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42/2014 - Ärger gehört zum Glück
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Alt 15.10.2014, 08:52
Ärger gehört zum Glück

Ein balanciertes Gefühlsleben gilt heute als wichtigster Faktor für ein gesundes und glückliches Leben. Wie aber kann das gelingen? Lebenskunst-Philosoph Wilhelm Schmid im Gespräch.


| Das Gespräch führte Martin Tauss

Wilhelm Schmid widmet sich der Arbeit an einer neuen Lebenskunst: Die Schätze der abendländischen Philosophiegeschichte sollen dabei für den heutigen Alltag erschlossen werden. Beim 1. Biologicum Almtal im oberöster-reichischen Grünau (9.–12.10.) referierte er über den Zusammenhang zwischen Gefühl und Glück. Die FURCHE hat nachgefragt.


DIE FURCHE: Inwiefern brauchen wir die Gefühle zu unserem Glück?
Wilhelm Schmid: Das heute dominante Glücksverständnis, das so genannte „Wohlfühl-Glück“, hängt von guten Gefühlen ab. Das große Problem ist nur: Dieses Glück ist immer zeitbedingt, es gelingt niemandem, immer nur gute Gefühle zu haben. Leider verlangen das viele Menschen ihrem Glück ab, und werden dann unglücklich, wenn sie einen schlechten Tag oder Ärger in der Beziehung haben. Viele sind nicht mehr bereit, das für normal zu halten. Es gibt aber noch ein anderes Glück, an das heute kaum jemand mehr denkt: das „Glück der Fülle“, beschrieben bei den alten Philosophen – abhängig nur davon, dass ein Mensch ein bisschen philosophiert und sich fragt: Was heißt eigentlich leben? Die Einsicht, dass es nicht nur Freude, Lust und Spaß gibt, führt zur entscheidenden Frage: Kann ich mit der Fülle des Lebens einverstanden sein? Dieses Glück hat im Unterschied zum „Wohlfühl-Glück“ mit allen Gefühlen zu tun. Dann kann man auch schlechte Laune oder Ärger als Teil seines Glücks empfinden.
DIE FURCHE: Ist das als Kritik an unserer „Wellness-Kultur“ zu verstehen, die ja von geisteswissenschaftlicher Seite oft mit der Verdrängung von Unwohlsein und dem Zwang zur Selbstoptimierung in Verbindung gebracht wird?
Schmid: Nichts gegen Wellness, ich nutze diese Angebote auch. Menschen brauchen das zur Erholung, um sich selbst einmal etwas Gutes zu tun. Aber es sollte nicht unbedingt ein neuer Glücksstress entstehen, der sich auf das reine Wohlgefühl bezieht. Denn dieses Glück hat Grenzen, und die sind dann erreicht, wenn man immer nur in seinem Wohlgefühl verweilen will. Das große Problem ist, dass die Übertreibung des „Wohlfühl-Glücks“ für die Sorgen anderer Menschen unsensibel macht. Und erst recht für die drängenden Herausforderungen, die sich auf diesem Planeten stellen. Ich beobachte derzeit, dass sich angesichts der globalen Probleme – Klimawandel, Krisenherde, Flüchtlingsströme … – immer mehr Menschen in ihre vier Wände verkriechen.
DIE FURCHE: Es gibt den Befund der „erschöpften Gesellschaft“ und die von der WHO prognostizierte Zunahme der Depressionen. Ist die Gesellschaft heute depressiver als je zuvor?
Schmid: Die große Zahl der Depressionen geht nicht auf eine Krankheit zurück, sondern darauf, dass etwas als krank erklärt wird, was eigentlich das Normalste der Welt ist, nämlich, dass sich Menschen manchmal niedergeschlagen, traurig und unglücklich fühlen. Das ist ein Gefühl, das genauso zum Leben gehört wie die Freude. Es macht mir Sorge, dass dies immer stärker pathologisiert wird. Und zwar auch von den Betroffenen selbst, die gleich den Arzt aufsuchen und dann Psychopharmaka verschrieben bekommen, die oft fehl am Platz sind. In diesem Zustand des Sich-Depressiv-Fühlens geht den Menschen viel durch den Kopf und sie haben jede Menge Gefühle. Eigentlich bräuchten sie nur andere Menschen, mit denen sie darüber sprechen können. Die Krankheit Depression hat damit nichts zu tun, denn die davon Betroffenen leben „gefühlskalt“ und können sich nicht mehr aus diesem Zustand befreien, sodass sie auf ärztliche Hilfe angewiesen sind.
