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36/2013 - „Bewegen, spielen, kämpfen!“
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Ungelesen 04.09.2013, 09:23
„Bewegen, spielen, kämpfen!“

Erzeugt der Sport eher Egozentriker oder Herdentiere? Weder noch, meint der Berliner Philosoph Gunter Gebauer.

Er hat über Ludwig Wittgensteins Anthropologie ebenso geschrieben wie über die „Poetik des Fußballs“. Gunter Gebauer ist einer der führenden deutschen Sportphilosophen.
Ein FURCHE-Gespräch über gemeinschaftsfördernde Vereine, ehrgeizige Eislaufmütter, vertrauenzersetzendes Doping und rasenstürmende Fans.


DIE FURCHE: Herr Gebauer, verhalten sich sportliche Menschen in Gemeinschaften anders als unsportliche?
Gunter Gebauer: Das kann man so generell nicht sagen. Man kann allerdings darauf hinweisen, dass Sport zwangsläufig den Gemeinschaftsgedanken fördert. Schließlich wächst man ja als Sportler in eine Gemeinschaft hinein: Man geht in eine Trainingsgruppe, fährt gemeinsam zu Wettkämpfen und feuert sich an. Andererseits stärkt der Sport aber natürlich auch den Egozentrismus: Schließlich will man ja gewinnen.
DIE FURCHE: Kann man sagen, dass bei Siegertypen der Egozentrismus überwiegt?
Gebauer: Wenn man Einzelsportler ist, will man sich durchsetzen. Hier kann der Egozentrismus auch in eine egomanische Haltung umschlagen. In Mannschaftssportarten muss sich aber auch ein Spitzenspieler unterordnen – sonst kann sein Team nicht gewinnen. Aber jeder Spieler will sich natürlich auch selbst auszeichnen. Es kann sogar sein, dass nach einem verlorenen Match einige Spieler am Ende hochzufrieden vom Platz gehen, weil sie ein gutes Spiel geliefert haben und das auch bemerkt worden ist.
DIE FURCHE: Viele betrachten Sport gerade für Kinder und Jugendliche als Exerzierfeld für Teamgeist und Gemeinschaftssinn. Gibt es auch das gegenteilige Phänomen?
Gebauer: Dann, wenn sich ein Jugendlicher hervortut und ein Trainer den Erfolg dieses Einzelnen über alles stellt. Heraus kommen dann 14-Jährige, die sich benehmen wie überhebliche Superstars im internationalen Feld und die schwächeren Gegner nicht mehr achten. Das haben wir bei einem ehemaligen deutschen Tennisspieler von Weltklasse gut beobachten können. Sein Trainer, ein Jugendtrainer des deutschen Tennisbundes, hat bald gesehen, dass er es hier mit einem großen Talent zu tun hat. Er hat alle anderen Jugendlichen beiseite gelassen und sich ausschließlich um diesen Burschen gekümmert. Der Deutsche Tennisbund hat ihn schließlich hinausgeworfen, woraufhin er sich völlig seinem Schützling gewidmet hat – bis der erwachsen geworden ist und ihn gefeuert hat.
DIE FURCHE: Was sollten Eltern beachten, die ihre Kinder in Sportvereine schicken?
Gebauer: Ich würde ihnen raten, dass sie sich einen Verein suchen sollten, wo man im Gegeneinander des Sports auch das Miteinander entdeckt, und wo es neben aller Leistung auch um Humor und die Freude am Spiel geht. Sport ist eine vorzügliche Einübung in die Gemeinschaft – unter der Voraussetzung, dass die Vereine funktionieren. Das Gegenbild davon sind Eislauf- oder Tennismuttis, die ihr Kind zu einem berühmten Trainer bringen und sagen: „Machen Sie aus ihm einen Weltmeister!“ Das habe ich alles erlebt. Interessanterweise sind das Mütter, die keine große Sportbiografie, sondern eher ein Universitätsdiplom haben, aber nicht berufstätig sind und sich als Ersatz voll auf ihre Kinder stürzen. Für diese Frauen und ihre Kinder geht es nicht darum, sich mit Gleichaltrigen zu bewegen, zu spielen und zu kämpfen, sondern darum, so viele Vorteile wie möglich zu akkumulieren, um später erfolgreich zu sein.
