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01/2009 - Prosit, so wollen wir hoffen (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 13:35
I Prosit, so wollen wir hoffen

Vom Neujahrskonzert als Hoffnungszeichen, der Eskalation im Nahen Osten als Vorzeichen der Präsidentschaft Barack Obamas – und der eigentlichen Herausforderung bei der Krisenbewältigung.

Von Rudolf Mitlöhner

Dass Daniel Barenboim gerade zu diesem von der neuerlichen Eskalation im Nahen Osten überschatteten Jahreswechsel das Neujahrskonzert dirigierte, ist ein schönes Symbol: Das einstige Wunderkind, längst einer der führenden Pianisten und Dirigenten unserer Tage, hat – wie etwa ein Yehudi Menuhin oder Mstislaw Rostropowitsch – seine musikalische immer auch mit einer politischen Mission verknüpft. Das Engagement des argentinisch-israelischen Musikers, Inhaber unter anderem der israelischen und der palästinensischen Staatsbürgerschaft, gilt dem Bemühen um Toleranz und wechselseitiges besseres Verstehen in Palästina – „Friede“ sei ein zu großes Wort, meinte er dieser Tage in der ZIB2 in aus Realismus gespeister Bescheidenheit. Konkret wird dies vor allem in seinem West-Eastern Divan Orchestra, das sich aus israelischen, palästinensischen und anderen Musikern der Region zusammensetzt.

„Ein menschlicher Konflikt“

Ein Hoffnungszeichen, nicht mehr, aber auch nicht weniger, wenn nun dieser Mann vor einem weltumspannenden Zig-Millionen-TV-Publikum bei „Rosen aus dem Süden“, „An der schönen blauen Donau“ – und diesmal auch Haydn – am Pult der Philharmoniker stand.
„Kein politischer Konflikt“ sei das Nahost-Drama, sagt Barenboim: „Es ist ein menschlicher Konflikt.“ Das indes dürfte nicht nur für den Nahen Osten gelten. Jeder Konflikt, jede Konfrontation, jede Krise ist „menschlich“, lässt sich auf die menschliche Dimension herunterbrechen, auf eine Verwirrung, Vernebelung, Desorientierung der Hirne und Herzen. Die Aufgabe der Politik wäre dann eine genuin aufklärerische, sie hätte Klarheit, Transparenz und Richtungsweisung entgegenzusetzen, historisch-religiöse Aufladungen zu relativieren, Überhitzungen auf ein zivilisatorisch erträgliches Maß herunterzukühlen. Nur allzu oft freilich tut sie genau das Gegenteil, wird zum Trittbrettfahrer von Stimmungen und Befindlichkeiten, schürt vorhandene Ressentiments, von denen sie sich Rückenwind verspricht.
Nun steht, kurz nach Jahresbeginn, im noch immer wichtigsten politischen Amt der Welt ein Wechsel an. Wenn Barack Obama am 20. Jänner auf den Stufen des Kapitols sein „So help me God“ spricht, blickt die Welt auf ihn: Selten zuvor noch hatten sich mit dem Amtsantritt eines US-Präsidenten, geschweige denn irgendeines anderen Staats- oder Regierungschefs, so viele Hoffnungen und Erwartungen verbunden. Nicht von ungefähr haben viele Kommentatoren in den letzten Tagen die Explosion in Gaza als Vorzeichen für Obamas Präsidentschaft gesehen: War schon bisher klar, dass die globale Krise dem neuen Mann im Weißen Haus wirtschaftlich keine Schonfrist erlauben würde, so hat sich nun überdeutlich gezeigt, dass dieser auch außenpolitisch ab dem ersten Tag auf dem Prüfstand stehen wird.

Obamas Versuchung

„Yes, we can“ – immer und immer wieder wird Barack Obama an diesem Slogan gemessen werden: Wird er Politik im vorhin beschriebenen Sinn machen – Orientierung geben, Zuversicht vermitteln, Selbstvertrauen stärken und so der Eigendynamik der „Krise“ Einhalt gebieten können? Und – wichtiger, aber auch schwieriger noch: Wird er dabei dennoch der Versuchung widerstehen können, sich selbst zur Erlöserfigur zu stilisieren, besser gesagt: diese ihm vielerseits zugedachte Rolle anzunehmen und zu verinnerlichen? We can – ja, „wir“ können tatsächlich viel, die Politik kann und soll nicht alles …
Denn das wird die eigentliche Herausforderung bei der Bewältigung der Krise(n) sein: dass der Preis nicht die Freiheit ist. So wie Israel, die israelische Demokratie, nicht der Preis des Nahost-Friedens werden darf, so wird die Freiheit in vielerlei Gestalt gegen das nun allerorten aufkommende, durchaus verständliche Bedürfnis nach Sicherheit, Schutz, Schirm und Rettung verteidigt werden müssen. Möge das Jahr 2009 dem zuträglich sein – prosit, wie der Lateiner sagt.

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