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03/2008 - Unmögliche Debatte (Rudolf Mitlöhner)
  #1  
Ungelesen , 13:35
Unmögliche Debatte

Am Beispiel Abtreibung: Wie das Wesentliche in den Auseinandersetzungen unterbelichtet bleibt.
Von Rudolf Mitlöhner

Über der Aufregung um die Wortspenden der Frau Winter im Grazer Wahlkampffinale (siehe Kommentar Seite 4) ist ein anderer FP-Vorschlag schon wieder aus dem kollektiven Kurzzeitgedächtnis gekippt: jener einer Zahlung von 15.000 Euro an Frauen, die sich, ungewollt schwanger, zum Austragen des Kindes und für dessen Freigabe zur Adoption entscheiden. Das Grundmuster ist in beiden (und vielen anderen) Fällen das selbe: Durch Radikalisierung und Polarisierung wird die seriöse Debatte tatsächlich bestehender Probleme nahezu verunmöglicht; die überzogenen, oft auch verzerrenden Forderungen und Darstellungen von Rechtsaußen evozieren Häme und Simplifizierungen der Gegenseite. Bis der bei derlei politischen Anschlägen entstandene Schutt aufgeräumt ist, explodiert bereits irgendwo der nächste Aufreger. Wen kümmert’s?
Der ORF weiß, was hierbei seine Rolle ist: Er macht „Runde Tische“, außertourlich oder im Rahmen seines Sonntagabend-Talks „im Zentrum“. Dort, im Haas-Haus gegenüber dem Stephansdom, wurde zuletzt der Abtreibungsstreit hochgekocht. Dass Ingrid Thurnher die Diskussion moderiert hätte, kann man nicht behaupten – sie hat sich vielmehr gleich mit ihrem Eingangsstatement derart eindeutig positioniert, dass sie problemlos mit der als Diskutantin geladenen Elfriede Hammerl Platz tauschen hätte können. Schwerer wiegt freilich, dass die Runde kaum die ausgetrampelten Argumentationspfade verließ: Frauenministerin Doris Bures durfte brav aufsagen, was sie im Laufe ihrer politischen Sozialisation in diversen Parteiprogrammen und Grundsatzpapieren gelesen hat; Hammerl gab die etwas müde gewordene, abgekämpfte Feministin, Gynäkologe Peter Husslein den weltanschaulich betont neutralen (man könnte auch sagen „glatten“) Experten, der vor allem weiß, was er sich schuldig ist. Daneben hatte es Martina Kronthaler, Generalsekretärin der „Aktion Leben“, schwer, mit ihrer differenzierten Sicht der Dinge durchzukommen, wenngleich ihr, das muss man sagen, VP-Justizsprecher Heribert Donnerbauer indirekt, in der Sache Schützenhilfe leistete.

Es schien sich freilich auch sonst niemand wirklich für Kronthalers Positionen zu interessieren (Thurnher unterstellte gar taxfrei, die „Aktion Leben“ wolle die Fristenregelung letztlich abschaffen). Lustiger und einfacher war es da, sich auf FP-Mann Karlheinz Klement einzuschießen. Der garnierte seinen „Gebärprämien“-Vorschlag – ein einschlägiger Bezug darf bei seiner Gesinnungsgemeinschaft nie fehlen – mit der These, die Abtreibung habe in Österreich bereits mehr Menschenleben gekostet als der Zweite Weltkrieg. Wollte man zynisch sein, könnte man dankbar vermerken, dass er nicht den Holocaust-Vergleich strapaziert hat … Immerhin hat Hammerl nicht mit der Mutterkreuz-Keule zurückgeschlagen; indes konnte sich die Grünen-Frauensprecherin Brigid Weinzinger ein paar Tage zuvor (nachdem Klement seinen Vorschlag erstmals präsentiert hatte) den entsprechenden Hinweis doch nicht verkneifen – was sicherlich die Debatte enorm voranbringt und für viele werdende Mütter eine große Hilfe bedeutet …
Vieles bleibt indes (nicht nur „im Zentrum“) unterbelichtet. Zu thematisieren wäre etwa, dass das österreichische Gesetz sehr wohl auch jetzt schon eine „vorhergehende ärztliche Beratung“ vorsieht; nur lässt offenkundig die Praxis sehr zu wünschen übrig, woraus sich ja die Forderung ableitet, dass Berater und (den Abbruch potenziell durchführender) Arzt nicht identisch sein dürfen. Immer wieder müsste auch auf den Unterschied zwischen „straffrei“ und „erlaubt“ der Finger gelegt werden (als der Papst dies verklausuliert bei seinem Österreich-Besuch im September tat, gingen die Empörungswogen hoch …). Ist der Schwangerschaftsabbruch, wie es gerne dargestellt wird, tatsächlich nur die „ultima ratio“, oder gibt es nicht auch – nein, nicht Abtreibung „aus Jux und Tollerei“, aber doch einen leichtfertigen Umgang damit, dem durch das entsprechende gesellschaftliche Bewusstsein Vorschub geleistet wird? Hier wird die Diskussion brisant, rührt sie ans Wesentliche. Aber das taugt nur bedingt fürs Polittainment.
  #2  
Ungelesen , 19:29
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Kinderfreundliches Klima schaffen!

