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03/2009 - Jetzt aber schwarz auf weiß (Wolfgang Machreich)
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Ungelesen , 13:18
I Jetzt aber schwarz auf weiß

Barack Obama wollte den schwierigsten Job der Welt – in ein paar Tagen hat er ihn. Jetzt darf er den großen Worten keine kleinen Taten folgen lassen.

Von Wolfgang Machreich

Ein Mann, ein Wort – davon sind Amerikas Waffenfreunde bei Barack Obama überzeugt. Waffen-Messen brechen Besucherrekorde, Waffenläden erleben einen Ansturm und die Waffenschmieden gehören zu den seltenen Branchen, die in der Krise boomen. Millionen US-Bürger decken sich jetzt mit Gewehren und Munition ein, weil sie mit der Umsetzung eines Wahlversprechens ihres neuen Präsidenten rechnen und schärfere Waffengesetze befürchten.
Ein Mann, ein Wort – mit einer anderen Gangart der USA im Nahen Osten unter Präsident Obama rechnet wohl auch Israel. Wa*rum hätte es sonst ausgerechnet im amerikanischen Übergangsvakuum einen Krieg vom Stapel gebrochen?
Ansonsten sind die Erwartungen in Obama wenige Tage vor seiner Amtseinführung deutlich gedämpfter, als sie es bei seiner Wahl vor gut zwei Monaten waren. Das verdankt sich zuerst einmal seiner seither getroffenen Personalauswahl, die sehr solide ist, dafür aber wenig mutig, ja sogar altbacken aussieht und so gar nicht Obamas „Change“ wiederspiegelt, mit dem er die Wahl in Amerika und die Herzen weltweit gewonnen hat.

In den Niederungen des Polit-Tagesgeschäfts

Dazu kommt, dass Obama in seinen jüngsten Stellungnahmen nicht mehr so sehr als glänzender Präsident der Erwartungen, sondern eher als verhaltener Gefangener seiner Versprechen auftritt: Guantánamo schließen? Ja, aber „es ist schwieriger als viele Leute glauben“. Die Verhörmethoden der US-Geheimdienste als Folter an den Pranger stellen? Jein, aber keine strafrechtliche Aufarbeitung der Ära Bush. Die Neuordnung der Finanz- und Wirtschaftsmärkte? Ja, aber nicht als Bruch, sondern als gleitender Übergang – und dafür lässt er viel neues Geld in viel altes Denken fließen. Und schließlich: Was sagt der „President elect“ zum Krieg, zu den Toten, zum Elend in Gaza? Nichts!
Bei Washingtoner Kiebitzen ist zu lesen, die Berater in Obamas Umfeld hätten eine neue Disziplin erfunden: „expectation management“ – die Steuerung aller mit dem Präsidenten verknüpften Erwartungen. Die Aufgabe dieser Politikstrategie soll es sein, Luft aus der Hoffnungsblase zu nehmen, die Erwartungen zu dämpfen und Obama aus den hohen Umlaufsphären des Wahljahres ohne Enttäuschungen in den Niederungen des Tagesgeschäfts landen zu lassen.
Dort wird in allen von der Krise gebeutelten Staatskanzleien gerade gerne nach der Theorie von John Maynard Keynes gegriffen, wonach in mageren Jahren die staatlichen Speicher zu öffnen sind. Auch dort, wo man Keynes’ dazugehöriges Diktum überhört hat, in den fetten Jahren die Speicher zu füllen. Barack Obama jedoch sollte sich neben dem „deficit spending“ dieses Keynes-Zitats aus den Zeiten der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren ins Stammbuch schreiben: „Im gegenwärtigen Augenblick erwarten die Menschen mehr als sonst eine grundlegendere Diagnose, sind sie ganz besonders bereit, sie aufzunehmen, begierig, sie auszuprobieren, wenn sie nur einigermaßen annehmbar sein sollte.“

So wie nach der Weltwirtschaftskrise 1929

Keynes beweist mit dieser Analyse, dass er Wirtschaftsbilanzen genauso wie in den Herzen der Menschen lesen kann – und die weitere Geschichte der Zwischenkriegszeit hat ihn ja auf tragische Weise bestätigt.
Auch jetzt stehen viele Teile der Welt an der Kippe. Die Ausschreitungen in Griechenland oder diese Woche in Lettland beweisen, wie schnell scheinbar geordnete Gesellschaften ins Chaos stürzen. Die USA sind da nicht ausgenommen. 31,5 Millionen Amerikaner können bereits nicht mehr ohne Lebensmittelhilfe überleben – Tendenz stark steigend. Der Weg von der Armut zur Gewalt ist dann oft ein sehr kurzer – wahrscheinlich auch das ein Grund für die große Nachfrage in den USA nach Waffen aller Art.
Obama muss in dieser Situation eine andere „grundlegendere Diagnose“ anbieten. Er darf das Momentum, das Zeitfenster, das mit seiner Wahl aufgegangen ist, nicht ungenützt verstreichen lassen. Von ihm dürfen nach dem 20. Jänner nicht nur US-Waffennarren sagen können: Ein Mann, ein Wort.

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