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10/2018 - „Unser Herz gehört dem Arthaus-Segment“
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Ungelesen , 02:11
„Unser Herz gehört dem Arthaus-Segment“

1978 wurde er gegründet – um alternative Filme im Land zu verbreiten. Heute ist der „Filmladen“ der größte österreichische Verleiher. Geschäftsführer Michael Stejskal erzählt über Pfarrsäle als alternative Kinos der 1980er Jahre sowie Perspektiven für Film und Kino heute.

| Das Gespräch führten Otto Friedrich und Matthias Greuling

Er ist der größte österreichische Filmverleih im Lande – es gibt ihn seit 40 Jahren. Grund für die Diagonale, dem „Filmladen“ eine eigene Programmreihe zu widmen, und für die FURCHE, Geschäftsführer Michael Stejskal zum Gespräch zu bitten.

DIE FURCHE: Der Filmladen ist 40 Jahre alt – und wird auf der Diagonale mit einem Schwerpunkt gefeiert. Auch der Eröffnungsfilm der Diagonale „Murer – Anatomie eines Prozesses“ ist ein Filmladen-Film.
Michael Stejskal: In gewisser Weise greift „Murer“ alle wichtigen Elemente unseres Selbstverständnisses der letzten 40 Jahren auf. Der Filmladen ist ja aus zwei Wurzeln entstanden: Die eine war das Anliegen, Filme in Österreich verfügbar zu machen, die man sonst nicht gesehen hätte. Die andere war der starke Wunsch, Film als Mittel der politischen Aufklärung und Auseinandersetzung zu verstehen, also mit den Filmen eine Diskussion auszulösen. „Murer“ vereinigt sehr viel davon. Zusätzlich ist er auch ein österreichischer Film, und auch das war seit jeher ein wichtiger Teil unserer Identität.
DIE FURCHE: Wird „Murer“ jetzt in Österreich politisch etwas auslösen?
Stejskal: Ich hoffe es! Ich würde mir ja wünschen, der Film wäre nicht aktuell. Leider ist er es. Das konnte ja kein Mensch wissen, als die erste Drehbuchfassung aufgetaucht ist. Ich erhoffe mir schon, dass der Film einen gerechten Zorn darüber erzeugt, was damals in Österreich möglich war, dass man jemand, der so offensichtlich in den Holocaust verwickelt war, aus Gründen der politischen Opportunität ungeschoren davonkommen ließ. Diese Politik des Verharmlosens, des Drüberschauens, der Kompromisse, des Kleinredens in der Öffentlichkeit, das sehen wir ja jetzt auch wieder bei diesen Burschenschafterphänomenen. Und ich erhoffe mir auch, dass sichtbar wird, welche Mitverantwortung da die beiden großkoalitionären Parteien auf sich geladen haben.
DIE FURCHE: Wie politisch kann die Handschrift des Filmprogramms sein, das sich ja auch wirtschaftlich rechnen muss?
Stejskal: Man muss natürlich immer versuchen, da den Mittelweg einzuschlagen. Für puristische Reinheit sind wir von unserer Kostenstruktur her zu anfällig. Wir müssen ja das Gehalt unserer Mitarbeiter erwirtschaften. Natürlich bringen wir auch Filme heraus, die wirklich gut gehen, und die zusätzlich einen Qualitätsanspruch einlösen. Trotzdem gehört unser Herz natürlich dem Arthaus-Segment. Es muss in der Mischung stimmen: Man braucht die sogenannten „Brotfilme“,
dennoch darf man seine Identität und das, woran das Herz hängt, nicht verleugnen.
DIE FURCHE: In seinen Anfangstagen 1978 war der Filmladen schon eine Art Pionier.
Stejskal: Ruth Beckermann, die dem Gründungskollektiv des Filmladens angehörte, hat einmal gesagt: Wir waren eigentlich ein Start-Up, obwohl das damals niemand so genannt hat. Es war eine aufregende Zeit, die letzten Ausläufer des sozialdemokratischen Jahrzehnts, bis Österreich von den Stürmen der Thatcher- und Reagan-Ideologie – so etwa 1983/84 – erfasst wurde. Davor gab es diesen Mikrokosmos an Diskussionen: Da war die Anti-AKW-Bewegung, dann die Auseinandersetzung mit der Dritten-Welt-Thematik, dem Wirken der großen Konzerne dort. Der Film „Flaschenkinder“ über die Politik des Nestlé-Konzerns wird ja auf der Diagonale laufen. Dann war die Themensetzung eher ökonomisch konnotiert wie beim Film „Septemberweizen“ aus 1980, die Frauenbewegung war sehr stark. Und natürlich Antifaschismus, Aufarbeitung der Vergangenheit, Friedensbewegung … Unsere Filme waren ein Spiegel dessen, was da diskutiert wurde.
