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Political Correctness
  #1  
Ungelesen , 10:55
Stephanie Wiesbauer Stephanie Wiesbauer ist gerade online
 
Registriert seit: 28.07.2012
Beiträge: 1
Sehr geehrter Herr Christian Moser!
Ihr Artikel über ‚Political Correctness ‚ in der Furche vom 26. Juli wird hoffentlich eine Diskussion über die neue Tabu-Kultur eröffnen. Dazu einige Ideen meinerseits:
Es scheint, daß Politik als Umsetzung guter oder auch nur notwendiger Ideen und Pläne auch gegen Widerstand, wie jeder Konflikt, nicht mehr ausgehalten und als Intoleranz gebrandmarkt wird in Folge eines Toleranzbegriffs, der ‚anything goes‘ verlangt, ohne konkret anzugeben, wohin das führen soll. Dahinter steht wohl eine Melting-pot-Ideologie, die nicht einmal in den Vereinigten Staaten so stimmt – das heißt dann, jeder darf tun, was er will, solange er sich als Opfer stilisiert, und über alle, die nicht seiner Meinung sind, jammert, wobei er jegliche konkrete Auseinandersetzung mithilfe des Political Correctness Jargons und möglichst exotischer Statistiken zudeckt, statt sich an Logik und Argumente zu halten. An der subjektiv gefühlten schlechten Laune sind immer die anderen, die Täter, schuld. Selbstbewußtsein und Eigenverantwortung schauen anders aus. Der von Ihnen angesprochene Tugendterror fördert so zuerst einmal die Untugend der Wehleidigkeit – und die Unduldsamkeit gegenüber Argumenten, die die eigene Befindlichkeit stören oder auch nur stören könnten.
Es geht dabei nicht mehr um die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Als vor Jahren die Bezeichnung ‚Fräulein‘ für unverheiratete Frauen abgeschafft wurde, hat dies nichts an der Tatsache geändert, daß es Frauen ohne Ehering gibt. Wie auch? Was die Lage der Frauen geändert hat, waren die Pille und die zunehmende Zahl an Scheidungen – die Ablehnung einer sexuellen Beziehung konnte nicht mehr mit der verständlichen Sorge vor den möglichen Folgen argumentiert werden, die Ehe wurde zu einem Schönwetter-Vertrag, der im Krisenfall nicht mehr hielt. Eine langfristige Planung mit Kindern wurde so obsolet, gefragt und gefördert wurden kurzfristige Konsum- und Eventbedürfnisse sowie die dafür nötige individuelle Finanzierung.
Es ist wohl auch für Asylbewerber aus Darfur herzlich egal, ob sie als Neger, Schwarze oder Afrikaner bezeichnet werden, solange sie fürchten müssen, wegen Schwarzfahrens in Schubhaft zu kommen – die Gefahr, daß ein Inuit in Österreich beleidigt wird, weil er Eskimo genannt wird, ist wohl noch geringer. Aber ein seltsam schaler Nachgeschmack bleibt mir: Wenn ich gezwungen werde, von einer Sprachgewohnheit abzugehen, muß ich unbeabsichtigt ständig aufpassen, keinen Fehler zu machen und vielleicht wieder das bisher übliche Wort zu verwenden. Das führt zu Aufmerksamkeit, aber auch zu Verärgerung. Diese Verärgerung wendet sich nicht unbedingt gegen diejenigen, die diese Wortspielereien zu verantworten haben, sondern viel leichter gegen diejenigen, die es betrifft. Ein Behinderter ist ja wirklich behindert, ein ‚normales‘ Leben zu führen, was ihn nicht hindern muß, sein je eigenes Leben erfolgreich zu gestalten – Herr Minister Schäuble ist da zweifellos ein herausragendes Beispiel. Dies kleinzureden mit ‚besonderen Bedürfnissen‘ – wer hat die nicht? ist eigentlich eine Frechheit. Wenn die Zigeuner in Europa aufgeteilt werden in Stämme der Sinti und Roma, dann kann ihnen ein eigener Status viel leichter verwehrt werden – es handelt sich dann bloß um ‚Stämme‘, die in Europa durch die Bildung von Nationalstaaten längst weitgehend irrelevant geworden sind. Das mag die Assimilation vorantreiben, die Integration bei Beibehaltung eigener Kulturelemente aber verunmöglichen. Meinem Gefühl nach führt daher ‚Political Correctness‘ zu einem unterschwelligen Widerwillen den so angesprochenen Menschen gegenüber, weil Vorurteilen und Benachteiligungen von Seiten der Betroffenen gar nicht mehr widersprochen werden können – der andere hat sich ja durch die Verwendung des ‚richtigen‘ Begriffs als aufgeklärter, guter Mensch deklariert, was anerkannt werden muß. Will der tatsächlich Diskriminierte sich dagegen wehren, kann ihm sogleich vorgeworfen werden, daß er die Bemühung des korrekten Sprachgebrauchs nicht würdigt – und die Beweislast wird umgedreht.
Weiters ist es in Diktaturen üblich, vorsichtig zu sprechen, nach dem Muster ‚Feind hört mit‘. Es ist mir nicht wohl bei dem Gedanken, daß vielleicht so Minderheiten durch Sprachregelungen als mögliche Feinde perfid in die Ecke gedrängt werden, weil sie einen vielleicht wegen falscher Worte anschwärzen könnten und man sich dann im Recht fühlt, sich vorsorglich dagegen zu wehren.
Nun ist es selbstverständlich, daß jede Minderheit im eigentlichen Wortsinn diskriminiert wird, da sie als von der Mehrheit unterschieden wahrgenommen wird. Das ist ihr gutes Recht in einer pluralistischen Gesellschaft, und letztlich gehört wohl jeder irgendeiner Minderheit an – das kann auch Österreicher betreffen, Bauern, Intellektuelle, Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr oder auch Menschen, die unter chronischen Krankheiten leiden. Doch Diskriminierung darf nicht mit absichtlicher Benachteiligung oder gar Verfolgung gleichgesetzt werden. Denn es ist die Verschiedenheit der Lebewesen, die ihr biologisches Überleben in je unterschiedlichen Nischen sichert, und sie ist bei den Menschen spätestens seit der Steinzeit Grundlage der Arbeitsteilung und das Erfolgsrezept jeglicher Gemeinschaft und Gesellschaft. Förderung von Diversität und positive Diskriminierung ist daher prinzipiell erfreulich.
Wie Sie richtig sagen ist es relativ leicht, auf symbolischer Ebene - in gemütlichen Gesprächskreisen Gleichgesinnter, in Verordnungen auf Papier oder per E-Government - eine ideale Gesellschaft zu fordern, in der nicht geraucht, nicht getrunken, nicht Auto gefahren wird und jeder in seinem Lieblingsberuf so viel verdient, wie er sich wünscht. In der konkreten Welt dagegen wird die Suche nach Gerechtigkeit, der notwendigen Kehrseite der Arbeitsteilung, also nach Teilnahme und Teilhabe an gemeinsamer Arbeit und Wohlstand, mühsam und spannend sein, wie das immer schon der Fall war - als ureigenste Aufgabe unvollkommener Menschen in einer unvollkommenen, dynamischen, kreativen Welt.

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