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10/2017 - Muslime müssen streiten (Otto Friedrich)
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Ungelesen 08.03.2017, 07:41
Muslime müssen streiten

Der Diskurs über den Islam und mit den Muslimen sollte ohne Empörungsrituale geführt werden.
Und er verlangt auch nach einer innermuslimischen Debatte.


| Von Otto Friedrich

Die Debatte um den Islam läuft unrund – in Europa wie in Österreich. Dass der wahlkämpfende niederländische Rechtspopulist Geert Wilders unverhohlen das Verbot des Islam und des Koran fordert, regt niemanden mehr auf. Hierzulande hat „Religionsexperte“ Wolfgang Fellner schon Ähnliches angedacht. Leider werden die Stimmen immer leiser, die einer kompetenten und emotional deeskalierten Religionsdebatte das Wort reden.
Stattdessen wird der öffentliche Diskurs vornehmlich auf der Erregungsschiene geführt – wie auch die aktuelle Kopftuch-Debatte. Vom Integrationsminister abwärts äußern sich Politiker verschiedener Couleur zu Religionsfragen mit Verbotsansinnen, und der Boulevard sekundiert mit Freuden. Man kann auch an den Leserbriefseiten und den Postings im Netz ersehen, wie viele Islamexperten und Korankenner es im Lande gibt, die wissen, dass der Islam mit der europäischen Gesellschaft und Demokratie inkompatibel und schon in seinen Genen gewalttätig ist. Zuletzt tauchte in den täglichen Wortmeldungen von Innenminister Wolfgang Sobotka, mit denen er das Sicherheitsbedürfnis der Menschen und die Verschärfungen polizeilicher Maßnahmen hinauflizitiert, auch die Forderung nach einer „Kultur- und Religionsdiskussion“ über den Islam auf EU-Ebene auf.

Dialog weg von den Reizthemen der Symbolpolitik

Abgesehen davon, dass diese Diskussion ja längst im Gang ist, will man sie keinesfalls in den Händen der Sicherheitspolitiker wissen. Denn obgleich niemand das Problem religiöser Radikalisierung, das gerade muslimische Milieus in Europa erfasst, schönreden will: Ohne einen beharrlichen, gewiss mühsamen Dialog mit den Muslimen über die Wurzeln ihres Glaubens und die gesellschaftlichen Konsequenzen daraus sind keine der anstehenden Fragen zu lösen. Dieser Dialog darf nicht sicherheitsbehördlich geführt werden und gehört weg von den Reizthemen der Symbolpolitik – Stichwort: Kopftuchdebatte.
Mitunter macht es einem da auch die muslimische Seite schwer: Die dieser Tage bekannt gewordene Fatwa des Muftis und des theologischen Beratungsrates der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) über die Verhüllung von Frauen ist Wasser auf die Mühlen der politischen Islamkritik. Auch in diesem Fall wäre die unaufgeregte Auseinandersetzung vonnöten. Aber dass die Fatwa auf der Webseite der IGGÖ zeitweilig unter dem Titel „Kopftuchgebot“ zu finden war, und dass sich IGGÖ-Präsident Ibrahim Olgun Kritik daran als Einmischung in innere Angelegenheiten der IGGÖ verbat, zeigt, wie von der Leitung der Glaubensgemeinschaft die Brisanz der Angelegenheit völlig verkannt wurde. Jedenfalls vermittelt die Fatwa den Eindruck, dass eine Frau ohne Verhüllung keine Muslimin sein kann.

Muslimischer Widerspruch

Widerspruch dagegen hat die Frauenbeauftragte der IGGÖ, Carla Amina Baghajati, öffentlich angemeldet und darauf hingewiesen, dass das Kopftuch nicht zu den „fünf Säulen“, den zentralen Glaubensgrundsätzen, des Islam gehört. Musliminnen seien vor allem selbst gefragt, „die Deutungshoheit darüber, was sie anziehen oder nicht anziehen, bei sich selbst zu halten. Und die simple Gleichung ‚muslimische Frau = Kopftuch‘ nicht mitzuspielen – egal ob sie von innen oder außen kommt“.
Es ist richtig, wenn sich hier innermuslimischer Widerspruch manifestiert. Was etwa in der katholischen Kirche längst an der Tagesordnung ist, dass nämlich die Gläubigen alle Enunziationen ihrer Kirchenleitung keineswegs fraglos entgegennehmen, verlangt auch bei den Muslimen nach einer Entsprechung: Um einen im europäischen Kontext lebbaren Islam ist zu ringen. Anders gesagt: Damit der Islam auch im säkularen Europa beheimatet wird, muss dieses Ringen sichtbar sein. Insofern hat die unsägliche Fatwa aus der IGGÖ auch ihr Gutes.

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