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25/2017 - Die Iden der May
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Ungelesen 21.06.2017, 06:59
Die Iden der May

Der Brexit kommt, aber wie? Großbritannien schlittert immer tiefer in die Krise und zerlegt sich dabei selbst. Ein Stimmungsbericht aus London.

| Von Tessa Szyszkowitz


Vor drei Wochen wartete Amanda Ullman an der Passkontrolle in Heathrow auf ihren Partner. Die beiden kamen von einer Hochzeit aus Kopenhagen nach London zurück. Amanda ging durch die elektronische Passkontrolle, das grüne Licht leuchtete schnell auf. Bei ihrem Freund Siv Khan, einem Briten indischer Herkunft, blieb das Licht rot und die Schranke zu. Dann verschwand er in einem Nebenraum. Erst nach Stunden bekam Siv seinen britischen Pass zurück und durfte einreisen. Die schwedische Marketing-Expertin packt jetzt die Koffer. Die beiden ziehen im Juli von London nach Stockholm um. Vor einem Jahr hat Amanda als Mitglied der proeuropäischen Gruppe „Hug a Brit” noch versucht, die Briten davon abzuhalten, aus der EU auszutreten. Es hat nicht geklappt. Das Vereinigte Königreich verlässt die EU und Amanda kehrt ihm schon vorher den Rücken: „Es geht weniger um mich”, meint die 30-Jährige, „ich mache mir eher Sorgen um Siv”.
Großbritannien wendet sich gegen sich selbst. Vor einem Jahr, am 23. Juni 2016, haben 52 Prozent der Briten in einem EU-Referendum für den Austritt aus der EU gestimmt. Seitdem zerlegt sich das Vereinigte Königreich selbst. Den Triumph der Europaskeptiker haben die Hooligans auf den Straßen als Lizenz für Ausländerhetze verstanden. Die ausgelebte Xenophobie trifft aber nicht nicht nur osteuropäische EU-Bürger, sondern auch Briten mit farbiger Haut.

Große Verunsicherung

Drei Terroranschläge islamistischer Attentäter binnen drei Monaten haben zu weiterer Verunsicherung der Bevölkerung beigetragen. Regierungschefin Theresa May sprach nach dem Anschlag auf der London-Bridge am 3. Juni harte Worte: „Es gibt zu viel Toleranz für Extremismus in unserem Land. Genug ist genug.” Was aber soll das heißen? Die starken Worte der knorrigen Premierministerin klingen zunehmend hohl. Die britische Politik, einst Hort der Stabilität, schlägt abenteuerliche Volten. Gerade hat Frau May am 8. Juni in vorgezogenen Wahlen ohne Not die Mehrheit ihrer Tory-Partei verspielt. Sie darf jetzt trotzdem erst einmal im Amt bleiben, um weiteres politisches Chaos zu verhindern.
Das aber ist per se schon eine Anleitung zur weiteren De-Legitimisierung der etablierten Politik. Denn die 60-jährige Konservative, die sonntags zur Messe geht und nach Eigenaussage „nicht gerne im Pub rumhängt”, kann jetzt nur mit Mühe und Not weiterregieren – mit Unterstützung von zehn nordirischen Abgeordneten der DUP, einer ultrakonservativen Partei von wiedergeborenen Christen, die Abtreibung und gleichgeschlechtliche Liebe gerne verbieten möchten.

