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50/2016 - Raufen und balgen wie die Wölfe
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Ungelesen , 08:30
Raufen und balgen wie die Wölfe

Der US-Psychologe Fred Donaldson hat mit „Original Play“ eine – nicht unumstrittene – Spiel-Philosophie gegen Gewalt entwickelt. Ein Besuch.


| Von Anja Melzer


Wenn Menschen in einem Kellergeschoss spielen, denkt man vielleicht an eine dunkle Spelunke mit Spielautomaten und Sportwetten. Doch hier, in einem Keller des „Wohnprojekt Wien“ nahe dem Praterstern, rollen Erwachsene und Kinder auf roten Turnmatten herum. Wobei: Eigentlich rollen die Kinder über die Erwachsenen. Gesprochen wird nichts, dafür gegurrt, gestöhnt, gequietscht, ja sogar gefaucht und geknurrt. Es ist Montagvormittag, und jeder trägt Socken. Ein älterer Mann mit Halbglatze und Vollbart, im rot-blau gestreiften Shirt und Funktionshose, krabbelt auf die Spielfläche, ein Bub ruft: „Hey, Opa!“
Der „Opa“ ist allerdings mit niemandem verwandt, die Kinder kennen ihn wahrscheinlich nicht einmal – und trotzdem hat sich hier unten so etwas wie eine globale Familie versammelt. Sie alle vereint die Vision vom „richtigen“ Spiel. Und der „Opa“ ist eine weltbekannte Kapazität auf dem Gebiet der ursprünglichen Spielkunst: Fred Donaldson, 73 Jahre alt, extra eingeflogen aus Amerika.
Er wählt zwei Buben aus, sie sind im Kindergartenalter, und sofort beginnen sie, ausgelassen mit ihm zu raufen. Sie brüllen, werden wilder, schnell fangen sie an, auf ihm herumzuhüpfen und ihn von hinten zu umklammern. Donaldson wirft sich auf den Bauch, flach wie ein Brett, und die Kinder stapeln sich übermütig auf ihm. Kurz bäumt er sich noch einmal auf, wie ein Rodeo-Pferd, dann sackt er wieder zusammen.

„Von Herzen spielen“

Was auf den ersten Blick ziemlich unkontrolliert und fremd anmutet, hat einen speziellen Namen – „Original Play“, ursprüngliches Spiel – und lässt sich vielleicht mit „kontrolliertem Raufen“ am besten umschreiben. Fred Donaldson, Psychologe und Spielwissenschaftler mit mehr als 40-jähriger Forschungserfahrung, ist der Begründer der Bewegung. Sein Buch „Von Herzen spielen“ war sogar für den renommierten Pulitzerpreis nominiert. Er hat die halbe Welt bereist, um seine angewandte Spieltheorie zu verbreiten. Heute ist er in Wien.
Es sieht aus, als würden die Erwachsenen Kinder durch die Luft schwingen, manche ringen miteinander, streicheln sich, an einer Ecke umkreisen sich vorsichtig zwei Ringelsockenträgerinnen in Raubkatzenpose. Jede Runde dauert ein bis zwei Minuten, immer solange, bis der Spielleiter klatscht.
Wenn man zu „Original Play“ recherchiert, dann halten sich wissenschaftliche Publikationen auffällig in Grenzen. Fred Donaldson hat auch keinen Wikipedia-Eintrag. Was man dafür findet, sind Flyer zu Kinderrechtsbewegungen oder zur Gewaltprävention – herausgegeben von österreichischen Länderregierungen, Ferienprogrammen oder Bildungsinstitutionen. Denn hinter „Original Play“, das wird schnell klar, steckt eine international vernetzte Szene mit der Vorstellung einer gewaltfreien Welt.
„Wir schlagen nicht, wir treten nicht und wir tun euch nicht weh.“ Donaldson kniet auf den Matten, er spricht in breitem amerikanischen Akzent. Jemand übersetzt den Kindern, alle nicken. „Wir können gemeinsam sein, aber ohne uns gegenseitig weh zu tun. Wir vergessen das manchmal, auch wenn wir groß sind, und darum brauchen wir euch, um uns wieder daran zu erinnern.“ Er sagt es zu den Kleinen, doch eigentlich ist es ein Plädoyer an die Erwachsenen in der Gruppe. Was hier stattfindet, ist ein Workshop. Sechs Männer und Frauen in Turnhosen und bunten Leiberln sind anwesend, sie absolvieren die Ausbildung zum Spielleiter.
„Original Play“, so kann man nachlesen, geht zurück auf das Spiel kleiner Kinder und freilebender Tiere. Donaldson hat mit allen gerauft: Grizzly-Bären, Wölfen, Kojoten, Füchsen, Delfinen. „Sie zerfetzten nicht nur meine Hosen, sondern auch viele meiner vorgefassten akademischen Ideen von der Welt“, schreibt er in seinem Buch. Er hat mit Gefängnisinsassen und Straßenkindern gespielt, mit behinderten und psychisch beeinträchtigten Menschen. Aus den Gemeinsamkeiten ihres Spielverhaltens zog er seine Philosophie: „Ihr Spiel kennt keine Regeln und keine Fehler, keinen Kampf und keine Konkurrenz, kein Gewinnen und kein Verlieren, kein Stark und kein Schwach, kein Ausgeschlossensein und keine Angst.“
Aber kann das funktionieren? Klassische Wissenschafter schütteln an dieser Stelle wohl den Kopf. Ihre Formel lautet: Spiel und Gewalt liegen ganz nah beieinander. Gerade das ursprüngliche, natürliche Spiel – darauf beharrt beispielsweise die Psychologie – enthält Elemente der Gewalt. Das ist bei allen Spezies so. Die aggressivste Phase durchlebt der Mensch dabei im Kleinkindalter: Man bezeichnet das auch als „Trotzphase“. Sie endet, wenn sich die kognitiven und verbalen Fähigkeiten weiterentwickeln – wenn ein Kind also in der Lage ist, alternative Lösungsstrategien zu erdenken und mit Worten zu verhandeln. Und auch die Biologie betont, dass Gewalt wichtig sei, um soziale Verhaltensweisen einzuüben und
Hierarchien zu bilden. Wer spielt, trainiert demnach Frustrationstoleranz und Mechanismen zur Stressbewältigung. Ob diese „Aggressionsanflüge“ im Spiel auch tatsächlich als spielerisch oder ernsthaft verstanden werden, hängt vor allem von der Komplexität der Gehirne ab. Je komplexer ein Tier, desto eher ist es in der Lage, diese Signale richtig zu interpretieren. Viele Arten verletzen sich aber häufig schwer. Sie reizen das Spiel aus bis an die Grenzen der Eskalation, die Linien zum Feindlichen und Aggressiven werden dann fließend. Und trotzdem ist das vollkommen natürlich. Beim Spiel optimiert sich die Gehirnentwicklung. Darum spielen Kinder und Erwachsene so unterschiedlich. Was spontan und unbewusst aussieht, ist also eigentlich nur eine evolutionär entstandene Nervenreaktion im Kopf.