DIE FURCHE: Ist das heute auch noch so?
Stejskal: Nein. Denn damals war es auch eine ganz andere Einsatzform. Zum einen waren uns die meisten Kinos verschlossen, und zum anderen hätte sich ein Großteil der Filme für den Einsatz in Kinos gar nicht geeignet, schon aus längentechnischen Gründen. So haben wir zwar fallweise Filme im Kino gespielt, aber unser Hauptschwerpunkt war, Filme auf 16 mm zu verbreiten. Das war die modernste und mobilste Einsatzform: In einem Pfarrsaal, einem Veranstaltungszentrum oder in einer Schule war das gut möglich. Mich beeindruckt immer noch, dass da ein Film wie „Septemberweizen“ im Pfarrsaal nach dem Sonntagsgottesdienst gespielt wurde. Wir haben zusätzlich auch Klassiker ausgegraben – etwa „Wilde Erdbeeren“ von Bergman oder Eisensteins „Panzerkreuzer Potjomkin“. Das war natürlich Steinzeit, heute mit dem Internet brauche ich all das nicht mehr. Und über DVD oder die Streaming-Plattformen kann man ja die Filmgeschichte schnell aufholen und muss nicht mehr eine 16 mm-Kopie in schlechter Qualität anschauen. Ich sehe das durchaus als eine Verbesserung. Der Nachteil dieser Entwicklung ist, dass sie zu einer Atomisierung der Menschen führt, die damit kommunizieren. Damals musste man sich noch versammeln, musste noch gemeinsam etwas organisieren. Jetzt hat man es mit sehr isolierten Individuen zu tun, wo jeder vor seinem Computer sitzt oder an seinem Handy herumtut.
DIE FURCHE: Trotz der massiven Veränderungen funktioniert der Filmladen auch heute.
Stejskal: In dem Segment, in dem wir primär tätig sind, spielen die Internetphänomene schon eine Rolle, aber nicht in einem so hohen Ausmaß für die Rezeption: Das Arthaus-Publikum geht bewusst aus dem Haus,will am Abend nicht zu Hause sitzen und auf Netflix etwas schauen. Es will in den Erlebnisraum Kino gehen und sucht dies ganz bewusst.
DIE FURCHE: Wie positionieren Sie sich da als Verleih?
Stejskal: Ich bin ja auch ein Kinobetreiber, und da will ich den derzeitigen Trend zu immer mehr Filmen, die in den Kinos laufen, verlangsamen. Andererseits kann ich mich dieser Entwicklung auch nicht verweigern, weil man im Vorhinein fast nie weiß, ob ein Film erfolgreich sein wird. Als Kinobetreiber ist man dann auf der sicheren Seite, wenn man mit Schrot schießt: Wenn du mit sehr vielen Kugeln schießt, dann wird schon eine dabei sein, die trifft. Diese Entwicklung tut dem Kino nicht gut. Die Ursache dafür liegt in den europäischen Fördermechanismen: Es werden in Europa pro Jahr mehr als 1600 Filme produziert, von denen 1400 kein Mensch sehen will. Man fragt sich – auch in Österreich! – nicht: Wie viele Filme verträgt der nationale Markt überhaupt? Das ist völlig absurd. Also wird die Gießkanne sehr breit geschwenkt. Die Fördermechanismen sorgen auch dafür, dass all diese Filme ins Kino kommen und sich gegenseitig kannibalisieren, was die Aufmerksamkeit betrifft.
DIE FURCHE: Und was schlagen Sie da vor?
Stejskal: Dass man mehr Filme entwickelt und weniger herstellt – und genau darauf schaut, was beim Publikum wirklich ankommen kann. Ein Film ist das Zusammenwirken sehr vieler an einem Projekt. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Zusammenwirken produktiv ist, steigt, wenn man weniger Produktionsfirmen hat, die aber mehr handwerkliche Kompetenz, mehr Personal, Erfahrung und internationale Vernetzung vorweisen. Da steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wirklich etwas herauskommt.

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