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05/2014 - Kiew, ein Wintermärchen (Oliver Tanzer)
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Ungelesen , 13:21
Kiew, ein Wintermärchen

Von Oliver Tanzer

Das Leben ist oft wie ein trauriges Märchen. Man stelle sich vor, es gäbe einen Herrscher, der außer sich selbst nur seine Macht liebt und seine Untertanen auch nur insofern gerne hat, als er sich Lob von ihnen für seine Regentschaft erwartet. Diese guten Taten aber gibt es nur in seiner Phantasie, und in seinem Land herrschen Armut und Arbeitslosigkeit, und es gibt keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft, da die Lakaien und Bücklinge um den Herrscher alle Reichtümer an sich raffen und die Beamten und Richter des Reiches korrupt sind, weil auch sie Teil des Systems sind. Dann einmal, es war Winter und bitterkalt, zogen die Untertanen vor des Herrschers Palast, um ihm zu sagen, dass sie eine neue Regierung forderten und Reformen. Sie taten das viele Wochen lang. Und was tat der Herrscher? Er schickte Soldaten und Polizisten mit Prügeln und Wasserwerfern auf den Platz, den die Demonstranten Maidan nennen.

Die Nacht der Wasserwerfer

Die Wasserwerfer begannen tief in der Nacht – es war exakt 2.30 Uhr, bei exakt minus 23 Grad Außentemperatur – Wasser zu werfen auf die vielen Tausend Menschen, deren einziges Vergehen darin bestand, für eine bessere Politik einzutreten. Bei minus 23 Grad überlebt man nasse Kleider bekanntlich nur wenige Minuten. Deshalb zogen die flüchtenden Menschen ihre Kleider aus und liefen zu den nächsten Gebäuden, um sich in Sicherheit und in die Wärme zu bringen. Dort aber, an all den Eingängen, standen Soldaten und Polizisten mit ihren Knüppeln und prügelten die vor Schmerzen und Kälte Brüllenden zurück in den Frost und zu den Wasserwerfern.
Was soll man also mit einem Herrscher machen, der solches befiehlt, dem das Recht nichts gilt, der Kundgebungen mit Terrorversammlungen verwechselt und sein Gewaltmonopol als Recht zum Sadismus auslegt?
Selbst das sanftmütige Christentum hat auf eine solche Frage immer eine eindeutige Antwort gefunden. „Was sind überhaupt Staaten nach der Beseitigung der Gerechtigkeit anderes als große Räuberbanden?“ fragt Augustinus von Hippo. Johannes von Salisbury meint, dass Tyrannen und schlechte Herrscher beseitigt werden dürften – auf welche Weise immer. Und Thomas von Aquin lehrt, dass „Untertanen nur solange zum Gehorsam verpflichtet sind, als es die Gerechtigkeit erfordert“.

Der lachende Präsident

Das gemeinsame Europa schmückt sich doch so gerne mit seinen christlichen Wurzeln. Welchen Rat hat es also für die Ukraine, und welchen Rat hat es für Präsident Viktor Janukowitsch, der sich mit der Ablösung seiner Marionettenregierung und der Rücknahme einiger Gesetze aus der Affäre ziehen will?
Die EU weiß, warum sich die Menschen auf dem Maidan zusammenschlagen lassen und trotzdem ausharren. Warum sie seit Tagen in allen Städten des Landes Amtsgebäude besetzen. Sie weiß, dass es Europas Werte der Freiheit und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft sind, welche die Ukrainer antreiben. Sie weiß, dass die Revolte losbrach, weil der Präsident sich weigerte, ein fixfertiges Assoziationsabkommen mit der EU zu unterschreiben, das neben verstärkter wirtschaftlicher Kooperation auch die Bekämpfung von Korruption und Vetternwirtschaft zur Folge gehabt hätte. Und was tut nun also die EU mit dem Protest der Ukrainer? Man schickt Politiker aus Brüssel als Abgesandte auf den Maidan, um Solidarität zu bekunden und spendet Worte und Pressemitteilungen. Eine traurige Sequenz matter Gesten.
Am Fenster seines Palastes könne man den Präsidenten manchmal lachen sehen, sagen die Tweets vom Euromaidan. Europa sollte das Seine tun, um dieses Lachen gefrieren zu lassen. Mit massiven Wirtschaftssanktionen und dem Einfrieren der Konten des Regimes. Es wäre an der Zeit, sich des geistigen Erbes Europas in Taten zu entsinnen, nicht in Reden. Die Menschen vom Maidan hätten es sich verdient. Und Janukowitsch auch. Die Ukrainer aber würden ihren Kindern noch lange davon erzählen, von einem märchenhaften Winter der Befreiung.

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