Körperlich werden, ohne aggressiv zu sein

Wenn das aber automatisch bei allen so abläuft – muss man dann Kindern überhaupt beibringen, wie „natürlich“ spielen funktioniert? Das ist eine Frage, die Donaldson öfter hört. Seine Antwort: Viele Teenager hätten heute verlernt, mit Berührungen umzugehen, ja sie hätten regelrecht Angst vor ihnen, weil sie oft eine aggressive oder sogar sexuelle Konnotation in sich tragen würden. Deshalb sei es wichtig, körpernah zu spielen, wenn die Kinder noch klein sind – und das bis ins Erwachsenenalter beizubehalten.
Donaldson lehnt an der Wand und beobachtet seine Schüler. Manchmal nippt er an einem Cola. „Vor allem die Buben lernen ja heute, hart sein zu müssen, immer Stärke zu beweisen“, sagt er. „‚Original Play‘ hilft ihnen dabei, ihre Körper einzusetzen, ohne gleich aggressiv zu werden. Spiel ersetzt den kämpferischen Wettbewerb. Es geht darum, sich gut zu fühlen, ohne dass sich der andere schlecht oder unterlegen fühlt.“ Das Anti-Gewalt-Rezept lautet: keine Regeln, kein Spielzeug, nicht einmal Worte, nur Körperkontakt und Berührungen. Was dabei herauskommt, fasziniert Donaldson noch heute: „Alle Kinder sind unterschiedlich, aber das Aufregende ist: Alle spielen gleich – ob in Singapur, Österreich oder den USA.“
Hinter Donaldsons Konzept steckt auch eine spirituelle Ebene. Vielleicht steht ihm die Wissenschaft deshalb reichlich skeptisch gegenüber. Der Spielespezialist selbst würde sagen: Eine Ebene, die man fühlen und erleben muss, weil sie aus dem Herzen kommt. „Es ist ein göttliches, wundersames Mysterium. Wenn die Kinder spielen, vergessen sie ihren Hass. Und du gibst ihnen die Möglichkeit, ihr Verhalten zu modellieren.“ Seine Aufgabe sei es dabei, ihre Signale richtig zu werten und sie anzunehmen, auf eine Art, die ihnen keine Angst macht. Er nennt es: Geschenk. „Genau das ist die Kraft des Spiels, es funktioniert auf der ganzen Welt.“
Aus diesem Grund besucht Donaldson nun nicht mehr nur Kindergärten und Schulen, sondern verstärkt auch Flüchtlingsheime, um Kinder beim Spielen zusammenzubringen und Konflikte zu lösen – im Libanon wie auch in Österreich. Für ihn ist es ein Friedensauftrag. Begleitet wird er dabei vom Wiener Armin Knauthe. Der studierte Architekt und Pädagoge bezeichnet „Original Play“ als wirksames Werkzeug für Integration und Inklusion: „Wo man sich sonst nicht berührt, entstehen beim Spiel Vertrauen und Zugehörigkeit“, sagt er. Im Herbst letzten Jahres hat er den Verein „Original Play Österreich“ mitbegründet.
Die nächste Runde läuft. Zwei Kinder stürzen sich auf Donaldson, der richtet sich wie ein Gorilla auf und brummt. Ein kleines Mädchen, rosa Kleid und geflochtene Zöpfe, das ein bisschen so aussieht wie Astrid Lindgrens Lotta aus der Krachmacherstraße, wirft sich immer wieder jauchzend auf die Matten. „Wisst ihr”, lächelt Donaldson, „am Ende müssen einfach nur alle noch am Leben sein – wie beim Spiel mit den Wölfen.”

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  01:17:37 06.15.2005