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06/2017 - Diagnose: schneesüchtig!
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Ungelesen 08.02.2017, 06:13
Diagnose: schneesüchtig!

Ohne künstliche Beschneiung gibt es zwar einen Winter, aber keinen Skitourismus mehr. Tausende Schneekanonen machen in Österreich die Fläche des Fürstentum Liechtensteins weiß – Segen und Fluch zugleich.


| Von Wolfgang Machreich


Schnee ist ein Zauberer. Wer es nicht glaubt, braucht nur Kindern zuschauen, denen Schneeflocken ums Köpflein wirbeln. Schnee ist ein Verzauberer. Wer es nicht glaubt, braucht nur Wintersportorte im Frühling besuchen, wenn die weiße Pracht wegtaut und sich die Bausünden in all ihrer Hässlichkeit präsentieren. Schnee ist ein Entzauberer. Wer es nicht glaubt, braucht nur Autofahrer beobachten, wenn sie auf der rutschigen Unterlage mit ihren Fahrkünsten an unüberwindbare Grenzen stoßen. Schnee ist Magie und seine Zauberkraft macht Schnee zur Droge, zu etwas Schönem und Gefährlichem zugleich.
„Crystal Myths“, der Titel eines Schnee-Aufsatzes im Alpenvereinsjahrbuch „Berg 2017“ (Tyrolia-Verlag), trifft insofern die Sache mit dem Schnee auf den Punkt. Zu den Wirkungen von Methamphetamin und der Modedroge „Crystal Meth“ heißt es im Lexikon: verleiht kurzzeitig Selbstvertrauen, ein Gefühl der Stärke und dem Leben eine ungewohnte Geschwindigkeit; eine häufige Einnahme führt zu Gewöhnung und schleichendem Wirkungsverlust, der oft eine Dosissteigerung zur Erzielung der ursprünglichen Wirkung nach sich zieht …

Abhängig vom weißen Gold

Die Parallelen zwischen den Drogen- und Schneekristallen liegen auf der Hand. Wobei Schnee nicht nur Einzelpersonen süchtig machen und in immer (lawinen-)gefährlichere Situationen locken kann, sondern ganze Talschaften und Regionen in Abhängigkeit davon geraten lässt. Oder wie es ein Damülser Schneearbeiter im genannten AV-Jahrbuchartikel auf Vorarlbergerisch sagt: „Mir lebat ja vom Schnee.“
Diese Einschätzung gilt zweifellos für die meisten Alpenregionen. Die Älpler und ihre Wirtschaft sind zu Schnee-Junkies geworden, und die Industrie- und Wirtschaftszweige rund ums Skifahren (passender wäre: die dicken Wirtschaftsäste) hängen allesamt am Kunstschnee-Tropf. Um dieses Lebenselixier ausreichend zur Verfügung zu haben, werden in Österreich rund 60 Prozent der Pistenfläche, das sind etwa 14.000 Hektar, technisch beschneit. Zur besseren Einordnung der Größenverhältnisse: Das ist annähernd die Fläche des Fürstentum Liechtensteins. 154 Millionen Euro wurden allein in der heurigen Saison in die Schneeerzeugung investiert. Der Begriff „weißes Gold“ ist damit alles andere als nur mehr symbolisch gemeint. 62 Millionen Kunstschnee-Euro entfallen dabei laut Berechnungen des Fachverbandes der Österreichischen Seilbahnen auf Tirol. Dort sind auch bereits über 80 Prozent der Pisten potenzielles Einsatzgebiet für Schneekanonen und Beschneiungsanlagen. Ohne künstliche Beschneiung im November und Dezember wären allein in diesen zwei Monaten 4,2 Millionen Skitage weniger und ein Umsatzminus von einer halben Milliarde Euro zu verbuchen, heißt es seitens der Tiroler Wirtschaftskammer.
Dass sich die enormen Investitionen in eine Frau Holle 2.0 mit Strom- und Wasseranschluss mehr als rechnen, dafür besteht auch für den Obmann des Fachverbandes der Seilbahnen Österreich, Franz Hörl, kein Zweifel: „Würde allein die Zeit um Weihnachten und Silvester aufgrund Schneemangels ausfallen, hätte dies für die Tourismusbranche in Österreich ein Minus von rund 900 Millionen Euro zur Folge.“ Davon müssten die Seilbahnunternehmen rund 200 Millionen an Minus verbuchen, rechnete Hörl der Austria Presse Agentur (APA) vor, den viel größeren Teil des Verlustes hätten aber die Gastronomie, Hotellerie und alle anderen am Wintertourismus hängenden Klein- und Mittelbetriebe zu verkraften.
An einem schneearmen Winter hätte Franz Hörl somit gleich mehrfach wirtschaftlich zu leiden. Der Seilbahnen-Sprecher ist nämlich auch und vor allem Hotelier im Zillertal. Und als solcher hatte er wenig Freude mit der „Fake-Werbeanzeige“ im aktuellen Greenpeace Magazin, das sich passend zu einem Alpen-Schwerpunkt ironisch, satirisch (Hörl würde wohl eher sagen: zynisch) mit der Zillertal-Werbung befasst hat. Herausgekommen ist ein Werbe-Sujet in klassischem Holzrahmen, das Schneekanonen in allen Farben zeigt und mit folgendem Fake-Slogan um Ski-Gäste wirbt: „Des bissl Klimawandl isch uns wuascht – mia machen Winter!“ Greenpeace möchte damit, so der Beipacktext, auf den grassierenden „Winter aus der Retorte“ im Alpenraum und den negativen Folgen für die Natur hinweisen. Dabei zeigt die internationale Umweltschutzorganisation durchaus Verständnis dafür, „dass die Tiroler sich mächtig ins Zeug legen und Abermillionen investieren, um den Winter festzuhalten. Die Tourismusbranche ist der mit Abstand wichtigste Wirtschaftszweig“. Kritikwürdig ist für Greenpeace jedoch, „dass die Skigebiete, ob im Zillertal oder anderswo, nicht weiter in die Zukunft blicken und sich an die Spitze der Klimaschutzbewegung setzen. Nirgends in Europa sind die Auswirkungen der Erderwärmung schon heute so deutlich sichtbar wie in den Alpen, und langfristig sind die Prognosen düster …“

