharfen – das ist der entscheidende Unterschied zum Wissen. Die Welt ist nicht nur Schwarz und Weiß.
DIE FURCHE: Hat uns nicht gerade die digitale Welt noch stärker in diese Eindeutigkeit hineingetrieben? Da geht es oft nur noch um ein „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“.
Katzmair: Aber wir spüren, dass das Leben so nicht funktioniert. Irgendwie merken wir, dass wir in der digitalen Welt nie zuhause sein können. Eine abgewetzte Tasche, ein zerkratzter Tisch ist ein Zeichen dafür, dass ein Gegenstand anverwandelt wurde. Die digitalen Räume hingegen sind unbefleckte Orte – man kann sie nicht greifen. Und sie sind nicht gastlich. Ich kann mich dort einloggen, aber ich kann sie nicht bewohnen.
DIE FURCHE: Wenn Sie auf einem Markt spazieren würden, wo die verschiedenen Weisheitslehren der Menschheitsgeschichte angeboten werden – wo würden Sie hängen bleiben?
Katzmair: Seneca ist einer meiner Lieblingsautoren. Wenn man das liest, merkt man, dass sich an den existenziellen Fragen des Menschseins nichts verändert hat. Die Fragen nach Glück, nach einem gelingenden Leben – ich wüsste keine Weisheit, die nicht schon bei Autoren zu finden wäre, die vor 2000 Jahren oder noch länger gelebt haben. Das chinesische Tao Te King zum Beispiel ist ein unglaubliches Buch, voll mit Weisheit! Man kann dasselbe über die Bibel sagen oder über die buddhistischen Schriften, die für mich sehr nahe an der griechischen Stoa sind.
DIE FURCHE: Einverstanden, aber heute hat sich doch auch viel verändert im Sinne der Digitalisierung: Über soziale Medien kann man mit Menschen in Kontakt sein, die physisch weit entfernt sind. Es entstehen unzählige Vernetzungen, auch im globalen Maßstab. Wird in diesem neuen Umfeld die Entfaltung von Weisheit eher begünstigt oder behindert?
Katzmair: Die Liebe zur Weisheit hat bei Aristoteles zwei Voraussetzungen: die Muße und Zweckfreiheit auf der einen Seite – etwas aus einem spielerischen Überschuss heraus tun, aus einer Absichtslosigkeit. Und zweitens die Freundschaft, die eine Beziehung ohne Interesse ist – im Unterschied zur Geschäftspartnerschaft. Was Weisheit heute unterläuft, ist, dass unsere Beziehungen in der Netzwerk-Ökonomie immer funktionalisierter werden. Man geht Beziehungen nur deshalb ein, um einen Nutzen zu haben: Das ist dann nicht Freundschaft, sondern eine instrumentelle Beziehung.
DIE FURCHE: Kritische Stimmen führen das auf die Ökonomisierung aller Lebensbereiche zurück...
Katzmair: Damit ist die Voraussetzung zur Philosophie zerstört, und damit die Liebe zur Weisheit. Weil sie das zweckfreie, erkundende Gespräch unterbindet. Es gibt in Beziehungen oft eine Mischung aus funktionalen und zweckfreien Anteilen. Die Frage ist nur, was ist dominant? In der Netzwerk-Ökonomie leiten wir unseren sozialen Status immer mehr aus den Beziehungen heraus ab. Der Daumen nach oben ist eine uralte Geste, die wir schon aus dem römischen Kolosseum kennen. Das Spannende ist, dass uns Medien wie Facebook zwei Rollen zuschreiben: Auf der einen Seite werden wir zu Gladiatoren, die kämpfen und hoffen, dass die Zuseher ihren Daumen nach oben strecken. Zugleich sind wir auch in der Rolle des Imperators, der über die Inszenierungen anderer entscheidet.
DIE FURCHE: Was bedeutet das für die Gestaltung von Beziehungen?
Katzmair: Hier lauert eine große Gefahr, denn die zunehmende Instrumentalisierung führt zu einer Kategorisierung der Welt in drei Typen von Menschen: Die, die mir nützlich sein können; die, die mir schädlich sein können; und die, die mir egal sind – das ist übrigens die größte Gruppe. Dann erfolgt die ganze Beziehung zur Welt in diesem instrumentellen Resonanzraum. Das ist zutiefst „unweise“, weil es zu wechselseitigem Missbrauch führt. Es kommt zu keiner wirklichen Begegnung mehr. Eine fundamentale Weisheit des Lebens aber lautet: Alle Dinge, denen du nachläufst, laufen tendenziell vor dir weg, und alle Dinge, vor denen du davonlaufen möchtest, laufen dir nach. Selbst dem Herrn Trump geht es so. Der US-Präsident erlebt offenbar viele Heimsuchungen, und er versucht das quasi abzuspalten. Über die Abspaltung entwickelt er eine Brutalität zu sich selbst und zu anderen.
