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11/2018 - Kann Unbrauchbarkeit auch frei machen?
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Ungelesen , 04:39
Kann Unbrauchbarkeit auch frei machen?

China wird oft als Vorreiter des globalen Kapitalismus bezeichnet. Gerade bei den Herausforderungen der Digitalisierung zeigt sich, dass das fernöstliche Denken einen neuen Zugang zu Markt und Mensch öffnen kann. Überlegungen eines Philosophen.

| Von Florian Heubel

Im chinesischen Kontext ist im Zuge des ökonomischen Aufschwungs in Ostasien viel über den Zusammenhang zwischen dem Geist des Kapitalismus, Arbeitsethik und Konfuzianismus nachgedacht worden, dem für Ostasien eine Bedeutung zugeschrieben wurde, die derjenigen des Protes*tantismus in Max Webers Religionssoziologie ähnelte. Dass Tugenden wie Arbeitsfleiß, Disziplin, Belastbarkeit und Lerneifer die industrielle Aufholjagd Ostasiens zumindest begünstigt haben, ist seitdem zum Gemeinplatz geworden. Es stellt sich jetzt jedoch die Frage, ob jene konfuzianischen Tugenden, die der Industrialisierung günstig waren, sich nun als Hindernis für die Kreativität und Flexibilität erweisen könnten, welche die digitale Revolution antreiben.
Gespräche mit chinesischen Freunden über diese Frage haben mich dazu angeregt, die Bedeutung der Digitalisierung mit Mitteln der daoistischen Philosophie zu erkunden. Ein Motiv, das vor allem im klassischen Buch „Zhuangzi“ vorkommt, ist der Gebrauch des Unbrauchbaren. Es geht dabei weniger um ein Lob des Unnützen, der Faulheit oder des Nichtstuns als um die Besinnung darauf, dass aller Gebrauch das Unbrauchbare braucht, mehr noch: Der Gebrauch des Unbrauchbaren verweist auf die Kunst, vom Ohne – vom Leersein, vom Virtuellen – Gebrauch zu machen, das sich der Fixierung auf eine zwanghafte Art des Gebrauchens widersetzt.

Gespräch über das Unbrauchbare

Im 26. Kapitel des „Zhuangzi“ findet sich folgendes Gespräch: „Huizi sagte zu Zhuangzi und sprach: ‚Eure Worte sind unbrauchbar.‘ Zhuangzi sprach: ‚Wissen um das Unbrauchbare (den Ohne-Gebrauch, das Ungebrauchte) ist Voraussetzung dafür, um anfangen zu können, über Gebrauch (Brauchbarkeit) zu reden. Himmel und Erde sind mitnichten nicht weit und groß, aber ein Mensch gebraucht (braucht) davon nicht mehr als ausreichend Platz für die Füße. Entsteht nun neben den Füßen ein Riss bis hinab zu den gelben Quellen, ist dann der Platz noch zu gebrauchen?‘ Huizi sprach: ‚Er ist unbrauchbar.‘ Zhuangzi sprach: „Nun, dann ist auch klar, inwiefern die Unbrauchbarkeit (der Ohne-Gebrauch) gebraucht wird.‘“
In diesem kurzen Gespräch, das ich hier in meiner vorläufigen Übersetzung aus dem Chinesischen wiedergebe, ist eine Fülle von philosophischen Fragen verborgen. Das Gespräch beginnt mit dem ironischen Vorwurf des Huizi an seinen Freund, dessen Reden er für unbrauchbar erklärt. Darauf antwortet Zhuangzi mit der Behauptung, Wissen um das Unbrauchbare sei notwendig, um über Gebrauch/Brauchbarkeit sprechen zu können. Er versucht sodann, seine Aussage durch ein Gleichnis zu belegen: Ein Mensch braucht nur wenig Platz, um zu stehen; angenommen dieser Platz wäre plötzlich von einem tiefen Abgrund umgeben, der den Menschen daran hinderte, seinen Standpunkt zu verlassen und sich auf der weiten Erde zu bewegen, wäre der Platz, auf dem er steht, dann noch zu gebrauchen?
Gebrauch, der Anspruch brauchbar zu sein, wird damit offenbar nicht schlechthin verworfen; er wird vielmehr ein Streben nach Brauchbarkeit, die vergessen hat, dass sie der Unbrauchbarkeit – des Ohne-Gebrauchs – bedarf, um überhaupt vom eigenen Standpunkt Gebrauch machen zu können, um sich also überhaupt auf einen Standpunkt des Gebrauchs im engeren Sinne, auf einen Nützlichkeitsstandpunkt, stellen zu können. Das Gleichnis wendet sich gegen eine verblendete, besinnungslose Art des Gebrauchens, die sich der Bedingung ihrer eigenen Möglichkeit beraubt – so wie ein Haus unbrauchbar wird, in dem kein Freiraum des Ungebrauchten gelassen wird.
Zhuangzi beschränkt sich aber nicht auf ein Lob der Unbrauchbarkeit und auf eine Verklärung des Unbrauchbarseins zur Freiheit, sondern gibt der Seite des Gebrauchs das gleiche Gewicht wie derjenigen der Unbrauchbarkeit. Denn das Gleichnis bedeutet auch, dass es für einen Menschen ohne den Gebrauch eines Standpunktes und Lebensortes keine große, weite Welt, keine Weite und Größe von Himmel und Erde geben kann, in die er gehen und an der er teilnehmen könnte. Dieses wechselseitige Hervorbringen von Ohne-Sein und Etwas-Sein, von Leere und Fülle, von virtueller und materieller Welt möchte ich nun an einem ästhetischen Beispiel weiter nachgehen, und zwar anhand eines Berg-Wasser-Bildes (links) von Ni Zan (1306–1374), einem der wichtigsten Literatenmaler der Yuan-Zeit, das sich heute im National Palace Museum in Taipei befindet.