Kompliment zum Leitartikel, insbesondere zur gelungenen Bewertung der ORF-Sendung „im Zentrum“! Was mir in der ganzen Debatte fehlt(e), ist die Diskussion, wie man das gesellschaftliche Klima zugunsten von Kindern verbessern kann. Es hat heutzutage den Anschein, als ob Kinder in unserer Gesellschaft grundsätzlich zuerst einmal Kostenfaktor und Karriere-Hemmung sind. (Ganz leise höre ich das auch in Doris Helmbergers „Krippenspielchen“-Artikel heraus.) Unbedingt notwendig und lebenswichtig (für viele Embryos) sind Menschen und Gesetze, die uns verdeutlichen, dass Kinder nicht eingeteilt werden dürfen in „Wunsch-Kinder“ und „unerwünschte Kinder“ (siehe auch OGH-Urteil bezüglich Embryo mit Defekt). Für jede Mutter, die schwanger wird, werden die „anderen Umstände“ immer zuerst eine gewöhnungsbedürftige Situation sein. Und je nach Hilfestellung durch das soziale Umfeld wird die neue Situation mit einem Kind leichter oder schwerer verkraftbar bzw. herzlich willkommen sein.
Wenn ein Arzt nach dem ersten Satz „Sie sind schwanger“ gleich als zweiten Satz „Wollen Sie überhaupt das Kind?“ hinzufügt, handelt er schon mit dieser Aussage und nicht erst bei der Abtreibung gegen seinen hippokratischen Eid.
Ein Klima zu schaffen, in dem möglichst alle Kinder herzlich willkommene Kinder sein dürfen, liegt in der politischen und in unser aller Verantwortung!
Veronika Pernsteiner
4101 Feldkirchen/Donau
veronika.pernsteiner@gmx.at
  #3  
Ungelesen , 17:30
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Bin ganz Ihrer Meinung bezüglich der Parteilichkeit von Ingrid Thurnher. Hab mich sehr geärgert. Danke für Ihr Wort!
Josef Wilhelm
josef_wilhelm@hotmail.com
  #4  
Ungelesen , 17:34
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Ihr Artikel zur Abtreibungsdebatte im ORF war wirklich sehr treffend! Vielen Dank!
Dr. Gertraud Weggemann-Posch
FA f. Kinder- und Jugendheilkunde
gertraud.weggemann@aon.at
  #5  
Ungelesen , 15:57
Johann Wutzlhofer Johann Wutzlhofer ist gerade online
 
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Mein (modifiziertes) Mail an Frau Thurnher im Anschluss an die Sendung

