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19/2018 - Zentral gereift in Deutsch (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 01:54
Zentral gereift in Deutsch

Wie jedes Jahr zur Zeit der Zentralmatura wird diese politisch diskutiert. Eine Reform darf aber jedenfalls nicht noch mehr an Formalisierung und Standardisierung bringen.

| Von Rudolf Mitlöhner

Das Letzte, mit dem NEOS vor dem überraschenden Rückzug von Matthias Strolz von sich hören hat lassen, war der Vorstoß für eine Reform der Zentralmatura. Das passt ins Bild, hat sich NEOS doch stets besonders das Bildungsthema auf die Fahnen geheftet – nicht umsonst ist Strolz höchstselbst ja auch Bildungssprecher seiner Partei. Die Vorschläge zur Matura machen indes auch exemplarisch das Dilemma der Partei deutlich, die – ungeachtet ihrer jüngsten Wahlerfolge – seit jeher an einer programmatischen Unentschlossenheit laboriert.
Im Kern nämlich laufen die NEOS-Pläne auf mehr Zentralisierung statt auf mehr Vielfalt hinaus – was im Widerspruch zum sonst von NEOS vehement verfochtenen Prinzip der Schulautonomie steht. Konkret sollen nur mehr Deutsch, Englisch und Mathematik zentral geprüft werden, und da wiederum nur ein „gemeinsamer Kern“, der für die Hochschulreife notwendig ist. Damit fielen nicht nur die zentralen Prüfungen in den übrigen (alten wie neuen) Sprachen weg, sondern auch die derzeit nach Schultypen unterschiedlichen Klausuren in Mathematik und Englisch.

„Abschlanken“ auf einen „gemeinsamen Kern“?

In Wahrheit müsste es freilich umgekehrt laufen: Wenn man zurecht der Meinung ist, dass in Mathematik und Englisch nicht alle Maturanten über einen Kamm zu scheren sind, dann müsste das selbstverständlich und mindestens so sehr auch für Deutsch gelten.
Generell krankt ja die Zentralmatura insbesondere in Deutsch an einer Formalisierung und Nivellierung auf Kosten von Vielfalt und Kreativität (s. dazu auch FURCHE Nr. 17, S. 13). Ein weiteres „Abschlanken“ auf einen „gemeinsamen Kern“, wie von NEOS gefordert, kann die Entwicklung nur in diese Richtung weitertreiben (wohl auch in Englisch und Mathematik). Die jetzt schon von vielen Experten monierten Probleme blieben hingegen bestehen.
Zu diesen zählt jedenfalls die von Anfang an beanstandete völlig bizarre Festlegung der Schüler auf bestimmte Textsorten, die mit dem wirklichen Leben genau nichts zu tun haben. Zudem ist bei der diesjährigen Deutschmatura eine schwere ideologische Schlagseite bei der Themensetzung festzustellen: Über die drei Themenpakete mit je zwei Aufgaben spannt sich ein politisch korrekter Bogen von Gesellschaftspolitik über Migration, „Hass im Netz“ bis hin zur Globalisierungskritik. Dabei erinnern die Aufgabenstellungen leider frappant an den alten Witz über das Rechenbeispiel mit dem Sack Kartoffeln: Im Laufe zahlreicher pädagogischer Reformen wird über die Jahre und Jahrzehnte aus einer Mathematikaufgabe die Aufforderung: „Unterstreiche das Wort ‚Kartoffeln‘ und diskutiere mit deinen 15 Mitschülern aus anderen Kulturkreisen darüber“ …

Kreativität und Stilsicherheit gefragt

Damit kein Missverständnis entsteht: Die Grundidee der Zentralmatura ist gut und richtig. Und es ist völlig klar, dass sie weiterentwickelt werden muss. Aber die Vielfalt der Schultypen sollte sich eben auch in den – jeweils zentral gestellten – Aufgaben widerspiegeln.
Entscheidend für das spätere Leben der Maturanten wird nicht sein, ob sie sich in Leserbriefen, Erörterungen, Textanalysen etc. in den Mainstream der veröffentlichten Meinung einfügen können, sondern ob sie imstande sind, eigenständig zu denken und ihre Sicht der Dinge kreativ und stilsicher auszudrücken.
Das humanistische Bildungsideal jedenfalls ging ja davon aus, dass Wissen gerade dann nützt, wenn es ohne Blick auf seine unmittelbare Nützbarkeit weitergegeben bzw. erworben wird. Das schafft Raum für Musisches, für Literatur, Kunst, auch alte Sprachen und dergleichen mehr. Alles Dinge, die sich der Standardisierung entziehen und daher tendenziell marginalisiert werden. Dabei werden gerade die Besten noch besser, wenn sie ihren Horizont zweckfrei erweitern.

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