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09/2016 - Donald Trumps Schweigen (Oliver Tanzer)
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Ungelesen , 09:56
Donald Trumps Schweigen
Die Welt empört sich über einen radikal-rassistischen Milliardär, der US-Präsident werden will. Doch US-Eliten tut der Skandalöse gut.
Er verhindert Reichtumsdebatten.


| Von Oliver Tanzer


Der Tremor ist ein guter Begleiter des Menschen, er bezeichnet Kälte und Angst, aber auch Wohlgefühl und Spannung. Das Lexikon vermerkt als Symptom ein „rhythmisches Sich-Zusammen-Ziehen einander entgegenwirkender Muskelgruppen“. Nun, Dienstag war’s und Super-Tuesday im Vorwahlkampf für die Präsidentenwahlen in den USA. Und siehe, die Welt erbebt seither in Schlagzeilen, Analysen und Breaking News in einem wohl rhythmisierten „frisson politique“. Man erregt und entsetzt sich, und die Einschaltquoten expandieren, während das mediale Nervensystem kontraktiert. Diesmal nicht wegen eines Kriegs oder einer Seuche, sondern wegen eines Milliardärs, der US-Präsident werden könnte.
Donald Trump soll hier nicht verharmlost werden. Er selbst würde das vermutlich gar nicht wollen. Schließlich ist er in den vergangenen Tagen schon mit Hitler und Stalin verglichen worden. Leute wie ihn ehrt das. Seine Ausritte gegen Mexikaner, Chinesen, Schwarze sind bekannt. Täglich scheint etwas dazu zu kommen, die Japaner, die Drogen, die Muslime. Dabei wiederholt Trump die meisten seiner Botschaften wortgleich seit über 20 Jahren, und das einzig Erstaunliche daran ist, dass ihm selbst und uns dabei nicht langweilig wird. So brüllt er sich durch den Wahlkampf, alt und laut. Muss man sich deshalb vor ihm fürchten? Die Antwort ist: Ja. Aber nicht wegen dem, was Trump sagt, sondern wegen dem, was er nicht erwähnt: den sozialen Zerfall der USA, auf dessen Boden er seine Erfolge feiert.

Mauer-Illusionen

Es ist nicht Trumps Mauer gegen Mexiko, die dieses Drama versinnbildlicht, sondern es sind die Mauern, mit denen sich die Reichen in den USA gegen den Rest der Gesellschaft absichern müssen. Es sind die Stacheldrahtverhaue, hinter denen pseudorömische Villen und venezianische Palazzoimitate das Vermögen ihrer Eigentümer bezeugen. Seit 2008 haben die oberen zehn Prozent der Bevölkerung ihr Vermögen um 14 Prozent gesteigert, doch der Durchschnittslohn ist gesunken. Die 400 reichsten Bürger besitzen über 1,6 Billionen Dollar, auf der anderen Seite gibt es mehr als 46 Millionen Arme. Leistungsgerechtigkeit? Die Steuer auf Vermögen beträgt 15 Prozent, einfache Angestellte werden mit 30 Prozent zur Kasse gebeten, oder in den Worten des Spiegel: Der Mittelstand wird ausradiert.

Charity-Fiktionen

Statt das Problem und die Folgen zu thematisieren, werden die Wähler mit „Charity-Rechnern“ der Kandidaten unterhalten. Wieviel also der gute Donald oder die gute Hillary der einen oder anderen Suppenküche oder Pfadfinder-Truppe gespendet haben. Jeden, der mehr will als das, trifft der Zorn der Eliten. Als Trump eine minimale Gesundheitsversorgung ansprach („Ich würde Bettler nicht auf der Straße sterben lassen“), warfen ihm Republikaner vor, gegen die Parteilinie zu agieren. Trump ruderte zurück.
Der einzige Kandidat, der das Thema ansprach, war Bernie Sanders, leider ebenfalls in Rabaukenmanier. Doch die Polarisierung um Donald Trump konzentriert seit Dienstag die Kräfte der Demokraten ohnehin hinter einer in Verteilungsfragen schwerhörigen bis tauben Hillary Clinton.
Das entspricht der Position jener Vermögenden, die die Wahlkämpfe bezahlen. Es ist kein Zufall, dass Trump, der gegen alles und jeden wettert, ausgerechnet Spekulanten in Watte bettet, die die Krise von 2008 ausgelöst haben: „Man kann niemanden dafür bestrafen, dass er schlechte Geschäfte macht.“ „America, the beautiful“ macht gerade ein sehr schlechtes Geschäft. Es lässt Trump den Anschein eines hässlichen Amerikas malen. Es hypnotisiert sich mit Trumps Angst-Themen. Das führt zurück zum Zittern. Eine Weisheit der amerikanischen Ureinwohner sagt, dass die Angst ein guter Freund sein kann, oder ein ganz schlechter. Wenn der Mensch vor der Maus zittert, aber den Wolf im eigenen Rücken nicht bemerkt.

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  21:15:38 07.20.2005