Werte Frau Thurnher!
Soll eine Moderatorin bzw. ein Moderator in einer Diskussion eine Position beziehen? Auf Details der Diskussion um das wahrscheinlich unterschätzte Thema der Sendung „im Zentrum“ vom 13. Jänner 2008 möchte ich hier nicht eingehen; unterschätzt, weil das Thema in seiner Komplexität in unseren Tagen noch nicht erfasst ist. Als Lehrer stelle ich z. B. eine enorme Fisierung (respekt- bzw. sorgloses Reden; Anm.) der Sexualität fest – wahrscheinlich haben Sie auch hier das Wort „konservativ“ parat, das von Personen, die in den 70er und 80er Jahren sozialisiert wurden, sehr häufig und eher als Killervokabel immer wieder eingesetzt wird. Die Scheinheiligkeit, mit der immer darauf hingewiesen wird, dass Schwangerschaftsunterbrechungen stets wohl überlegt und nach Abwägung aller Möglichkeiten durchgeführt werden, kommt jener Scheiheiligkeit sehr nahe, die man z. B. aus römisch-katholischen Kreisen (denen ich selbst angehöre) zum Thema Sexualität oder zölibatäres Leben hören kann.
Ihre Aufforderung an Frau Hammerl das Schlusswort zu sprechen hat mir gezeigt, welcher Position Sie zum Durchbruch verhelfen wollen. Ich finde, dass ORF-Moderatoren ihre – nicht demokratisch legitimierte – Position immer unreflektierter einsetzen und sehe das zunehmend als demokratiepolitisches Problem. Ihren Kollegen Armin Wolf habe ich in einem anderen Zusammenhang (Anmoderation zur Jägerstätter-Seligsprechung) schon auf dieses Problem hinzuweisen versucht, allerdings konnte ich offensichtlich auch ihm die Komplexität des Sachverhaltes nicht gut genug darlegen (dass ein ORF-Starmoderator diese Komplexität nicht wahrnehmen kann, wäre ja wohl eine Annahme, die sich ein anonymer Bürger aus der Provinz in unserer Mediendemokratur nicht anmaßen sollte).
Zum Thema Kinder bzw. Partnerschaft sage ich Ihnen schon, dass ich die Tätigkeit z. B. einer „Nurhausfrau“ aus meiner Heimatgemeinde, die sechs Kinder geboren hat – ihr Mann war ein Zimmermann, der ein Leben auf Baustellen verbracht hat –, für wichtig halte. Die älteste Tochter dieser „Nurhausfrau“ ist Direktorin einer Privatschule in Wien, ein Sohn ist Arzt in Niederösterreich, eine weitere Tochter ist Ärztin in unserem Ort, ein Sohn ist Techniker, eine Tochter Krankenschwester, eine weitere Tochter Kauffrau. Ich glaube, dass diese Frau und ihr Ehemann für die Zukunft unsere Gesellschaft sehr viel geleistet haben, möglicherweise mehr als alle Anwesenden bei der Diskussion der Sendung „im Zentrum“.
Übrigens: Die Arroganz, mit der Frau Hammerl ihre Position für die absolut richtige hält, ist gar nicht so weit entfernt von jener, mit der die Herrn HC Strache, Westenthaler & Co. ihre Positionen vetreten. Ich glaube nämlich, dass die Position des freiheitlichen Vertreters wenig menschenfreundlich war, allerdings halte ich die Position der Frau Hammerl für nicht schöpfungsgerecht und daher auch nicht für nachhaltig. Der „Klassenkampf“ zwischen Frau und Mann, der von den Unternehmen natürlich auch als Lohndruckmethode eingesetzt wird, kann möglicherweise auf kurze Sicht hohen Wohlstand sichern, ist jedoch beziehungs- und zukunftsfeindlich. Sowohl das Prinzip des Klassenkampfes als auch das Prinzip der Gewinnmaximierung als Selbstzweck kann nicht so viel Zukunft sichern, wie dies durch das biedere Ehepaar aus meiner Heimatgemeinde – unter viel Verzicht auf eigene Vorteile – geschehen ist.
Mit freundlichen Grüßen
Johann Wutzlhofer
7212 Forchtenstein
johann.wutzlhofer@lehrer-bgld.at

Geändert von Rudolf Mitlöhner ( um 10:58 Uhr).
  #6  
Ungelesen , 17:05
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Registriert seit: 15.11.2007
Beiträge: 423
Danke für Ihren Leitartikel! Eine Zumutung war auch, dass Moderatorin Ingrid Thurnher das Schlusswort zu diesem sensiblen Thema an Elfriede Hammerl gegeben hat.
Franz Winkler
4203 Altenberg, Gallneukirchnerstraße 1
strutz-winkler@winklermarkt.at

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