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45/2017 - Ueber Schuld und Buehne (Doris Helmberger)
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Alt 01.04.2005, 00:24
Über Schuld und Bühne

Keiner hat das Spiel mit der Öffentlichkeit so beherrscht wie Peter Pilz. An seiner 
Verständnislosigkeit gegenüber dem, was Intimität bedeutet, ist er nun gescheitert.

| Von Doris Helmberger

Er hat es doch noch getan. „Es lag nie in meiner Absicht, Frauen durch mein Verhalten zu kränken und zu verletzen“, schrieb Peter Pilz Dienstag Abend auf Facebook. „Aber es kommt dabei nur auf eines an: wie das, was ich tue, verstanden wird. Deshalb möchte ich mich hiermit in aller Form öffentlich bei allen Frauen entschuldigen, die ich durch mein Verhalten gekränkt und verletzt habe.“
Die Selbsterkenntnis kommt spät, zu spät – und sie kommt alles andere als freiwillig. Schon vergangenen Freitag hatte er zwar überraschend erklärt, sein Nationalratsmandat nicht annehmen zu wollen, nachdem zwei Zeugen von einem sexuellen Übergriff im Rahmen des Europäischen Forum Alpbach 2013 erzählt hatten. Er könne sich zwar nicht daran erinnern, meinte er bei der Pressekonferenz, und er sei auch dagegen, „dass unser ganzes Leben von politischer Korrektheit dominiert“ werde. Doch: „Wir älteren und in meinem Fall noch – gerade noch – mächtigen Männer müssen bereit sein, auch etwas dazuzulernen.“ Am Montag darauf war es mit der Weiterbildung freilich wieder vorbei. Pilz witterte eine politische Intrige und behauptete, „Frauen nie sexuell belästigt“ zu haben. Als prompt weitere Betroffene von sexuellen Grenzüberschreitungen berichteten und sich das Bild eines Mannes verdichtete, der sich und seine Hände nicht im Griff hat, blieb ihm nur der Rückzug vom Rückzug vom Rückzug. Nach einer Auszeit werde er aber wieder in die Politik zurückkehren, um seine Liste von außen zu unterstützen.

Der Aufdecker wird fehlen

Der Fall Pilz ist ein Drama, das niemanden so wirklich freuen kann (von jenen abgesehen, die mit Pilz noch eine persönliche Rechnung offen haben). Da wäre zuvorderst der demokratiepolitische Aspekt: Der Aufdecker der Nation wird im Parlament bitter fehlen – zumal in Zeiten, in denen Deutschnationale und völkisch Gesinnte sich Zugang zu den Schalthebeln der Macht gesichert haben. Auch seine politischen Mitstreiterinnen und Mitstreiter sowie seine über 200.000 Wählerinnen und Wähler bleiben ratlos zurück. Der Versuch des Konsumentenschützers Peter Kolba, Pilz durch eine Online-Petition dazu zu bringen, sein Mandat doch noch anzunehmen, ist vor dem Hintergrund persönlicher Frustration verständlich, doch angesichts der neuen Enthüllungen hinfällig.

Der Triumph der „politischen Korrektheit“?

Was uns zum persönlichen Drama des Peter Pilz führt: Nein, der 63-Jährige ist kein zweiter Harvey Weinstein, dessen Fall Frauen weltweit unter dem Motto #metoo dazu veranlasst hat, Erfahrungen sexueller Grenzüberschreitung zu posten. Weder wird Pilz Vergewaltigung vorgeworfen noch das Anbieten beruflichen Avancements gegen sexuelle Gefälligkeiten. Aber dass ihm bis zuletzt offenbar die Einsicht fehlte, dass „politische Korrektheit“ und Schutz vor sexuellen Belästigungen in Abhängigkeitsverhältnissen nicht dasselbe sind, macht doch sprachlos. Es ist etwas anderes, ob Pilz als Privatmann schlüpfrige Herrenwitze macht – oder als politischer Mandatar gegenüber einer Mitarbeiterin. Mit der Gleichbehandlungsanwaltschaft ist hier an sich ein gutes Instrument vorhanden, Vorwürfe vorab intern zu klären, statt sie sofort auf die öffentliche Bühne zu zerren. Dass dies im Fall Pilz aus vielen Gründen nicht gelungen ist und die Causa im Gefolge der #metoo-Erregung (auch gegen den Willen der betroffenen Frau) geleakt wurde, ist der letzte Teil des Dramas.
Ein Opfer ist Pilz dennoch nicht. Als Aufdecker muss er wissen, dass wunde Punkte mächtiger Menschen irgendwann offenbar werden können – auch durch undurchsichtige Methoden. Was also bleibt? Im besten Fall das Bewusstsein, dass sexuelle Belästigung kein Kavaliersdelikt ist. Vom Mord der Erotik durch die „politische Korrektheit“ kann freilich keine Rede sein. Es reicht, im Zweifel höflich und empathisch zu bleiben. Man könnte auch einfach Anstand dazu sagen.

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