DIE FURCHE: Das Biologicum Almtal beschäftigte sich mit der Biologie der Emotionen. Wie aber stellt sich unsere Gefühlswelt aus einer philosophischen Perspektive dar?
Schmid: Man könnte sagen, dass Mensch-Sein zu jeweils einem Drittel aus Natur, Kultur und Individualität besteht: Während die Biologie der Gefühle auf die Hormonsteuerung und die Genetik zurückgeht, sind im Laufe der Jahrhunderte auch kulturelle Auffassungen von sinnvollen Gefühlen gewachsen. So sind die Menschen seit circa 200 Jahren davon überzeugt, dass Liebe etwas mit guten Gefühlen zu tun hat. Das ist also eine relativ junge Vorstellung: Die Idee ist zweifellos schön, die Realität aber misslich (lacht). Denn die Liebe sieht nicht so aus, dass es immer nur um Gefühle geht und schon gar nicht nur um gute Gefühle. Sondern es geht um Alltag, Gewohnheit, und immer wieder auch einmal um Ärger. Daher sollten wir die Liebe kulturell nicht nur über gute Gefühle definieren. Und das bringt uns zum Bereich der Individualität: Jeder kann doch sagen, da brauche ich nicht auf die Kultur zu warten, ich entwickle gleich mein eigenes Verständnis von Liebe. Wenn unser Verständnis sich in der Lebenswirklichkeit dann günstiger auswirkt als andere Definitionen, hat es gute Chancen, auch kulturell wirkmächtig zu werden.
DIE FURCHE: Sie plädieren also für mehr Pragmatismus in Bezug auf die Liebe?
Schmid: Die Definition der Liebe als großes Gefühl wurde an der Wende zum 19. Jahrhundert von einer kleineren Gruppe unternommen, die unter dem Etikett der „Frühromantiker“ bekannt geworden ist. Die Frauen waren an dieser Bewegung schon voll beteiligt, es herrschte damals bereits eine Quotenregelung (lacht). In Erweiterung dazu plädiere ich für einen romantisch-pragmatischen Liebesbegriff. Wo nicht nur die Romantik Platz hat, sondern auch die Pragmatik, von der wir doch alle wissen, dass sie den Alltag der Liebe prägt. Ich sehe mich selbst als Romantiker und will das romantische Verständnis in keiner Weise ausradieren. Aber die Liebe kann besser gelebt werden, wenn wir uns den pragmatischen Dingen des Alltags stellen.
DIE FURCHE: Und was wäre dann generell die Kunst im Umgang mit den Gefühlen?
Schmid: Zunächst die Gefühle in ihrer großen Bedeutung anzuerkennen. Das war noch vor wenigen Jahrzehnten anders. Die Moderne war ja die Zeit der Rationalität, die von Gefühlen gar nichts wissen wollte, und es ist gut, dass das korrigiert worden ist. Aber wie so oft bei der Korrektur schießt man teils weit über das Ziel hinaus. Wenn man davon ausgeht, alles sei nur noch von Gefühlen abhängig, kann das problematisch werden, etwa wenn ich Mitmenschen pausenlos mit all meinen Emotionen konfrontiere. Deshalb möchte ich lieber auf eine „Kunst der Gefühle“ drängen, die uns gefühlsmäßig aufleben lässt, aber auch befähigt, Gefühle manchmal zurückzuhalten. Sofern wir die Seele als Hort der Gefühle annehmen, würde ich das die „Muschelkompetenz der Seele“ nennen: eine Seele, die sich öffnen und verschließen kann – je nachdem, wie die äußere Situation und innere Verfassung gerade ist.
DIE FURCHE: Gibt es für Sie so etwas wie ein höchstes Gefühl?
Schmid: Das „Höchste der Gefühle“ erlebe ich in der Erotik und zweifellos auch in der Religiosität – das heißt im Bewusstsein einer Macht, die uns unendlich übersteigt.

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