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32/2010 - Der Welt neues Antlitz (Claus Reitan)
  #1  
Ungelesen , 13:41
Der Welt neues Antlitz

Vieles, was 2010 zu einem Katastrophenjahr macht, hat ursächlich auch mit den Folgen des Klimawandels zu tun. Diesem ist nur mit einer neuen Art von Wirtschaft zu begegnen, zu der trotz Krise die Bürger aufzurufen haben.

Von
Claus Reitan

Die erst fällige Jahresbilanz 2010 wirft ihre Katastrophen voraus: Russland erleidet die größten Brände seit 130 Jahren, Pakistan die wasserreichsten Überschwemmungen seit 80 Jahren, China die massivsten Erdrutsche seit 60 Jahren.
In krassem Widerspruch dazu scheiterten zeitgleich vorige Woche weitere Vorbereitungen für die globale Klimakonferenz, so, als hätte nicht alles mit allem zu tun. Nein, die Arktis-Anrainer nutzen vielmehr die Folgen der Erderwärmung, um entlang der schmelzenden Polkappe nach Bodenschätzen zu suchen.
Jedes für sich und erst recht alles zusammen ist unfassbar. Schon viel weniger an krassen Einzelheiten und an Widersprüchlichkeiten würde reichen, uns an jener Vernunft zweifeln zu lassen, die wir hinter der vom Menschen vorgenommenen Steuerung des Laufes der Dinge – wahrscheinlich vergeblich – vermuten.

Konfrontation von Klimawandel und Krise

Die Ursachen für die enormen Schwankungen im Wettergeschehen, für die hohen Temperaturen und massiven Niederschläge werden von den Experten gutteils der Veränderung des Klimas zugeschrieben. Doch die Erderwärmung einzuschränken hieße, in entwickelten Staaten die Wirtschaftsweise zu ändern und in den unterentwickelten jedenfalls nicht die Art unseres Wirtschaftswachstums zuzulassen.
Genau an der Einigung über diese Prinzipien scheiterten in Bonn die Klima-Gespräche, welche heuer im Dezember in Cancún zu jenem Erfolg führen sollten, der voriges Jahr in Kopenhagen ausblieb.
Die Satten diskutieren eben stets ungerührt über den Hunger und überlassen die Quittung jenen, die darunter leiden. Das sind heuer mehr als 2000 Tote der geschilderten Vorgänge sowie 12 Millionen in Sicherheit gebrachte Menschen, zudem1,2 Millionen zerstörte Häuser.
Wer das Dilemma der Bewältigung des Klimawandels voll zu erkennen versucht, muss die Krise der Wirtschaft mitdenken. Es kommen, nahezu unversöhnlich, zwei gegenläufige Entwicklungen aufeinander zu: Erderwärmung einzudämmen heißt, zugegebenermaßen etwas vereinfacht, weniger Wachstum. Die Krise zu bewältigen hingegen bedeutet, ebenfalls vereinfacht, endlich wieder Wachstum. Es ist augenfällig: Das geht nicht zusammen.
Die übliche, hier durchaus landläufige Antwort auf diese Feststellungen liegt in der von Achselzucken begleiteten Frage, was uns das angehe? China? Pakistan? Globale Wirtschaft? Es stimmt schon: Die Verantwortung für das Weltgeschehen steigt nicht mit dessen nachrichtentechnischer Übermittelbarkeit. Aber Kraft und Möglichkeiten, Macht allemal, stiften Verantwortung, nicht Vorrechte.
Verantwortung ist dort wahrzunehmen, wo die Entscheidungen fallen. Und jede und jeder kann, in sozialer Marktwirtschaft und Demokratie allzumal, über Produkte und Produktionsweisen per Konsum- und über Politik per Wahlverhalten mitbestimmen. Genau dieses Bewusstsein über diese Möglichkeit gilt es einzumahnen, was bereits vor sich geht.

