ro ro

Themen-Optionen Ansicht

45/2017 - Revolution im egozentrischen Weltbild
  #1  
Ungelesen 08.11.2017, 07:53
Revolution im egozentrischen Weltbild

Wie das Revolutionäre uns formt und ködert und wie unsere Vorstellung von Freiheit und Gerechtigkeit von alles bestimmender Gewalt geprägt ist.

| Von Oliver Tanzer

In diesen Tagen wird vieles über den 100. Jahrestag der Revolution in Russland zu lesen und zu hören sein. Noch mehr sogar über Freiheit, Gleichheit und über Gerechtigkeit. Über Lenin, den Sturm auf den Winterpalast und die Geschichte der Sowjetunion. Alles sehr ernste politische Geschichten. Nur eines werden wir kaum hören: Revolutionswitze. Das mag zunächst vollkommen egal erscheinen, aber auffällig ist es doch: Es gibt kaum Themen, die sich dem Witz entziehen. Bei der Revolution hingegen gab es, wenn überhaupt, bloß ein paar ungelenke Versuche: „Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass auch Flöhe und Wanzen eine Revolution machen könnten? Die Antwort: Im Prinzip ja, denn auch in ihnen fließt das Blut der Arbeiterklasse.“ Tja. Soviel lässt sich also sagen, Humor ist eine schwierige Sache, wenn es an epochale Umwälzungen geht. Warum das so ist?
Charles Dickens hat dazu vielleicht einen wichtigen Anhaltspunkt geliefert: „Humor nimmt die Welt hin, wie sie ist, sucht sie nicht zu verbessern und zu belehren, sondern mit Weisheit zu ertragen.“ Dreht man diesen Satz herum und formuliert sein Gegenteil, findet sich darin eine perfekte Definition des revolutionären Gefühlszustandes: Die Revolution nimmt die Welt nicht hin, wie sie ist, sie versucht sie zu verbessern und zu belehren und nicht mit Weisheit zu ertragen.

Selbstbild-Umkehr

In diesem Sinn passt vielleicht sogar jene Geschichte über den Ursprung des Begriffs Revolution ganz gut. Und dieser Ursprung liegt just nicht bei Aufstand und Trommelwirbel, nicht in Paris und nicht in St. Petersburg. Sondern in einer Turmstube in Frauenburg in Preußen im 16. Jahrhundert.
Man muss sich dabei einen Mann hinter einem Fernrohr vorstellen, der den Sternenhimmel Nacht für Nacht beobachtet, alles genau in Karten und mathematische Tabellen einträgt und darüber nachsinnt. So ungefähr sieht unser erster Revolutionär aus. Er war nie bei einer Demo, geschweige denn bei einem echten Aufstand. Er hätte Robbespierre und Lenin vermutlich sogar verachtet. Aber was dieser Nikolaus Kopernikus im Himmel entdeckte, war tatsächlich revolutionärer als alles, was in politischen Revolutionen zu geschehen pflegt.
Er erkannte, dass die Welt sich um die Sonne dreht, nicht umgekehrt. Die Umlaufbahnen der Planeten nannte er „Revolutionen“, Um – Drehungen, und meinte damit die ewigen Umdrehungen der Planeten um die Sonne.
Seine Erkenntnisse katapultierten den Menschen gleichsam mit einem astronomischen Fußtritt aus seiner selbstverliebten biblischen Geschichtsphantasie. Jahrhunderte alte Traditionen, gehegt und überliefert, gepredigt und geglaubt, waren plötzlich obsolet. Der Mensch nicht die Mitte des Universums, geliebt und umsorgt von dem einen und einzigen ebenbildlichen Gott, sondern ein Wesen nackt und allein, auf einem kleinen Planeten in einem Sonnensystem unter vielen Sonnensystemen. Was für eine Kränkung! Eine Art digitale Revolution des Selbstbildes, in der die astronomischen Maschinen und damit die Naturwissenschaften plötzlich näher bei Gott waren als all die Heiligen und Philosophen, die Priester und die Päpste der verflossenen Tradition.
Kopernikus erklärte den Irrtum der vorhergegangenen Jahrhunderte mit der Beobachtung einer natürlichen Selbsttäuschung des Menschen: „Das Auge“, schreibt er in seinem Werk über die Umdrehungen der himmlischen Kreise (De revolutionibus orbium coelestium), „hält sich überall für den Mittelpunkt der Sphäre alles ringsum Sichtbaren“.
Dieser Satz hat weit über die Astronomie hinaus Geltung, wenn man ihn nicht nur optisch-physikalisch sieht. Denn er enthält die Formel eines egozentrischen Weltbildes. Die Welt = Ich plus meine Wirklichkeitsverzerrung. Es ist eine ethische und wenn man in die Zukunft sieht, äußerst nachhaltige Täuschung im schlechtesten Sinn.
So begänne eine tatsächliche Revolution dort, wo der Mensch versucht, die Welt einmal nicht mit eigenen, sondern mit den Augen der anderen zu betrachten. Sozialdebatten mit den Augen der Schwachen. Integrationsdebatten mit den Augen derer, die hier ankommen wollen. Klimapolitik aus der Sicht unserer Enkelkinder, Sexismusdebatten aus der Sicht gedemütigter Frauen.

