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51/2008 - An der K(r)ippe (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 13:17
I An der K(r)ippe

Von der inneren Befindlichkeit des Menschen, der Notwendigkeit des klein Anfangens und dem Weg zur Krippe. Weihnachtliche Betrachtungen zum Dauerthema Krise und zur Suche nach Auswegen.

Von Rudolf Mitlöhner

Von der Krise, die allgegenwärtig ist und überall, auch in dieser Zeitung, erörtert wird, soll hier nicht die Rede sein. Oder nur mittelbar. Denn es hat den Anschein, als wären die globalen Verwerfungen dazu angetan, den Blick auf die viel umfassendere innere Krise unserer Zeit zu lenken.
Diese wiederum ist freilich nur eine spezifische Ausprägung der für den Menschen per se konstitutiven Krise unter den Bedingungen von hoch elaborierter und ebenso verwundbarer Technologie und Ökonomie: Der Mensch ist das krisenanfällige Wesen – und zwar letztlich deshalb, weil er in der einen großen Krise seines Lebens als unwiederbringlicher Zeitspanne der Entscheidung und der Unterscheidung existiert.
Das kann nicht auf Dauer gut gehen: Wenn der Mensch solcherart ständig an der Kippe steht, macht er zwangsläufig immer wieder die Erfahrung, dass etwas in seinem Leben „kippt“.
Da werden wir dann auf uns selbst zurückgeworfen, auf unser Innerstes, und lernen – wenn wir willens und fähig dazu sind – Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Die eigenen Kriterien werden in der Krise der Kritik unterzogen (die drei Begriffe haben nicht von ungefähr den selben Wortstamm), Maßstäbe hinterfragt, Proportionen neu bestimmt, Gewichtungen anders verteilt.
All dies gilt wohl auch cum grano salis für Gesellschaften, politische und wirtschaftliche Systeme, die ja immer in Wechselwirkung mit den sie tragenden Individuen und kleineren Gemeinschaften (Familien etc.) stehen. Je umfassender und tiefgreifender die Krise, umso stärker dringt sie auch ins kollektive Bewusstsein ein, mögen im einzelnen daraus auch durchaus unterschiedliche Schlüsse gezogen werden.
Letztlich sind es aber immer konkrete Menschen, die – in ihrer existenziellen Krisenanfälligkeit – am Anfang einer Krise stehen; und nur von ihnen selbst kann auch der Weg aus der Krise beschritten werden. So wie die gegenwärtig uns in Atem haltende Finanzkrise ihren Ausgang nahm bei Politikern, die populär sein wollen, bei Notenbankern, die leichtfertig (willfährig?) handelten, ganz allgemein bei Menschen, die maß- und haltlos geworden waren, so wird ihre langfristige Überwindung in ebendiesen vielen einzelnen stattfinden – oder eben nicht. Keine noch so ausgetüftelte „Systemkorrektur“ kann daran etwas ändern – weil das „System“, zu Ende gedacht, immer wir selbst sind.
Wenn aber nun der Mensch erst einmal den Ausweg aus einer, seiner Krise bei sich selbst – nicht bei den anderen, der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft – sucht, könnte er entdecken, dass er wieder klein anfangen muss. Diese Erkenntnis schmerzt, denn wohl ist uns bewusst, dass wir alle im biologischen wie auch im biografischen Sinne „klein angefangen“ haben. Aber dass wir immer wieder auf diese Situation zurückgeworfen werden, dass es kein lineares, gar exponentielles Wachsen gibt, läuft unserem medial hochglanzpolierten Ego zuwider. Dies zu akzeptieren, hat mit dem zu tun, was wir altmodisch mit „Demut“ bezeichnen, ohne die kein (Neu-) Anfang möglich ist.
Religiös gesprochen, könnte man diesen Lernprozess als Weg zur Krippe von Bethlehem beschreiben: einem Stern folgend, der freilich nicht selbst Sinn und Ziel gibt, hin zur Kleinheit des Anfangs, der voller Verheißung steckt. Dort wurden und werden bis heute theologische Vorstellungen und Konzepte, messianische Erwartungen radikal über den Haufen geworfen. Dort fängt Gott selbst noch einmal coram publico ganz klein an, um den Menschen zu sich zurückzuführen, auf dass dieser selbst immer wieder aufs Neue klein anfange.
„Ich steh’ an Deiner Krippen hier“ (Paul Gerhardt; 17. Jh.): Wer diesen Satz ernsthaft nachspricht, gibt sich nicht einer vermeintlichen Idylle hin, erniedrigt sich auch nicht, sondern gewinnt an Größe. Er lässt sich gewissermaßen im Angesicht Gottes redimensionieren: Er wird nicht zurechtgestutzt, sondern gewinnt die Dimension der Freiheit der Kinder Gottes. Nur so kann man aufrecht stehen – und doch die Knie beugen.

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