Neue Kultur der Gemeinsamkeit

Gesine Schwan, Präsidentschaftskandidatin der SPD, plädierte bei den Salzburger Hochschulwochen für eine „neue Kultur der Gemeinsamkeit“ (siehe Seite 18 dieser Ausgabe). Diese bedeute einen „ganz anderen Umgang mit Natur, Energie und Klima“, welcher der Endlichkeit gerecht werde. Ihr Fachkollege, der deutsche Politikwissenschafter Claus Leggewie, fordert im Schrifttum des deutschen Bundestages „eine neue Kultur der Teilhabe und eine politische Mobilisierung“: Bürger hätten an der Transformation zu einer klimaverträglichen Wirtschaftsweise mitzuwirken.
Man mag solches als Äußerungen säkular gewordener Bußprediger abtun. Es ließe sich als Wiederholung diskreditieren. Unter Hinweis auf gescheiterte Konferenzen kann manches als aussichtslos erscheinen. Dies alles darf nicht gelten. Denn die Welt verändert ihr Antlitz in einer Weise, die niemand wünschen kann. Also ist zu handeln.

  #2  
Ungelesen , 20:19
Musikant Musikant ist offline
 
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Beiträge: 43
Am 3. Juli dieses Jahres fand im Freilichtmuseum Gerersdorf im südlichen Burgenland das zauberhafte „Heart Culture Fest“ statt – ausgerichtet von Jugendlichen und Jungfamilien mit Musikergästen aus ganz Österreich und Slowenien: die Organisation perfekt - Essen nach den Vorgaben der Nachhaltigkeit; die Kleider bunt und verrückt wie jene der Hippies, aber ohne die laszive Schmuddeligkeit von damals; Kinder (sehr viele Kinder!), die ihre spielerischen Aggressionen untereinander mit harmlosen Spritzpistolen auslebten, unter lustvollem Glucksen, aber ohne gellendes Gekreische, unflätige Ausdrucksweisen oder patziges Auftreten gegenüber den Erwachsenen - Kinder mit viel Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körper und jenem der anderen und gegenüber der Natur; Eltern, die kaum merkbar erzieherisch intervenierten. Die Botschaft: Wir handeln eigenverantwortlich zum Wohl der Erde und der Menschheit – „Yes we can“.
Das Bild steht in scharfem Kontrast zu jener Jugend, die als die verlorene Generation gilt. Das Herzkulturfest konnte einen lehren, was sich hinter dieser Silhouette dumpfer Fettleibigkeit und entfesselter Gewalt verbirgt: der frustrierte Wille, sich nützlich zu machen. Da reden die Schulvisionäre vom individualisierten Unterricht, als ob das Bedürfnis der Jugend nach individuellem Wissenserwerb in der Allgegenwart des Internet nicht schon bis zum Erbrechen befriedigt wäre. Jugendliche wollen wissen, was es für sie zu tun gibt auf diesem von Gier ruinierten, verzweifelt nach menschenwürdigem Wiederaufbau schreienden Planeten. Das missversteht die Erwachsenenwelt als bildungsignorante Bereitschaft zur Unterwerfung unter das Wirtschaftssystem und weist hin auf den unverzichtbaren Wert der Bildung vor der Ausbildung. Dieser Einwand würde ja alle Sympathie verdienen, würde er nicht dazu missbraucht, um von der Resignation abzulenken, die den Großteil der arbeitenden Bevölkerung – die LehrerInnen eingeschlossen – mittlerweile erfasst hat, von dieser achselzuckenden Kenntnisnahme nicht menschengemäßer und sinnzerstörender Arbeitsbedingungen, die mehr und mehr Berufstätige ins Burnout treibt.
Seit Menschengedenken kann man von der Jugend immens viel lernen, so lange man sie nicht als Lückenbüßer für die eigene Perspektivlosigkeit missversteht. Es braucht dazu selbstverständlich die reife Fähigkeit, Jugendlicher besser zu verstehen, als sie sich selber. Das Herzkulturfest wirkte wie ein unverdientes Geschenk außergewöhnlicher junger Menschen an lernwillige Erwachsene.
Elisabeth Ertl

Geändert von Musikant ( um 14:56 Uhr).

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