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32/2018 - Weisheiten der „Proxemik“
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Alt , 05:54
Weisheiten der „Proxemik“

Wie nah darf es sein? Auch unterwegs zeigen Menschen ein typisches Territorialverhalten. Darüber Bescheid zu wissen, könnte so manche Schwierigkeit ersparen.


| Von Martin Tauss


Vom österreichischen Zoologen Rupert Riedl (1925–2005) ist folgende Anekdote überliefert: In der Eingangshalle des UNO-Hauptgebäudes begegnen sich ein skandinavischer und ein südeuropäischer Botschafter; die beiden beginnen eine Unterhaltung. Der Süd*europäer positioniert sich im Gespräch in geringerem Abstand, als es seinem Gegenüber recht ist. Der Nordeuropäer empfindet dies offensichtlich als unangenehm und weicht zurück. Das wiederum scheint den Südeuropäer zu stören, der alsbald wieder näher heranrückt. Auf der Suche nach der optimalen Distanz durchqueren die beiden Botschafter im Laufe des Gesprächs mehrmals die Eingangshalle, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Diese Anekdote, die Elisabeth Oberzaucher in ihrem Buch „Homo Urbanus“ (Springer, 2017) schildert, ist exemplarisch dafür, wie der kulturelle Hintergrund in zwischenmenschliche Begegnungen hineinspielt. Und wie das Über- oder Unterschreiten des subjektiven Idealabstands zu beträchtlichem Unbehagen führen kann: Wenn uns jemand durch sein Raumverhalten zurückweist oder zu nahe tritt, löst dies emotionale Reaktionen aus, die sich auch auf anderen Ebenen der Begegnung negativ auswirken können, erläutert die österreichische Biologin. Ein größerer Abstand signalisiert leicht übertriebene Vorsicht, mangelndes Vertrauen oder Feindseligkeit. Bei allzu großer Nähe hingegen kommt es zu Stress; man fühlt sich durch unerwünschten Körperkontakt oder Geruchswahrnehmungen womöglich belästigt und seiner Intimsphäre beraubt. Bei Menschen, die auf engstem Raum zusammen sind, macht sich dabei auch ein altes bio*logisches Muster bemerkbar: Sie fangen an zu schwitzen, Blutdruck und Herzfrequenz steigen an. Das ist ein Zeichen der Alarmbereitschaft und eine Vorbereitung auf ein tief eingeschriebenes Reaktionsmuster in der Evolution, nämlich Flucht oder Kampf.

Nervenaufreibende Massen

In nördlichen Kulturen ist das Distanzbedürfnis generell größer als in südlichen Ländern – Verhaltensforscher sprechen von „Kontakt-“ und „Nicht-Kontakt-Kulturen“. Für nordländische Weltreisende kann es daher eine große Herausforderung sein, in südasiatischen Ländern mit der Bahn zu fahren. Wer etwa in Indien immer wieder in stark überfüllten Zügen gereist ist, weiß, wie nervenaufreibend das zunächst sein kann. Doch er weiß auch, dass das Empfinden von Nähe und Distanz letztlich flexibel ist: Es fällt schwer, sich an das atemberaubende Menschengewühl zu gewöhnen; doch irgendwann wird es zur Normalität – und zum neuen Maßstab. Zurück in einer mitteleuropäischen Stadt, wundert man sich über die fast leer gefegten Straßen und Plätze. „Wir sind in der Lage, unsere Individualdistanz an den Kontext anzupassen“, bemerkt Oberzaucher: „Wenn die Umgebung durch Enge gekennzeichnet ist, können wir unsere Individualdistanz mental verkleinern.“
Neben der kulturellen Prägung wirken auch zahlreiche Persönlichkeitsfaktoren auf die Empfindung des angemessenen Abstands: Männer zum Beispiel haben ein größeres Raumbedürfnis als Frauen. Zu aggressivem Verhalten neigende Jugendliche beanspruchen ebenfalls mehr Raum als nicht aggressive Teen*ager. Gleiches gilt für extrovertierte Menschen im Vergleich zu introvertierten. Und eine psychische Krankheit wie die Schizophrenie kann dafür sorgen, dass sich die Betroffenen zurückziehen und einen größeren Abstand zu anderen Menschen halten.
Bereits in den 1960er-Jahren hat der US-amerikanische Anthropologe Edward T. Hall den Begriff der „Proxemik“ geprägt: Er beschreibt die kulturabhängigen Abstände, die Menschen zulassen oder auch abstecken, um sich gegen Eindringlinge zu schützen. Hall unterscheidet innere und äußere Schichten des „persönlichen Raums“ – etwa eine intime (bis zu 45 Zentimeter), eine persönliche (bis zu 1,20 Meter) und eine gesellschaftliche Dis*tanzzone (bis zu 3,5 Meter). Diese werden unbewusst eingehalten. Mit steigender Vertrautheit rücken Personen nach innen vor.
Aus biologischer Sicht ist die Individualdistanz eine Sonderform des Territorialverhaltens. Dieses kennt in der Regel keine scharfen Grenzen, sondern immer nur graduelle. Der Grad des Gebietsanspruchs nimmt mit zunehmender Ausdehnung ab. Das gilt analog auch für das territoriale Zwiebelmodell, das von Architekturpsychologen beschrieben wurde: Innen liegen das Minimalterritorium (zum Beispiel das eigene Zimmer) und das Eigenheim, außen folgen die Nachbarschaft und die öffentlichen Plätze. Über das territoriale Verhalten Bescheid zu wissen, kann so manche Schwierigkeit ersparen. Denn Territorialität reduziert Konflikte und macht Begegnungen vorhersagbar, so Oberzaucher: „Deshalb sollten territoriale Bedürfnisse unterstützt werden.“



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