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44/2017 - Der Tod und das Leben (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen 31.10.2017, 08:07
Der Tod und das Leben

Allerheiligen und Allerseelen sind eng mit religiösen Bräuchen verknüpft. Aber auch die Ratlosigkeit des Menschen angesichts des Todes wird in diesen Tagen deutlich.


| Von Rudolf Mitlöhner


Kein Trauertag, sondern ein Fest ist Allerheiligen. Während es in der allgemeinen Wahrnehmung mit dem darauffolgenden Tag zu Allerheiligen/Allerseelen verschmolzen ist, unterscheidet es sich doch grundlegend vom Tag des Totengedenkens. Äußerlich erkennbar ist dies bereits an den gleichsam diametral entgegengesetzen liturgischen Farben: Gilt zu Allerheiligen (wie zu Weihnachten, Ostern) Weiß, so trägt Allerseelen Violett (wie der Advent oder die Fastenzeit; früher war es gar Schwarz). In christlicher Perspektive müsste freilich der Allerseelentag ins helle Licht von Allerheiligen getaucht sein: Gewissermaßen stellvertretend wird hier der „Heiligen“ gedacht, die exemplarisch darauf verweisen, was der Glaube für alle („Seelen“) erhofft. Faktisch ist es umgekehrt: Das Grau von Allerseelen liegt auch über dem vorangehenden Tag, welcher ja auch – der 1. November ist ja schließlich im Unterschied zum 2. auch arbeitsfrei – vielfach für den Friedhofsgang genutzt wird.

Und Halloween?

Eine Zeitlang wurde gerade auch in kirchlichen Kreisen die Sorge geäußert, Allerheiligen und Allerseelen könnten von Halloween verdrängt werden. Die Aufregung hat sich ein wenig gelegt, geblieben ist die – berechtigte – Kritik an Kommerzialisierung und schrillen Auswüchsen, vor denen freilich auch traditionell europäische Feste nicht gefeit sind. Der Linzer Moraltheologe Michael Rosenberger meinte in der Kathpress gar, die Kirche könne von Halloween insofern profitieren, „weil dadurch schon einmal auf das Allerheiligen- und Allerseelenfest verwiesen und eingestimmt wird“.
Tatsache ist jedenfalls, dass Brauchtum immer synkretistisch ist, aus Elementen besteht, die im Lauf der Zeit sich zu einem Ganzen gefügt haben. Die Stärke des Christentums besteht ja gerade darin, sich seine jeweilige Umgebung (zeitlich wie örtlich) anzuverwandeln, an der konkreten geistigen, kulturellen wie alltagspraktischen Lebenswirklichkeit anzuknüpfen und diese gewissermaßen zu durch- und überformen. Nur so konnte und kann Glaube Kultur werden – und wäre er das nicht immer wieder neu geworden, hätte er sich verflüchtigt (Kritiker des Christentums würden solches freilich unter genau umgekehrten Vorzeichen erzählen – also gerade diese „Stärke“ als Negativum darstellen).
Dies alles gilt in besonderer Weise, wie sollte es auch anders sein, im Umgang mit Sterben und Tod. Religiöse Riten und Narrative haben stets gerade an den Knoten- und Wendepunkten des Lebens Halt und Orientierung gegeben. Was aber wäre eine markantere Zäsur als der Tod? Wo diese überkommenen Rahmungen sich aufgelöst, ihre Verbindlichkeit und damit ihre Funktion verloren haben, tritt indes die ganze Rat- und Hilflosigkeit des Menschen angesichts des Todes – die wohl immer schon bestanden hat – umso deutlicher hervor. Man merkt das nicht zuletzt am quasireligiösen Charakter vieler „säkularer“ Partezettel oder Begräbniszeremonien (denen gegenüber sich allerdings jede Art von Überheblichkeit verbietet).

Wider die Anonymisierung

Die christlichen Kirchen sind gut beraten, auch hier dem zu folgen, was sie, wie oben skizziert, seit jeher praktizieren: in der Unterscheidung der Geister neue Entwicklungen wahrzunehmen, zu sehen, was mit ihren Grundsätzen vereinbar ist und dies dann in ihrem Sinne fruchtbar zu machen. Nicht im christlichen Sinne kann etwa eine „Privatisierung“ oder Anonymisierung des Todes sein, wie der Liturgiewissenschaftler Ewald Volgger jüngst erklärte. Entscheidend ist für ihn schlicht, dass „der Ort, an dem der Verstorbene begraben ist, mit dem Namen der Person und dem christlichen Zeichen des Kreuzes gekennzeichnet ist“. Nicht mehr und nicht weniger.
Was sollte man auch mehr sagen? Der Tod macht uns buchstäblich sprachlos – aber wir haben auch allerhand Mechanismen entwickelt, diese Sprachlosigkeit zu überwinden und wieder in die Spur zu kommen. „Das Leben geht weiter“, heißt es dann. Und das stimmt, gerade auch aus christlicher Sicht, welche dem Leben, nicht dem Tod zugewandt ist.

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