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33/2017 - Der Siegeszug des Air Conditioning
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Ungelesen , 07:35
Der Siegeszug des Air Conditioning

Klimakontrolle ist einer der ältesten Träume der Menschheit. Sie zielt heute darauf ab,
eine weltweite Komfortzone für hart arbeitende und fleißig konsumierende Menschen zu schaffen.


| Von Eva Horn


Air-Conditioning (A/C) wurde Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt – zunächst allerdings nicht zur Erhöhung des menschlichen Komforts. Die ersten Klimaanlagen dienten hitze- und feuchtigkeitsempfindlichen Produktionsprozessen, wie Druckverfahren oder Fleischverarbeitung. In den 1920er Jahren zog die Klimaanlage in die amerikanischen Kinos und Kaufhäuser ein, die in der erstickenden Sommerhitze unter starkem Kundenschwund litten. Seit den fünfziger Jahren erobert Klimatechnik von den USA aus die Privathaushalte und Großraumbüros der ganzen Welt. In Singapur etwa geht über die Hälfte der verbrauchten Energie in Kühlanlagen. In den USA haben nur noch fünf Prozent der neueren Bauten keine zentrale A/C. Indien und China sind explodierende Wachstumsmärkte für Klimatechnologie, und selbst in Mitteleuropa gibt es praktisch keine neueren Hochhäuser mehr, die keine Klimaanlage besäßen.

Prozess der „Insulation“

Stan Cox, der ein Buch über den Siegeszug des Air-Conditionings in den USA geschrieben hat („Losing our Cool“, 2012) schätzt, dass heute eine Trillion Kilowattstunden Strom jährlich für Kühlung verbraucht werden. Niederländische Forscher erwarten gar eine Verzehnfachung dieses Verbrauchs bis 2050. Auch in Österreich boomt der Einbau von Klimaanlagen nicht nur in öffentlichen Gebäuden wie Krankenhäusern. Seit den Hitzewellen von 2003, 2006, 2010, 2013 und 2015 werden sie auch zunehmend in Privathäusern installiert.
Air-Conditioning erfüllt einen der ältesten Menschheitsträume: eine Welt ohne Hitze oder Kälte, ohne Regen, Schnee oder Schwüle, ohne Staub und Wind. Die künstliche Klimatisierung erzeugt einen Raum ohne Wetter und ohne Temperaturextreme, einen Raum ohne meteorologische Überraschungen und saisonale Rhythmen. Sie temperiert einen Raum gemäß der immer schmaler werdenden menschlichen Komfortzone. „Gerade richtig“, wie es im englischen Märchen von „Goldilocks“ heißt, weder zu warm noch zu kalt, weder zu nass noch zu trocken. Natürlich heißt das nicht notwendig Kühlung. Menschheitsgeschichtlich bedeutete das Projekt einer Temperierung der Umgebung zunächst, sich schützende Behausungen zu suchen oder zu bauen, eher Kapseln der Wärme als der Kühle. „Insulation“ nennt das der Philosoph Peter Sloterdijk – und sieht darin die grundlegende Geste eines menschlichen In-der-Welt-Seins, das sich lebbare „Sphären“ schafft, in denen es vor feindlichen oder unangenehmen Einflüssen geschützt ist.
Was sagt Air-Conditioning über uns? Der Mensch schafft sich seine Welt, indem er für sich komfortable Atmosphären schafft. So beginnt das Anthropozän – jene Epoche, in der der Mensch seinen unauslöschlichen Abdruck in den geologischen Schichten der Erde hinterlassen hat – vielleicht nicht erst, wie der Nobelpreisträger Paul Crutzen vorgeschlagen hat, mit der Industriellen Revolution, die um 1800 durch die Dampfmaschine ihren Aufschwung nahm. Seit ihrer Sesshaftwerdung nach der Eiszeit ändern Menschen Landschaften und ihr jeweiliges Mikroklima durch Kulturtechniken. Zivilisation beginnt als Herstellung einer dem Menschen zunehmend angepassten, von ihm bearbeiteten und genutzten Natur. Klima-Kontrolle ist damit nicht ein Produkt der Komfortgesellschaft des 20. Jahrhunderts, sondern Kern des zivilisatorischen Projekts, sich von den Fährnissen der Natur zu befreien; gerade da, wo sie sich uns nicht als greif- und gestaltbares Ding, sondern als flüchtige Atmosphäre zeigt. Diese Atmosphäre umfängt und durchdringt uns unausweichlich. Die Überraschungen des Wetters und der unerbittliche Gang der Jahreszeiten sind seit alters her Inbegriff dessen, was der Mensch weder planen noch beeinflussen kann. Das Wetter ist eine Bühne der Götter und ihrer Launen; das Klima eine Kraft, die Körper und Geist der Menschen prägt. Oder wie Johann Gottfried Herder schön wortspielerisch formulierte: „das Klima neigt.“ Hitze neigt uns zur Schlaffheit, Kälte zur Bewegung.