Standpunkt gewinnen

Mit der ersten Pinselspur taucht der Maler in das Verhältnis von Materialität und Virtualität ein, gewinnt einen Standpunkt, von dem aus die Weite von Himmel und Erde wahrnehmbar wird: sich eröffnet. Kann er darauf verzichten, einen solchen Standpunkt einzunehmen, darauf verzichten, hier und jetzt zu stehen, an dieser oder jener Stelle Tuschespuren auf dem Papier zu hinterlassen? Nein. Denn Malen wie auch Leben bedeutet, zu einem Standpunkt genötigt zu sein und nötig zu haben.
Um allerdings von der Lebenswelt Gebrauch machen zu können, bedarf er der Pinseltechnik, der Hand, die den Pinsel führt, der Hand, die mehr oder weniger gelernt hat, den Pinsel zu gebrauchen, sich dieses Geräts zu bedienen. Mit dem Gebrauch des Pinsels eröffnet er eine Welt, seine Welt, die Welt seiner Malerei. Hätte er Pinsel und Tusche solange gebraucht, bis das Papier gänzlich gefüllt worden wäre, hätte er also von dem unbemalten Papier gänzlich Gebrauch gemacht, dann hätte er das Bild – nach dem Maßstab dieser Tuschemalerei – totgemalt. Solch verwüstender, tötender und tödlicher Gebrauch der Technik wäre nicht nur grob und gewalttätig, sondern schlicht lebensfeindlich, wie wenn eben das Innere eines Hauses so sehr vollgestellt würde, dass es nicht mehr betreten werden könnte und unbewohnbar würde.

Selbstbesinnung

In Michel Foucaults Studien zu antiken Praktiken der Selbstkultivierung kommt dem Begriff „Ästhetik der Existenz“ herausragende Bedeutung zu. Foucault verbindet dabei die Arbeit des Selbst an sich selbst mit dem, was er Techniken/Technologien des Selbst nennt: Die Arbeit an sich selbst ist notwendig vermittelt durch den Gebrauch von Dingen und technischen Geräten, durch die Menschen sich selbst gestalten. Wenn Menschen also auf selbstbesonnene Weise an sich arbeiten, ist das ein Weg der Kultivierung. Aber was heißt selbstbesonnen? Mit Bezug auf das Buch „Zhuangzi“ lässt sich sagen, dass Selbstbesinnung den Übergang von Selbsttechnik zu Selbstkultivierung möglich macht: den Übergang zu einem Gebrauch, der zugleich ein Lassen ist, ein Gebrauch, der Arbeit die drückende Erdenschwere nimmt und ihr himmlische Leichtigkeit verleihen kann.
Das Bild von Ni Zan erlaubt es dem Betrachter, mit Unbeschwertheit zwischen Ohne und Etwas, zwischen virtueller und materieller Welt hin und her zu wandern und zu wandeln. Das Ohne ist darin eben nicht ein Nichts, das dem Sein gegenübersteht, sondern eine Leere, die dadurch, dass sie ungebraucht bleibt, die Existenz in der materiellen Welt möglich und lebenswert macht.
Eine Existenz, die sich durch Offenheit und Durchlässigkeit für das Virtuelle auszeichnet. Virtualität und Materialität – oder in traditioneller chinesischer Terminologie: Himmel und Erde – bringen sich durch ihr Kommunizieren wechselseitig hervor. Durch Technik nehmen Menschen an diesem Verhältnis teil.
Durch Kultivierung begeben sie sich auf einen Weg, auf dem sie die paradoxe Haltung lernen und üben, die technische Welt gleichzeitig zu bejahen und zu verneinen: zu bejahen, indem sie sich ohne Technik nicht zu orientieren vermögen; verneinen, insofern der Wille, die Materialität zu beherrschen, die Virtualität und damit die Möglichkeit menschlichen Lebens zerstört.
Ein unbrauchbarer Mensch zu werden, ist zunächst schmerzhaft, weil diese Erfahrung Menschen den Eindruck gibt, nicht mehr gebraucht zu werden, eröffnet jedoch die Freiheit des Lassens und die paradoxe Weisheit, vom Ohne Gebrauch zu machen.

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  11:15:03 07.14.2005