DIE FURCHE: Apropos Erfolg: Der Ehrgeiz treibt manche Sportler und ihre Trainer zum Doping, was den Fair-Play- und Gemeinschaftsgedanken des Sports völlig pervertiert. In der DDR wurde das perfektioniert. Laut einer Studie des deutschen Bundesinstituts für Sportwissenschaft hat man freilich auch im Westen unter staatlicher Duldung leistungssteigernde Mittel verabreicht. Wie groß ist das Problem heute?
Gebauer: Das weiß keiner, es gibt nur subjektive Schätzungen. Pessimisten gehen davon aus, dass bei den Olympischen Spielen in London ein Großteil der Sportler und Sportlerinnen gedopt waren. Diese Annahme halte ich für weit übertrieben. In einigen Sportarten wie der Leichtathletik und im Schwimmen sieht es aber tatsächlich danach aus; in anderen wie im Hockey und Fechten eher nicht. Ich glaube jedenfalls nicht, dass das Doping-Problem in Deutschland gelöst ist. Dafür wird auf die Sportler viel zu viel Druck ausgeübt – durch die Verbände, die Politik und die Medien. Hinzu kommt der Wunsch nach Ruhm: Warum sollte er in Deutschland geringer sein als in anderen Ländern?
DIE FURCHE: Und was ist mit Österreich?
Gebauer: Jeder kennt die Verstrickungen, in denen sich die Nordischen Skiwettkämpfer (2002 in Salt Lake City und 2002 in Turin, Anm.) befunden haben. Und immerhin hat ein Österreicher (Stefan Matschiner, Manager des – gedopten – Radsportlers Bernhard Kohl, Anm.) das offenste und zynischste Buch über Doping veröffent*licht. Eine Überschrift wie „Doping macht Spaß“ muss man erst einmal zustande bringen.
DIE FURCHE: Liegt der Entscheidung eines Athleten, sich durch Doping den eigenen Körper „enteignen zu lassen“, wie Sie sagen, einfach selbstzerstörerischer Ehrgeiz zugrunde – oder sind viele einfach zu schwach, um „Nein“ zu sagen und dem Gruppendruck zu widerstehen?
Gebauer: Heute greift niemand zum Doping, der nicht dopen will: Es ist wohl nicht so sehr Charakterschwäche, eher ist es „freundlicher“ Druck zur Leistungsverbesserung, Verführung, Streben nach Triumph, Bekanntheit und Anerkennung, nach hohem Einkommen und Statusverbesserung.
DIE FURCHE: Nicht nur Medien und Politik, auch die Fans fordern Erfolge – und zeigen bei deren Ausbleiben ihre dunkle Seite. Bestes Beispiel dafür ist ein Platzsturm von Fußballfans. Wie kann man sich diesen gruppendynamischen Ausbruch erklären?
Gebauer: Fans wollen sich, ihre Person und ihr Leben vergrößern: Sie widmen sich einer Aufgabe, die in ihren Augen einerseits nobel ist, andererseits auch eine gewisse Handgreiflichkeit und Nähe zu ihren Helden erfordert. Das ist ein Phänomen zwischen quasi-religiösen Anflügen und Größenwahn.
DIE FURCHE: Warum gelingt es eigentlich gerade dem Fußball so gut, das Gemeinschaftsgefühl einer Gruppe zu bedienen?
Gebauer: Fußball ist eben jene Sportart, die das Spielgeschehen, die Spannung und die Ergebnisse am besten darstellt: visuell, medial, mit hoher Spannung, riesigen Zuschauerzahlen und einer intelligenten Organisation des Jahreskalenders. Denken Sie nur an das Erlebnis im Stadionrund – 60.000 Menschen, dicht zusammen, im Krach, in Freude und Trauer vereint!
DIE FURCHE: Sind Sie selbst eigentlich Mitglied eines Fanclubs?
Gebauer: Als Jugendlicher war ich Fan meines Vereins, Holstein Kiel. Ich habe alle Höhen und Tiefen dieses Vereins miterlebt. Heute führe ich ein anderes Leben, in das eine Fan-Existenz einfach nicht mehr passt.

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