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20/2018 - Planetare Grenzen
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Ungelesen , 01:18
Planetare Grenzen

Wie viel Raum braucht die wilde Natur? Neo-grüne Ideen bergen eine Schreckensvision, „halbe-halbe“ ist möglich. Ein Gastkommentar.

| Von Bernhard Kohler

Eine neue, grimmige Heilslehre braut sich am düsteren Horizont unserer Zukunftsaussichten zusammen. Sie erzählt vom „Ende der Natur“ und vom nunmehr endgültig angebrochenen Zeitalter des Anthropozäns – dem Zeitalter, in dem menschliche Einflüsse fast alle Prozesse auf dem Planeten prägen, die vormals als „natürlich“ galten. 2009 hat ein Forscherteam neun „Planetary Boundaries“ definiert, die für die ökologischen Belastbarkeitsgrenzen unserer Erde stehen. Eine aktuelle Analyse zeigt, dass die Menschheit diese Belastbarkeitsgrenzen bereits in vier Bereichen überschritten hat: beim Klimawandel, beim Biodiversitätsverlust, bei der Intensität der Landnutzung und bei der Veränderung der natürlichen Stickstoff- und Phosphor-Kreisläufe. Das Anthropozän scheint also unabweisbare Realität zu sein. Was aber folgt daraus?
Die Vertreter der neuen Heilslehre, die sich gern als „Neo-Environmentalists“ bezeichnen, meinen, dass es angesichts des Ernstes der Lage zunächst nötig sei, mit überkommenen Vorstellungen aufzuräumen. Wilde, vom Menschen unbeeinflusste Natur – das war gestern, wenn es sie überhaupt je gegeben hat. Naturschutz als das Bestreben, die Natur in all ihrer Vielfalt, Eigenart und Schönheit zu bewahren – ein naiv-romantisches Unterfangen, das im besten Fall überflüssig, im schlechtesten Fall gefährlich ist. Der Natur mehr Platz einräumen, Schutzgebiete einrichten, den Einfluss des Menschen zurücknehmen – ein menschenfeindlicher Plan, der auf einem überholten Weltbild beruht, wonach Mensch und Natur zwei gegensätzliche Pole darstellen.

Abfinden mit Artenverlust?

Stattdessen, so meinen die „Neo-Greens“, komme es in der jetzigen, bedrängten Lage darauf an, die Dinge in die Hand zu nehmen, zu gestalten, Win-win-Situationen zu schaffen. Natur also nur dort zu schützen, wo sie uns nützt – und indem man sie nutzt. Wir müssten all jene Ökosystemleistungen, die für unser Überleben unverzichtbar sind, völlig unter Kontrolle bringen und zum eigenen Wohl manipulieren. Es gehe darum, durch kluge Ressourcennutzung einer rasch wachsenden Weltbevölkerung die Lebensgrundlagen zu sichern. Wenn dabei manches auf der Strecke bleibt – unbesiedelte Landschaften oder nutzlose Arten – wen kümmert’s? Wir sollten uns endlich damit abfinden, dass Arten verschwinden werden, die schlecht an die Bedingungen des Anthropozäns angepasst sind: gar jene, die den Menschen in seinem Wirtschaften stören – besser weg damit, denn „sie haben in unserer Kulturlandschaft keinen Platz“!
Diese Kulturlandschaft soll eine globale sein, daran lassen die „Neo-Environmentalists“ keinen Zweifel. Ihre Vision unseres Planeten ist die eines Gartens – eines wohlgeordneten, gesunden Gartens, in dem (fast) alles der menschlichen Kontrolle unterworfen ist. Ein neues Eden also? Nicht ganz, denn es wäre ein Garten Eden ohne Schlange, und auch ohne Baum der Erkenntnis. Und so etwas wäre in Wirklichkeit eine Schreckensvision. Die Menschheit kommt ja definitiv nicht aus einem schlangenfreien Paradiesgarten. Der Garten Eden der menschlichen Entwicklungsgeschichte war vielmehr ein sehr ausgedehnter, wilder Garten, mit viel unkontrollierbarer Natur, mit Schönem und Schrecklichem, Gefährlichem und Nützlichem, und vor allem – mit viel Unvorhergesehenem. Viele Wesenszüge des Menschen leiten sich aus den Geschehnissen in diesem wilden Garten, dem Schauplatz der Evolution, ab. Dazu gehört das tiefe Bedürfnis nach Auseinandersetzung mit ungezähmter Natur, die wir seit alters her Wildnis nennen. Dazu gehört auch der Wunsch, die unvorstellbare Vielfalt, Seltsamkeit und Vielgestaltigkeit unserer Mitgeschöpfe kennenzulernen – also das zu entdecken, was wir heute als Biodiversität bezeichnen.

