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34/2016 - Nachtrag zur Besinnung (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 09:28
Nachtrag zur Besinnung

Mein Leitartikel „Besinnt sich Europa?“ und die Replik von Paul M. Zulehner (Nr. 30 f.) haben für zahlreiche Reaktionen gesorgt. Anmerkungen in eigener bzw. FURCHE-Sache.

| Von Rudolf Mitlöhner


Früher hieß es in solchen Fällen: „nach Diktat verreist“. Damit brachte man zum Ausdruck, dass der Autor eines Schriftstücks für diesbezügliche Anfragen, Beschwerden etc. in nächster Zeit absenzbedingt nicht zur Verfügung stehe. So ähnlich war es bei meinem letzten Leitartikel – nur dass heute nicht mehr diktiert wird und man auch auf Reisen zumindest prinzipiell erreichbar bleibt und die Geschehnisse daheim via Smartphone oder Tablet mitbekommt. Kaum hatte ich meinen Text in die Tasten gewuchtet und mich für drei Wochen in den Urlaub verabschiedet, brach eine Flut an teils sehr heftigen Leserreaktionen unterschiedlicher Stoßrichtung los. Dazu kam, dass der Religionssoziologe und Pastoraltheologe Paul M.
Zulehner mich in einem in der Folgenummer auch in der
FURCHE publizierten Blogeintrag auf seiner Website scharf kritisierte, was die Debatte naturgemäß neuerlich unterzündete.
Die Intensität der Kontroverse hatte gewiss damit zu tun, dass hier ein Nerv getroffen wurde. Das Thema der Massenmigration ist nun einmal vielleicht die zentrale Herausforderung unserer Gesellschaften, und die Frage nach dem rechten Umgang damit geht buchstäblich ins Mark; sie rührt auch ans Selbstverständnis einer Zeitung wie der FURCHE.

Quantitative und qualitative Heftigkeit

Dennoch war ich über die quantitative und qualitative Heftigkeit der Reaktionen insofern überrascht, als ich mich in den letzten Jahren bereits mehrfach in ganz ähnlichem Sinne zu der Thematik geäußert hatte. Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass ich erstmals auch ganz explizit die Rolle der christlichen Kirchen angesprochen habe (Zulehners Replik hat ja auch just diesen Passus zum Ausgangspunkt seiner Kritik genommen). Das freilich scheint mir gerade in der FURCHE
(siehe oben) unerlässlich und war auch für mich persönlich unausweichlich.
Ich kann und will freilich nichts von dieser Kritik sowie von anderen in diesem und sonstigen Leitartikeln geäußerten Überlegungen zurücknehmen oder revidieren. Sagen möchte ich indes ganz klar, dass es mir keineswegs darum ging, das Engagement einzelner Personen, Gruppen, Pfarren, Orden, kirchlicher (und natürlich auch anderer) Vereinigungen lächerlich zu machen. Offenbar haben Zulehner und einige Leser meine Worte so verstanden. Das steht mir freilich völlig fern. Es ist überhaupt keine Frage, dass Menschen, die nun einmal, ob zu Recht oder zu Unrecht, da sind, eine humanitär adäquate Betreuung zusteht.

„Geh und handle genauso!“


Aber über der konkreten Hilfe und Unterstützung kann ich doch nicht die politische Dimension des Themas übersehen: die gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen Folgen, welche eine Massenzuwanderung nach sich zieht. Und diese Frage müssen sich auch jene stellen, die in der Flüchtlingsbetreuung engagiert sind. Das aber gilt ganz gewiss auch für die Kirche als ganze und ihre diversen Unter- und Vorfeldorganisationen. Diese Folgen auszublenden bzw. auch nur zu bagatellisieren oder erst gar nicht anzusprechen, habe ich kritisiert – und dabei bleibe ich.
Abschließend und ergänzend: ich halte es für äußerst fragwürdig, wenn kirchlicherseits in politischen Fragen mit biblischen Texten wie dem Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter“ argumentiert wird. Die Vorstellung, man könne Erzählungen aus einer völlig anderen Zeit und Kultur, die noch dazu auf konkretes individuelles Handeln abzielen, zur Grundlage von Politik in Zeiten von globaler Mobilität und Vernetzung machen, scheint mir nachgerade bizarr, sorry to say. „Geh und handle genauso!“, sagt Jesus. Und nicht: „Verpflichte alle dazu, genauso zu handeln“. Die Trennung von weltlicher und religiöser Sphäre ist essenziell für das Christentum. Ohne diese Differenz wird Religion gnadenlos und unbarmherzig.

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