Willhaben und Che Guevara

Soviel Empfindsamkeit aber gilt keineswegs als revolutionär. Und das liegt auch am vorherrschenden Charakter der Revolutionäre selbst. Wenn man einen stilbildenden Revolutionär zeichnen wollte, dann würde der so aussehen: Männlich, den Blick nach oben gewandt, also leicht Richtung Himmel, weil Himmel Zukunft bedeutet.
Dazu ein schmuckes Barett auf dem Kopf mit einem kleinen Stern, ebenmäßiges Gesicht mit italienischen Zügen und ein neckisch-ungepflegter Bart. Da ist er doch, der Mann, den das Abenteuer schuf. Oder besser, der Mann, der das Abenteuer schuf, in den Köpfen so vieler. Che Guevara. Die Verkörperung des revolutionären Traums. Jung und energisch, schön und äußerst mobil.
Er war mit ungeheurem Feuer bei der Sache, und er hatte einen unerwarteten Erfolg, als er auf Kuba die Schergen des Batista besiegte. Als dieser Held lebt er weiter, er der vor 50 Jahren in Bolivien getötet wurde. Sein Konterfei ist noch heute auf jeder Demo für Gerechtigkeit und gegen die Ausbeutung des Volkes und der Jugend im Speziellen zu sehen.

