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32/2018 - Die Entdeckung von nebenan
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Alt , 05:50
Die Entdeckung von nebenan

In Zeiten urbaner Vereinzelung und digitaler Blasen steigt der Wert der Nachbarschaftlichkeit. Über die Wiederbelebung des „Prinzips Dorf“.

| Von Teresa Freudenthaler


Im Hundsturmpark in Wien Margareten hat sich eine Menschentraube gebildet. In ihrer Mitte führen vier junge Leute – drei Männer und eine Frau – ein Stück auf: Die junge Schauspielerin tut so, als ob sie sich in einem Nachtclub befände, und tanzt voller Begeisterung. Einer der drei Männer geht zu ihr hinüber und tanzt mit ihr mit. Sie fragt ihn nach seinem Namen und seiner Herkunft. Als er ihr erklärt, dass er aus dem Irak stammt, nimmt sie rasch Reißaus. Der Verschmähte steigt auf einen Stuhl und blickt verzweifelt in den Himmel. „Gott, warum hast du mich zum Araber gemacht?“, ruft er laut. „Hast du nicht über Rassismus nachgedacht?“
Vorurteile gegenüber Fremden – und ihre tiefen Wurzeln in der Gesellschaft: Darum geht es in diesem Stück. Mit insgesamt sechs Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben Chiara Hunski und Jakub Piwowarczyk – beide selbst Schauspieler – die Performance im Spielclub des Jungen Volkstheaters erarbeitet. Der Plot basiert auf sechs persönlichen Geschichten aus Syrien, Brasilien, Griechenland, Afghanistan, dem Irak und Russland. Seit Jänner haben die jungen Leute geprobt, am Europäischen Nachbarschaftstag, dem 25. Mai, wurde das Stück in Wien-Maragereten aufgeführt.
Eine idealer Ort, schließlich leben im fünften Bezirk Menschen unterschiedlichster Herkunft Tür an Tür. Trotz großer Nähe gibt es freilich – wie oft in Städten – keinerlei Kontakt. Genau hier setzt die Idee des Nachbarschaftstages an: Durch gemeinsame Fes*tivitäten und Aktionen will man die soziale Bindung zwischen den Menschen fördern und damit das Phänomen urbaner Anonymität und Vereinzelung reduzieren.

Warum vermisst niemand diese Frau?


Es war 1999 in Paris, als das Fest der Nachbarschaftlichkeit erstmals veranstaltet wurde. Atanase Périfan, ein örtlicher Politiker, hatte es organisiert, um die Menschen zu mehr Solidarität innerhalb ihrer Umgebung zu ermutigen. Die Idee dazu war ihm zwei Jahre zuvor gekommen, nachdem Zeitungen davon berichtet hatten, dass in einer Pariser Wohnung der Leichnam einer alten Frau gefunden worden war – mehrere Monate nach ihrem Tod. Anscheinend hatte sie niemand vermisst. Périfan veranstaltete daraufhin die „Fête des Voisins“, den ersten Nachbarschaftstag, bald folgten auch andere europäische Metropolen. Seit 2008 gibt es dieses Fest auch in Wien, veranstaltet von den Nachbarschaftszentren des Wiener Hilfswerks. Josef Taucher, SPÖ-Gemeinderat und Generalsekretär des Ökosozialen Forums, hat die Initiative nach Österreich geholt. „Wir haben alle das Bedürfnis nach Heimat und Nähe“, sagt er. „Wir müssen nur Formen dafür finden. Und der Nachbarschaftstag bietet ein wunderbares Gefäß, diese Orte der Nähe herzustellen.“
Begegnung und Nähe fördern: Das wollen seit jeher auch die Wiener Nachbarschaftszentren. „Sie sollen ein Ort sein, an dem man sich austauscht und vielleicht auch Konflikte ausdiskutiert, an dem man zudem auch Hilfe bekommt und Hilfe geben kann“, weiß Taucher, der vor rund zwanzig Jahren den Aufbau des Nachbarschaftszentrums 22 in Wien Donaustadt geleitet hat. „Dorfplatz in der modernen Stadt“, hat damals der Slogan geheißen. Mittlerweile wird in den Zentren auch ein breites Spektrum an Dienstleistungen angeboten – von pädagogischer und psychologischer Beratung über diverse Freizeitangebote bis hin zu Sprachkursen und Literaturcafés. Auch Selbsthilfegruppen treffen sich hier. Zudem stehen ausgebildete Sozialarbeiter zur Verfügung. Taucher selbst vergleicht die Zentren mit Lymphknoten im Immunsystem einer Stadt. „Hier wird professionell darauf geachtet, wie man miteinander umgeht“, erklärt er. Gerade in einer Zeit, in welcher der Ton durch „unsoziale Medien“, wie er sie nennt, immer rauer werde, seien solche Knotenpunkte nötiger denn je.
Tatsächlich hat sich bei vielen in Zeiten von Beschleunigung und Globalisierung das Gefühl der Entfremdung eingestellt, die Sehnsucht nach Nähe, Beziehung, Zugehörigkeit und örtlichem Zusammenhalt wächst. Doch warum nicht die neuen digitalen Möglichkeiten nutzen, um die analogen Netzwerke zu stärken? Die Nachbarschaftsplattform nebenan.de und ihr Österreich-Ableger fragnebenan.at versuchen genau das: Sie wollen die Vorzüge des „Prinzips Dorf“ für das digitale Zeitalter nutzbar machen. Wer sich in diesen Netzwerken registriert, kann mit Leuten aus der Umgebung online Kontakt aufnehmen, mit ihnen Lebensmittel teilen, Flohmärkte organisieren oder darum bitten, dass jemand während des Urlaubs die Blumen gießt. Der digitale Raum soll demnach mithelfen, Berührungsängste zu nehmen. „Online einfach mal anklingeln“, lautet das Motto.

Lärm als größtes Nachbarschaftsproblem

Glaubt man einer Umfrage der Plattform fragnebenan.at aus dem Jahr 2014, dann ist es freilich in Österreich um die Nachbarschaftlichkeit nicht so schlecht bestellt: Immerhin 42 Prozent der Befragten gaben damals an, viel Kontakt zu ihren Nachbarn zu pflegen. Nur 19 Prozent hatten fast keine oder gar keine Berührungspunkte. Auch nach den häufigsten Streitpunkten wurde gefragt, schließlich herrscht in Nachbarschaften nicht immer die reine Harmonie – mehr Nähe bringt schließlich auch mehr potenzielle Reibungsflächen. Das größte Konfliktpotenzial haben demnach lärmende Nachbarn, weiters nervt respektloses Verhalten, Uneinigkeit bei der Müllentsorgung und mangelnde Sauberkeit.
Was man konkret für ein gutes Miteinander beherzigen sollte, ist auch im Buch „Ziemlich beste Nachbarn“ (Ökom Verlag) nachzulesen, das am 3. September erscheinen wird. Die Ratschläge der beiden Autoren, Ina Brunk und Michael Vollmann, reichen von Tipps zur ersten Kontaktaufnahme über die Möglichkeit des Auto- oder Kleidungstauschs bis zu gemeinsamen Protest*aktionen für den Erhalt naher Grünflächen (siehe auch oben). „Egal, ob Familie oder Single, ob Jung oder Alt – mithilfe des direkten Umfelds lassen sich Dinge auf die Beine stellen, die dem Einzelnen und der Gemeinschaft mehr Lebensqualität ermöglichen“, schreiben die Autoren. Auch der zunehmenden Homogenität von Wohnvierteln und drohenden Spaltung der Gesellschaft könne man dadurch begegnen: „Wenn sich Nachbarn quer durch alle Einkommens- und Altersschichten, unabhängig von Herkunft und Status miteinander vernetzen, entsteht ein Gemeinschaftsgefühl außerhalb der Filterblasen, in denen wir uns sonst bewegen.“

Settlement-Bewegung als Ursprung

Das Bemühen, Nachbarschaftsbeziehungen zu stärken und dazu auch institutionalisierte Orte der Begegnung zu schaffen, gibt es freilich schon lang. „Sie stammt aus der Settlement-Bewegung“, weiß der Leiter der zehn Nachbarschaftszentren des Wiener Hilfswerks, Michael Eibensteiner. Vor über hundert Jahren kam dieses Konzept aus dem angloamerikanischen Raum nach Wien. Damals gab es im 16. Gemeindebezirk den Wohltätigkeitsverein „Verein Wiener Settlement“, der von Marie Lang, Clementine Wiener, Amelie von Langenau, Else Federn und Marianne Hainisch gegründet wurde. Das Ziel war, dass wohlhabendere Menschen Ärmere unterstützen sollten – etwa durch Ausspeisungen und Eltern- bzw. Berufsberatung. Statt wie zuvor bloß Almosen an Arme zu verteilen, wurden nun Kinder- und Spielgruppen organisiert oder Kinderbetreuungen angeboten. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Jugendfürsorge.
Vor allem Frauen prägten die Settlement-Bewegung. „Sie waren damals von den meisten weltlichen und geistlichen Karrieren ausgeschlossen“, weiß Eibensteiner. „Durch ihr soziales Engagement fanden sie aber einen Weg, viele wichtige Schritte für die Gesellschaft zu setzen.“ Heute gilt die Settlement-Bewegung als historische Basis der Gemeinwesenarbeit, der Dachverband „International Federation of Settlements and Neighborhood Centers“ bildet dabei ein globales Netzwerk. „Die Wirtschaft globalisiert sich“, betont Josef Taucher. „Es wäre schade, wenn die Sozialpolitik es nicht auch täte.“
Den (noch) fremden Menschen von nebenan kennenlernen und Solidarität zeigen: Darum ging es auch am heurigen Nachbarschaftstag in Wien. „Musik verbindet Kulturen – Kultur verbindet Menschen“, lautete etwa das Motto im Büro der „Agenda Landstraße“, einer Gruppe des Vereins „Lokale Agenda 21 Wien“, der Bürgerbeteiligungsprozesse fördern will – vom Bezirksradio über den Talentetausch bis zur Gestaltung von „Grätzloasen“. In der Landstraße standen diesmal Flamencotänze, Stücke von Mozart und diverse Volkslieder auf dem Programm, anschließend wurde geplaudert. „Meist braucht es einen Anlass wie ein Fest oder einen Flohmarkt, damit die Leute einmal vorbeischauen“, erklärt Michael Eibensteiner von den Nachbarschaftszentren. „Dann kommen die Menschen miteinander ins Gespräch. Und am Ende entsteht auf subtile Art und Weise Nachbarschaftlichkeit.“



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  15:40:09 06.15.2005