DIE FURCHE: Das aber könnte sich langfristig rächen …
Katzmair: Es wird sich letztlich nicht ausgehen: Die Macht scheitert immer an sich selbst. Es hat noch niemand geschafft, an der Macht zu bleiben. Die Macht ist eine Energie, die sich irgendwann gegen einen selbst richtet. Und gerade Donald Trump produziert jeden Tag unzählige Feinde.
DIE FURCHE: Wie würden Sie Weisheit aus der Sicht des Netzwerkanalytikers beschreiben?
Katzmair: Das schwächste Glied in einem Netzwerk ist die Beziehung der Menschen zu sich selbst. Ist jemand dabei, der mit sich selbst nicht umgehen kann, der – symbolisch gesagt – mit seinem „Schatten“ nicht in Beziehung ist, wird jedes Netzwerk zerstört. Die Qualität der Beziehungen untereinander kann nie besser sein als die Qualität der Beziehung, die ich zu mir selbst habe. Das ist der limitierende Faktor bei der Weisheit von Netzwerken.
DIE FURCHE: Kann sich Weisheit im wirtschaftlichen Erfolg niederschlagen, oder ist sie in unserem Wirtschaftssystem eher hinderlich? Donald Trump ist offensichtlich nicht weise, aber wirtschaftlich höchst erfolgreich.
Katzmair: Da müsste man Seneca zitieren: Reich ist der, der das, was er hat, wertschätzen kann. Und dem es genug ist. Arm hingegen ist der, der mehr will. Trump ist eine arme Sau, denn er will noch unendlich mehr. Dass in den Machtzentren immer wieder gestörte Menschen landen, hat mit ihrer schwierigen Biographie zu tun.
DIE FURCHE: Wie verhält sich ein weises Netzwerk beziehungsweise ein weises Unternehmen?
Katzmair: Ein weises Netzwerk basiert auf dem Prinzip „leben und leben lassen“. Es weiß darum, dass man nur dann langfristig erfolgreich sein kann, wenn man sich immer wieder erneuert. Ein weises Unternehmen weiß immer um die Endlichkeit seines Produkts. Es hält nicht fest an einer Technologie, sondern weiß, dass immer wieder Zyklen von schöpferischen Destrukturierungen zu durchlaufen sind. Es weiß um die Notwendigkeit von Beziehungen und Partnerschaften – aber auch, dass es im Hintergrund einen größeren Sinn geben muss, mehr als nur monetäre Interessen.
DIE FURCHE: Also das Unternehmen so zu positionieren, dass es eine gesellschaftlich wirklich sinnvolle Arbeit macht?
Katzmair: Dass man versteht, Teil von einem Wertschöpfungsnetzwerk zu sein. Menschen, die Innovation in die Welt bringen, sind nicht nur ökonomisch motiviert. Erfolg ist weniger als Ziel zu sehen, sondern vielmehr als Effekt, als Nebenprodukt.
DIE FURCHE: Nicht zu vergessen die richtige Einstellung zum Misserfolg und zum Scheitern ...
Katzmair: Ein weises Unternehmen hat neben der ökonomischen noch eine andere Skala, an der sich Erfolg bewerten lässt. Es gibt dann noch andere Kriterien, die irgendeine Form von nachhaltigem Impact erfassen.
DIE FURCHE: Gibt es für Sie Sinnbilder der Weisheit?
Katzmair: Ich bin begeistert von der chinesischen Landschaftsmalerei: Man sieht eine Landschaft, die sich ständig erneuert, die im „Flow“ ist. Alles lebt und pulsiert. Immer tritt etwas hervor, zugleich verschwindet etwas anderes im Nebel. Bei den alten Chinesen ist der Nebel ein Möglichkeitsraum. Viele Zeitgenossen haben den totalen Horror vor dem Nebel, dem Unscharfen. Deshalb gibt es auch diesen Fetischismus rund um Bildbearbeitung und hoch auflösende Kameratechnologien. Wir versuchen, die Ambiguität auszumerzen und verkennen den Wert des Schattens. Das ist schon irgendwie ein europäisches Drama.

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