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22/2013 - Der Banker im Schnellboot (Oliver Tanzer)
  #1  
Ungelesen , 12:03
Der Banker im Schnellboot

Der Fall Stepic wird erst dann moralisch richtungsweisend sein, wenn man ihn mit einer Grundsatzentscheidung verbindet – die weniger Gewinn für alle bedeutet.

Von
Oliver Tanzer

Weil das Bankgeschäft eigentlich immer nur dann eine breitere Aufmerksamkeit erhält, wenn es um Gier und Spekulation geht – hier eine Spekulation zum tiefen Fall des Raiffeisen-Managers Herbert Stepic: An keinem großen Finanzplatz der Welt, weder in New York, noch in London oder Frankfurt – hätte es einen „Fall“ Stepic gegeben.
Ein Banker, so hätte es dort geheißen, der seinen Job macht und sehr, sehr viel Geld verdient – ja, warum sollte der sein privates Vermögen nicht offshore parken oder investieren dürfen, solange er sich im Rahmen der Gesetze bewegt? Und dieselben Verteidiger würden lächelnd darauf verweisen, dass der Banker Stepic, wenn er sein Vermögen auf einem Sparbuch seiner eigenen Bank belassen hätte, nach Abzug der Inflation, Geld verloren hätte – so tief wie die Sparzinsen derzeit stehen.
Stepic wäre also, so die Argumentation, quasi gezwungen gewesen, sein Geld anderswo hinzuschaffen, wo es profitabler „arbeitet“ – also nach Singapur – über die Zwischenstationen Virgin Islands und Hongkong. Solche Manöver werden auch zur Steuerflucht angewendet, wenngleich jene, die von diesem lukrativen Geschäftszweig profitieren, von „Optimierung“ und „Schonung“ von Vermögen sprechen. Seitdem aber „Offshore-Leaks“ Namen und Kontodaten von Reichen hervorsprudelt, ist es mit der Schonzeit vorbei – so wie mit Stepics Karriere.

Namen, Listen, Tratsch

Irgendwie ist das Leaks-Verfahren ja sehr bequem für uns. Es gibt Namen, Listen und Tratsch in Hülle und Fülle. Die Enthüllungen lassen die „Gierigen“ seit Wochen über die Titelseiten defilieren. Leider lenkt die Beschau der Entblößten davon ab, dass es das System war, das im konkreten Fall Herbert Stepic zu dem gemacht hat, was er ist, nicht umgekehrt. Das Problem heißt nicht Banker und Moral, sondern Banken und Wettbewerb. Auf diesem Sektor herrschte seit den 1980er Jahren die vollkommene Konkurrenz. Da hieß es, den Mitbewerber möglichst ohne viel Federlesen zu eliminieren und sich einzuverleiben, oder so groß zu werden, dass man nicht verspeist werden konnte. Man musste also viel in diesem Haifischbecken riskieren, um zählbare Erfolge zu landen.

Das Land der Eroberer

Stepic war ein Eroberer, er gewann Osteuropas Bankenmarkt, weil er schnell, intelligent und aggressiv war und die notwendige Härte für dieses Geschäft besaß – andere würden sagen, die notwendige Brutalität. Dafür wurde er bewundert und bezahlt. So brachte er der Bank enorme Gewinne – im Rahmen der Gesetze. Ob die Verleihung von zehntausenden Fremdwährungskrediten moralisch in Ordnung war – danach fragte kaum jemand. Erfolg hieß Bilanzerfolg, harte Zahlen, harte Gewinne. Wen wundert es nun, dass der Bankmanager Härte und Gewinnstreben auch für sich selbst einsetzte? Immerhin war er doch für seinen Erfolg mit Orden und Ehren überhäuft worden.
Wenn der Fall Stepic also tatsächlich ethisch-moralisch richtungsweisend sein soll, müsste man eine Grundsatzentscheidung damit verknüpfen, die ein Banker jüngst mit einem Bootsrennen verglich. Die einen wollen da mit einem Schnellboot möglichst ohne gesetzlichen und moralischen Ballast zur Schatzinsel kommen, um sich dort die Reichtümer zu holen. Die anderen nehmen das schwere Packboot, auf dem man viel über den Kurs diskutiert, und den Zweck der Reise und auf dem Crew und Passagiere gemeinsam am Ruder stehen. Es ist behäbiger als das Rennboot und langsamer, aber auch sturmbeständiger. Im Gewinn-Vergleich wird es aber immer das Nachsehen haben.
Immerhin wären für packbootwillige Banken Belohnungen denkbar – der Erlass der Bankenabgabe oder eine großzügige Einlagensicherung. Und andererseits müsste den Schnellbootfahrern klar gemacht werden, was für den Rest der Welt längst offensichtlich ist: Speed kills – persönlich und als System.




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