Technischer Schnee

Von den Salzburger Nachrichten mit dieser Kritik konfrontiert, antwortete Hörl mit dem Vorwurf der „Geschäftsschädigung“: „Es wird versucht, den Menschen in unseren Herkunftsmärkten ein schlechtes Gewissen einzureden. Indem man das Skifahren verteufelt.“ Als Strippenzieher hinter dieser Negativ-Kampagne sieht der Seilbahnen-Sprecher aber vor allem Funktionäre des Alpenvereins und der CIPRA: „Diese Herrschaften, die so wettern, nutzen dann aber unsere Kunstschneepisten zum Tourengehen.“
Damit sind wir beim „Crystal Fight“ gelandet: Alpenverein und die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA stehen in diesem „Drogenkrieg“ auf Seiten von Prävention wie Prohibition und fordern Entzug vom „gekauften Winter“ und diesem weder ökonomisch noch ökologisch nachhaltigen „ressourcenintensiven Luxus“. Die Seilbahnen- und Tourismusbranche hingegen fordert die uneingeschränkte Legalisierung des „weißen Golds“ auf künstlicher Basis. Wobei man in der Branche den umgangssprachlichen Begriff Kunstschnee mittlerweile durch die Bezeichnung „technischer Schnee“ ersetzt hat. Dahinter steht die Image-Strategie, dass „Kunstschnee“ doch eigentlich nicht künstlich sei, sondern „nur“ mit technischen Hilfsmitteln hergestellter „echter Schnee“.

Die Sucht nach Schnee

Bei weitem nicht nur der Ökologe und Schnee-Guru an der Universität Innsbruck, Christian Newesely, widerspricht dieser Verkaufsstrategie, künstlich erzeugten Schnee als echten verkaufen zu wollen.
Newesely beschreibt Kunstschnee als „Eis in Zwetschgenform“. Denn von der Mündung der Schneekanone bis zum Auftreffen am Boden habe der Kunstschnee zuwenig Zeit, um Kristalle in der Form von Schneesternen bilden zu können, erklärt er im AV-Jahrbuch 2017: „Es entstehen stark abgerundete Eispartikel. Diese lassen sich zu sehr kompakten Schneedecken verdichten.“ Mit all den damit einhergehenden negativen Folgen für Flora und Fauna: Die Böden auf diesen Hängen und das Wild in diesen Regionen geraten in Dauerstress, die Vegetation leidet, die Artenvielfalt verringert sich. Hinzu kommen die riesigen Eingriffe in die Bergnatur für Speicherbecken, Gräben für Wasser-, Druckluft- und Stromleitungen, Pump- und Kompressorstationen, Kühlanlagen, Zubringerstraßen …
Eine Voraussage, wie es im Schnee-Drogenkrieg weiter geht, ist leicht: Das Gegenrechnen der positiven und negativen Folgen wird weitergehen. Beide Seiten haben gewichtige Argumente parat. Beide Seiten werden sich auch weiter annähern, die einen naturnäher und nachhaltiger werden, die anderen ihre berechtigte Kritik mit dem notwendigen Pragmatismus dämpfen. Denn eines verbindet ja die Skiindustrie und die Berg- und Naturfreunde: Beide sind schneesüchtig, oder wie es ein Vorarlberger sagt: „Mir lebat ja vom Schnee.“

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