Die großen Spuren des Henry David Thoreau

Für das Erleben von Wildnis und die Erfahrung einer schier unendlichen biologischen Vielfalt ist im planetaren Garten der Neo-Greens jedoch kein Platz. Übrigens auch nicht für den Baum der Erkenntnis, der manche seiner Wurzeln eben im unendlich Wilden hat. Sehr treffend hat dies der Vater der amerikanischen Wildnis-Bewegung, Henry David Thoreau, in seinem Klassiker „Walden oder Leben in den Wäldern“ (1854) formuliert: „Sobald wir es uns ernstlich angelegen sein lassen, alles zu erforschen und zu lernen, verlangen wir zu gleicher Zeit, dass alles geheimnisvoll und unerforschbar sei, dass Land und Meer unendlich wild und von uns unergründet bleiben, weil sie unergründlich seien. Wir können von der Natur nicht genug bekommen …“
Natürlich war es gerade Thoreau, der nach seinen Lebensführungs-Experimenten genau wusste, dass der moderne Mensch der Wildnis entwachsen ist und nicht dauerhaft in ihr, geschweige denn von ihr leben kann. Ernährungssicherheit, Gesundheit, Wohlstand und sozialer Friede in unseren Gesellschaften erfordern ein gerüttelt Maß an Eingriffen in die Natur, an wohlüberlegter Landnutzung, das ist keine Frage. Also doch der Garten? Nicht unbedingt. Thoreaus Idealvorstellung war die eines Nebeneinanders von Naturnutzung und Wildnis, das Menschen die Möglichkeit gibt, je nach Bedarf zwischen den beiden Bereichen hin und her zu wechseln. Seine wohl berühmteste Aussage: „In der Wildheit liegt die Erhaltung der Welt“ wurde vor dem Hintergrund dieser unvermeidlichen Ambivalenz gemacht.
Thoreaus Diktum gewinnt heute unerwartet an Aktualität. Wenn es wahr ist, dass der Mensch zum Überleben auch wilde Natur braucht, wie viel Platz muss er ihr dann einräumen? Die Diskussion über diese Frage wird nun angesichts weltweit zunehmender Ressourcen- und Landnutzungs-Konflikte intensiv geführt. In den 2012 in Nagoya beschlossenen „Aichi-Targets“ haben sich die 196 Unterzeichnerstaaten der Biodiversitäts-Konvention verpflichtet, bis 2020 der Natur auf 17 Prozent der Land- und zehn Prozent der Meeresflächen Vorrang einzuräumen, das heißt Schutzgebiete einzurichten. Damit ist die ganze Bandbreite an Schutzgebietskategorien gemeint, wie sie die „International Union for the Conservation of Nature“ (IUCN) unterscheidet. Es deckt also auch Gebietstypen ab, die eine schonende land- und forstwirtschaftliche Nutzung zulassen.

„Nature Needs Half“

Die Diskussion über diese Zielwerte drehte sich lange um die Frage, ob sie erreichbar sind. Die Antwort ist heute ein vorsichtiges „Ja“, denn der weltweite Flächenanteil an Landschutzgebieten lag 2016 schon bei 15 Prozent. Allerdings hat sich die Diskussion längst zu der Frage hin verlagert, ob denn diese rein politisch definierten Ziele ausreichen werden, um die Biodiversität zu retten. Die Antwort ist hier ein sehr bestimmtes „Nein“. Eine wachsende Gruppe von Wissenschaftlern folgert aus Studien, dass der Natur auf mindestens 50 Prozent der Fläche Vorrang eingeräumt werden müsste, wenn man bis 2050 die internationalen Naturschutzziele erreichen möchte. Denn Biodiversität ist flächenabhängig: Artenreichtum, komplexe Beziehungsgefüge und Resilienz gegenüber Störungen benötigen vor allem eines: Raum. Mit einem Zielwert von 50 Prozent an geschützter Fläche sollte es möglich sein, 80 Prozent der weltweiten Biodiversität und damit auch viele für den Menschen lebenswichtige Ökosystemleistungen zu erhalten.
Dieses Konzept sorgt unter dem Schlagwort „Nature Needs Half“ für Aufregung. Edward O. Wilson, einer der weltweit führenden Evolutionsbiologen, hat sich mit seinem packenden Buch „Half Earth“ (2016) an die Spitze dieser Bewegung gesetzt. Während Kritiker Wilsons Buch als passionierten Weckruf angesichts der Biodiversitätskrise beschreiben, wurde ihm auch vorgeworfen, dass er recht naiv den Glassturz über die Hälfte der Welt stülpen möchte. Aber dieser Vorwurf ist nicht richtig: Die geschützte Hälfte sollte auch nach Wilsons Vorschlägen nicht nur aus strengen Wildnisgebieten und Nationalpark-Kernzonen bestehen. Einen guten Anteil würden Gebiete mit schonender Landnutzung sowie Korridorflächen ausmachen. Zudem müsste die Umsetzung des 50-Prozent-Ziels geografisch und nach Ökoregionen differenziert erfolgen. Eine Studie hat 2017 gezeigt, dass die 50 Prozent weltweit noch möglich wären – jedoch muss zwischen Gebieten unterschieden werden, in denen das Ziel noch ohne allzu große Anstrengungen erreicht werden könnte und solchen, in denen es nur mit hohem Renaturierungs-Aufwand umzusetzen ist. Und schließlich gibt es Regionen, wo allenfalls noch Schadensbegrenzung möglich ist.
Die Schlüsselfrage aber lautet: Entscheiden wir uns für das neo-grüne Gartenmodell oder für ein wirklich faires Teilen? Ersteres könnte problemlos an die Tradition des alten „Macht Euch die Erde untertan“ anknüpfen, allerdings mit mehr Arroganz und diesmal ganz ohne göttlichen Auftrag. Die zweite Option wurzelt ebenfalls in guter abendländischer Tradition: Sie erfordert Zurückhaltung, Demut und Respekt vor dem Leben. Hoffen wir, dass wir uns zu Letzterem durchringen können!

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  01:19:05 06.15.2005