Träume und Utopien

Das Klima ist Inbegriff dessen, was auf den Menschen in seinem Lebensraum einwirkt, eine atmosphärische Gegebenheit, die ihn und seine Umwelt formt, auch wenn sie als Hintergrundphänomen kaum wahrgenommen wird. Klima ist der Stempel der Natur auf dem Leben, der Kultur, dem Körper und dem Geist der Menschen. Der moderne Mensch aber definiert sich als selbstbestimmt, frei von Nebensächlichkeiten wie der herrschenden Lufttemperatur. Die Moderne träumt davon, die Prägung des Menschen durch die Atmosphäre abzuschütteln und Welten zu schaffen, in denen das Klima entweder keine Rolle mehr spielt oder eine Option geworden ist: als Kühlraum in den Tropen, als gutgeheizte Wohnstube in nördlicheren Breiten.
So zeigt sich das moderne Projekt der Naturbeherrschung besonders prägnant in den Träumen und Utopien von einer restlos an die menschlichen Bedürfnisse angepassten Atmosphäre. Nicht zufällig wird schon in Thomas Morus’ „Utopia“ (1516) erwähnt, dass die Bewohner der Insel sich nicht nur „durch gemäßigte Lebensweise“ dem Klima ihres Landstrichs anpassen, sondern es auch fleißig durch Ackerbau und Abholzung zu ihren Gunsten beeinflussen. Eine geordnete Gesellschaft herzustellen, so scheint es, bedeutet auch, Kontrolle über die Atmosphäre zu erlangen, in der sie sich ansiedelt. Aristoteles, Montesquieu oder auch Kant erklären daher die „gemäßigte“ oder „temperierte Zone“ für ideal. In dieser Zone (in der natürlich immer der Wohnort des jeweiligen Philosophen liegt) herrscht das optimal ausgeglichene Klima, der Mensch ist frei vom Zwang extremer Klimate. Hier herrschen Verstand und Maß – und darum können dort am ehesten zivilisatorische Höchstleistungen erbracht werden.

Aufstieg der Glasarchitektur

1914 feiert der deutsche Literat Paul Scheerbart, vom Bauhaus inspiriert, Glasarchitektur als die Möglichkeit, „den Räumen, in denen wir leben, das Geschloßene zu nehmen“. Sie lässt „das Licht des Mondes und der Sterne nicht nur durch ein paar Fenster in die Räume – sondern gleich durch möglichst viele Wände (…) Das neue Milieu, das wir uns dadurch schaffen, muß uns eine neue Kultur bringen.“ Die seltsame Verschränkung von Innen- und Außenräumen, welche die Moderne zum Signum einer „neuen Kultur“ gemacht hat, wird heute immer weiter getrieben. Damit setzt die Architektur die anthropologische Norm vom „gemäßigten Klima“ ganz buchstäblich um, indem sie auch in den extremsten klimatischen Zonen Kapseln jener temperierten Luft schafft, die von europäischen und nordamerikanischen Theoretikern als ideal gepriesen wurde.
Großarchitektur arbeitet weltweit nach wie vor en masse mit (doppelten, technisch aufwendig verschatteten) Glasfassaden, die fast immer auf zentrale, extrem energieaufwendige Klimatisierung angewiesen sind. Gelegentlich wird ein Teil der dafür nötigen Energie dann durch Solarpaneele generiert, und schon darf sich das Ganze „nachhaltig“ nennen. Es ist eine offensichtliche Ironie, dass wir durch unsere Kühltechnologien tatsächlich eine Erwärmung des Außenklimas betreiben. Eine weniger offensichtliche Ironie besteht darin, dass wir gerade durch diese massive Temperierung zunehmend intolerant, wenn nicht ungeeignet für das extreme Klima werden, das zu schaffen wir im Begriff sind. Der Ökonom Gwyn Prins nannte unser weltweites Bedürfnis nach „coolth“ – Kühle – eine „Sucht“ von kaum bemerkten Ausmaßen, die sich wie eine Epidemie über den Globus ausbreite.
Nun ja: Wer wäre nicht süchtig nach Kühle in Dubai, Shanghai oder Phoenix, Arizona? Sich bei Umgebungstemperaturen unter 30 Grad Celsius wohler zu fühlen als bei Temperaturen deutlich darüber, ist sicherlich nicht krankhaft. Klar ist jedoch, dass wir vergessen haben, wie sehr Klima nicht nur unser körperliches Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit beeinflusst, sondern auch unsere Lebensformen prägt. Die mediterrane Siesta oder die angebliche „Faulheit“ der Tropenbewohner, die etliche Kolonialbeamte im 19. Jahrhundert beklagten, sind Formen einer „klimatischen Intelligenz“, einer Anpassung an das Klima.

Außenwelt als Innenraum

Wir Mitteleuropäer dagegen sind im Begriff, diese klimatische Intelligenz zu verlieren, oder haben sie als Einwohner der berühmten temperierten Zone vielleicht nie besessen. Wir rennen durch Singapur, als wäre es Bielefeld. Kollektiv sind wir ständig damit beschäftigt, uns von der Macht des Klimas zu befreien, während wir es zugleich durch unseren CO2-Ausstoß, den diese Befreiung bewirkt, massiv verändern. Wo immer wir hinkommen: Wir zählen auf ein standardisiertes, global gleichartiges Klima, um die 20 Grad Celsius bei 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Geboten wird es von einer ebenso standardisierten, überall auf der Welt gleichartigen, glasfassadenbewehrten Architektur, die weltweit das Klima eines angenehmen Frühlingstages in mitteleuropäischen Breiten simuliert. Unsere Außenwelt ist ein klimakontrollierter Innenraum geworden, den wir bestenfalls in den Ferien zu kurzen Ausflügen in extremere Klimate verlassen. Die Strecke von der Flughafentür zum Taxi und zur nächsten klimatisierten Zone wird immer kürzer. Vielleicht ist es Zeit, aus der weltweiten Klimakapsel herauszukommen: in die heiße oder kalte, feuchte oder trockene Luft, die uns dann erwartet.


| Die Autorin ist Professorin am Institut für Germanistik der Universität Wien
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Der Text basiert auf einem Beitrag in der Zeitschrift „Sinn und Form“ (2015) sowie einem Vortrag am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien (2017).

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  01:18:45 06.15.2005