„Königin der Verleugnung“

„Theresa May ist eine wandelnde Leiche”, konstatiert George Osborne im BBC-Sonntagsfernsehen. Der ehemalige Schatzkanzler musste vor einem Jahr gemeinsam mit David Cameron das Feld räumen – die beiden hatten für den Verbleib in der EU gekämpft. Osborne ist inzwischen Chefredakteur des Gratisblatts The Evening Standard. Die U-Bahn-Zeitung übertrifft sich jeden Tag aufs Neue mit May-feindlichen Spott-Titeln: „Die Königin der Verleugnung” wird sie genannt, weil sie weder inhaltlich noch personell Konsequenzen aus dem Wahlergebnis zieht.
Frau May braucht keinen Titus mehr, der Cäsar mit dem gerne zitierten Spruch „Hüte dich vor den Iden des März” vor seiner bevorstehenden Ermordung durch die eigenen Leute gewarnt hat. Sie weiß um ihr Schicksal Bescheid. Die Iden der May, die sind jetzt jeden Tag zu jeder Stunde. Ihr Untergang ist nur eine Frage der Zeit. Ihr potentieller Nachfolger Boris Johnson unterhält als Hofnarr das Volk, während er darauf hofft, dass die Regierungschefin noch den Karren aus dem Dreck holt, in den er das Land gefahren hat. Als oberster Brexit-Kämpfer hatte er im vorigen Frühling mit Verve und Lust und Lügen die Wut auf Brüssel erfolgreich angeheizt. Obwohl er heute Außenminister ist, käme niemand auf die Idee, sich ernsthaft bei Boris zu erkundigen, wie es denn nun um die Brexit-Pläne der Regierung stehe.
Denn Brexit ist Chefinnensache. Ein knappes Jahr ist es her, dass May mit dem Slogan “Brexit heißt Brexit” ihre Ära einläutete. Über den Winter hatte sich das Land auf ihren Kurs eingerichtet, einen harten Schnitt von der EU zu vollziehen. Die Wiederbesinnung auf kleinere Einheiten, sprich die englische Erde, war en vogue. Der Autor David Goodhart gab mit seinem Buch „The Road to Somewhere” („Der Weg nach Irgendwo”) die ideologische Unterfütterung für Frau Mays Politik des kleinen Engländers. Vor vollen Sälen entwickelte der Journalist seine Unterscheidung in „Somewheres” (etwa: „Bodenverbundene”) und „Anywheres” (wohl: „Luftwurzler”). May brachte die Abgrenzung in ihrer Parteirede im Herbst auf den Punkt: „Ein Weltbürger ist ein Bürger von nichts.”
Am 8. Juni hat sich gezeigt, dass die Briten mit dieser spießigen Abschottungspolitik nicht glücklich sind. Was die Mehrheit sicher ablehnt, ist die Sparpolitik der Ära Cameron. Das ist auch der Grund, warum der rebellische Altlinke Jeremy Corbyn zum Vintage-Star der britischen Politik wurde. Der 68-jährige Labour-Chef ist zur Ikone junger Rebellen geworden. Denn nach sieben Jahren konservativen Schlanksparens sind „Food banks”, bei denen Arme gratis Essen abholen können, nicht mehr Gegenstand von Nachkriegserinnerungen, sondern You-Tube-Hits der britischen Gegenwart.
Das große Pech ist aber, dass der Brexit alles noch schlimmer machen wird. Statt sich mit der eklatanten sozialen Ungleichheit zu beschäftigen, werden in den kommenden Jahren die Verhandlungen mit der EU die gesamten politischen Ressourcen binden. Der Brexit entwickelt sich zur größten Selbstbeschädigung einer europäischen Nation seit dem Zweiten Weltkrieg. Das liegt nicht nur an den wirtschaftlichen Effekten, die Britannien verkraften wird müssen, wenn es den Europäischen Binnenmarkt verlässt. Die Einheit des Vereinigten Königreiches ist bedroht, weil Nordirland sich eventuell lieber mit Irland vereint, als eine feste Grenze zum EU-Staat zu errichten. Die Schotten werden zwar nicht so schnell die Unabhängigkeit anstreben, doch droht aus Edinburgh und Belfast zumindest politische Unruhe.

Nur kleinere Kurskorrekturen

Werden die Briten den Brexit wieder absagen, weil er sich als Blödsinn herausstellt? Mays misslungene Wahlen können als Absage an einen harten Brexit interpretiert werden. Doch vergessen darf man nicht, dass sowohl Tories als auch Labour in ihren Parteiprogrammen den Brexit als klares Ziel definieren. Beide großen Parteien wollen „den Willen des Volkes respektieren”, die Immigration aus der EU zu beschränken und das heißt: ein Ausstieg aus dem gemeinsamen Markt.
Derzeit geht es in der Diskussion um einen Kurswechsel bloß darum, ob man doch in der Zollunion bleiben will. Die Vision, dass sich vor den weißen Felsen von Dover die Güterlastwagen stapeln, treibt großen wie kleinen britischen Firmenchefs den Angstschweiß auf die Stirn. Bleibt Britannien aber in der Zollunion, dann kann es keine eigenen Freihandelsabkommen mit Ländern wie Indien aushandeln. Genau das aber haben die harten Brexitiere um May als größten Vorteil des Austritts dargestellt. Sie haben euphorisch vom „Empire 2.0” gesprochen.
Der indische Autor und Politiker Shashi Tharoor hebt amüsiert eine Augenbraue, als er auf die Chancen für dieses zukünftige Reich angesprochen wird. Der ehemalige Vize-UNO-Generalsekretär bewirbt bei einer Lesung sein Buch „Inglorious Empire” („Das unrühmliche Imperium”). „Nachdem das erste britische Empire schon kein großer Erfolg war”, meint er mit einem schmalen Lächeln, „bezweifle ich sehr, dass es großen Appetit auf ein zweites gibt. Zumindest in Indien.”


| Die Autorin schreibt seit 1991 für Profil, arbeitete als Nahost- und EU-Korrespondentin und lebt seit 2010 in London.
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