Die Schatten des Helden

Aber Che Guevara zeigt uns auch die andere Seite des Revolutionären. Das ist die Freude am Versprechen und der Ekel gegen die Mühen der Ebene. „¡Hasta la victoria siempre!“ („Immer bis zum Sieg!“), das war sein Wahlspruch. Aber was kam nach dem Sieg? Che Guevara hielt es nicht lange in Kuba. Er eilte weiter von Revolution zu Revolution, von Krieg zu Krieg: Angola, Kongo, Bolivien.
Solche Revolutionäre sind gar nicht außergewöhnlich. Sie gleichen auch uns postkapitalistischen Konsumenten. Wir erträumen uns ein Gut, und sobald wir es haben, wollen wir etwas ganz anderes. Das eben erworbene Gut verliert dramatisch an Wert.
Wir sind in diesem Sinn keine Haben-Gesellschaft, sondern eine willhaben-Gesellschaft. Wichtig ist uns eigentlich nicht das Produkt selbst, sondern der Prozess, der zu ihm hinführt. Das Ersehnen, das Streben. Deshalb kommt Che Guevara auch so gut an. Der Weg war sein Ziel. Das Ziel konnte nur enttäuschen. So wie unser Willhaben unser Ziel ist und das Erkaufte schnell enttäuscht.
Die Politik hat sich viel davon abgeschaut. Und deshalb haben Che Guevara, willhaben.at und der moderne Wahlkämpfer eines gemeinsam: Sie streben des Eroberns wegen. Deshalb haben Politiker auch so große Schwierigkeiten, das Erreichte gut zu verwalten und Versprochenes zu erfüllen. „Vorwärts“ schallt es von links und neuerdings „Es ist Zeit“ von mitte-rechts. Das neue „¡Hasta la victoria siempre!“. Immer bis zum Wahlsieg. Was tun wir aber dann, wenn wir feststellen, dass die Versprechen nur auf den nächsten Wahlkampf zielen und von dort aus wieder nur auf den nächsten?
Und was, wenn das Hauptproblem der Politik zunehmend im Verkauf, statt in der Substanz besteht? Sie wäre darin der Zeit der Oktoberrevolution gar nicht unähnlich. Auch sie muss den Menschen „verkauft“ werden und gemessen an der russischen Revolution und ihrer Geschichtsklitterungsindustrie ist „Fake News“ ein lächerlich kleines Phänomen.
Damals hat ein Verbund aus Wissenschaft, Politik und Kunst einen Fraktionskampf unter Revolutionären zur Oktoberrevolution umgeschminkt, zum größten Kollektivereignis der Menschheitsgeschichte (siehe auch Matthias Greuling über den sowjetischen Film, oben). Und das bei maximaler Illusion von Freiheit und Gerechtigkeit. Die beiden hohen Ideale werden letztlich auch aufgrund zweier Energien unwirksam, die sonst eher als unangenehme Nebenerscheinungen gedeutet werden: Gewalt und Zorn. Sind sie nicht die entscheidenden Treiber jeder Umwälzung? „Mit kaltem Blut wird kein Wunder verrichtet,“ sagt Ludwig Feuerbach und plädiert für „das Wunder des Zorns“.
Wenn wir nun aber den Begriff vom Umsturz weit genug fassen, dann sind auch die heiligsten Umstürze mit Zorn und Gewalt verbunden. Selbst der Weg ins Himmelreich ist mit Zerstörung gepflastert. Man nehme nur das jüngste Gericht. Man sieht es noch über so manchem gotischen Kirchenportal. Sie zeigen die Könige und Fürstinnen, reiche Säcke und wohlgenährte Kardinäle und Mönche ins Jüngste Gericht ziehen.

Höllengluten als Gerechtigkeit

Einige der durchlauchten Damen und Herren liegen in Ketten, werden von Teufeln gefoltert und zerrissen, oder über der Höllenglut geröstet. Die Armen hingegen ziehen ins Reich der Seligen. So ist es eben in dieser letzten Revolution: Aus mächtig wird schwach, aus arm an Mitteln wird reich an Gnade. Durch den gewaltigsten und gewalttätigsten – den heiligen Zorn Gottes.
Aber hier liegt ein Paradoxon, denn es ist doch so: Christen werden von Christus angehalten, gewaltfrei zu leben, ihre Feinde zu lieben. Das ist der Sieg der Liebe über die Gewalt. Das war doch eigentlich die christliche Revolution. Gott selbst tritt aber nach dieser Vorstellung des Jüngsten Gerichts als Konterrevolutionär auf. Er vollbringt seinen „Dies irae“ als eine Art grausiges Schlachtfest für sadistische Teufel. Wäre das die ewige Gerechtigkeit? Eine Art Bausparer von Gut und Böse, einzulösen am Tag X. Warum sollte aber Gott nicht nach jenen Prinzipien handeln, die er den Gläubigen auferlegt?
Würde er das tun, das Jüngste Gericht wäre ein Jüngster Jubeltag. Ein Fest für das Sein an sich, das einzige Geschenk, das der Mensch tatsächlich erhält. Der einzige Wert auch, der sich dem Fluch von Gut und Böse entzieht. Wegen dieser Ausschaltung von „Gut und Böse“ würde das „Wunder des Zorns“ plötzlich wie eine alte, eine unzivilisierte Zote erscheinen aus einem Weltbild, das immer noch meint, es könne durchaus auch Richtiges im Falschen geben.

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung