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32/2014 - Gegen die Logik des Sündenbocks
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Alt 06.08.2014, 08:08
Gegen die Logik des Sündenbocks

Vom Sakralen zum Heiligen: Der frankoamerikanische Kulturtheoretiker René Girard (* 1923) hilft, Gewalt in religiöser Dimension zu verstehen.

| Von Wolfgang Palaver


Jeder religiös motivierte Terrorakt ruft das Gewalttrauma von 9/11 in Erinnerung und stärkt das moderne Vorurteil, dass Religion die Wurzel der Gewalt bilde. Tatsächlich prägten gerade am Beginn der westlichen Moderne Exzesse religiöser Gewalt unsere Welt. Wir brauchen nur an die Zeit der Religionskriege denken, die dazu führten, dass Wörter wie „Massaker“ oder „Kannibalismus“ in den allgemeinen Sprachschatz übernommen wurden.
Doch die vorherrschende Identifikation von Religion und Gewalt basiert auf keiner nüchternen Auseinandersetzung mit der Gewalt. Der unverstellte Blick auf die gewaltgeprägten letzten drei Jahrhunderte verweist eher auf Nationalismus, Fanatismus oder Ideologie als Ursache. Letztlich sind es aber wir Menschen selbst, die allzu leicht zur Gewalt neigen. Robert Musil wusste, dass wir sowohl zur „Menschenfresserei“ als auch zur „Kritik der reinen Vernunft“ fähig sind.

Das nachahmende Begehren

Die Religionstheorie René Girards hilft, das komplexe Verhältnis von Religion und Gewalt besser zu verstehen. Sie geht von der zwischenmenschlichen Konkurrenz aus, die im nachahmenden Begehren der Menschen wurzelt und leicht zur Gewalt führen kann. Vor diesem anthropologischen Hintergrund entwickelte Girard seine These über das gewalttätige Sakrale, das im Zentrum archaischer Religionen steht und sich evolutionsgeschichtlich als erster wichtiger Schutzmechanismus gegen die zwischenmenschliche Gewalt erwies. Viele alte Mythen sprechen von einer ursprünglichen Krise, die durch einen unbewussten kollektiven Vorgang gelöst wurde. Ein Mitglied der Gruppe wurde als angeblicher Verursacher der Krise ausgestoßen oder getötet. Girard bezeichnet diesen Vorgang als Sündenbockmechanismus und betont seine religiöse Dimension, weil das verstoßene oder getötete Opfer als absolut böse – es scheint für die Krise allein verantwortlich zu sein – und als absolut gut zugleich, weil seine Auslöschung den Frieden brachte, wahrgenommen wird. Diese doppelte Übertragung von Fluch und Segen bildet den Kern archaischer Sakralität. Nach Girard „erfinden die Völker nicht ihre Götter, sondern sie divinisieren ihre Opfer“. Die Gewalt ist Seele und Herz des Sakralen, um jenen relativen Frieden des „Alle-minus-eins“ herzustellen, der für eine bestimmte Zeit den Krieg eines jeden gegen jeden zu überwinden half. In zahlreichen Mythen ist Girard den Spuren des Gründungsmordes nachgegangen. Sein deutlichstes Beispiel ist der Ödipus-Mythos, der nicht nur für die Pest in Theben als Sündenbock verantwortlich gemacht wird, sondern auch als zukünftiger Heilsbringer gilt, um dessen zukünftigen Leichnam sich Theben und Athen schon zu seinen Lebzeiten streiten.
Girards Auseinandersetzung mit den biblischen Texten zeigte ihm, dass die jüdisch-christliche Offenbarung über die gewaltsamen Ursprünge der menschlichen Kultur aufklärte. Zentrale Texte der Bibel solidarisieren sich mit den verjagten oder getöteten Opfern und bringen dadurch den Sündenbockmechanismus ans Licht. In der Josefsgeschichte lässt sich eine Kontrasterzählung zum Ödipus-Mythos erkennen. Die Bibel steht auf der Seite des Opfers Josef und solidarisiert sich weder mit seinen neidischen Brüdern noch mit seinen ägyptischen Anklägern. Während Ödipus nach seiner Vertreibung zu einer Art Gott erhoben wird, weist Josef ein solches Ansinnen seiner ihn früher verfolgenden Brüder entschieden zurück.
Das archaische Sakrale löste das Problem zwischenmenschlicher Gewalt, indem es die menschliche Gewalt auf die religiöse Ebene abschob. Die Gewalt wurde zu einer Sache der Götter, die aus der Sicht der archaischen Menschen sich rächen oder auch regelmäßige Menschenopfer verlangen konnten. Strenge Riten bestimmten diese Welt des Sakralen, die die Gewalt einer eigenmächtigen menschlichen Willkür entzog.
Wenn wir auf moderne Formen religiös motivierter Gewalt blicken, so ist die für die archaische Welt typische Abschiebung der Gewalt auf die religiöse Ebene verloren gegangen. Menschen greifen selbst zur Gewalt, indem sie sich zwar auf Gott berufen, aber nicht mehr auf dessen Eingreifen vertrauen, sondern selbst zur Gewalt schreiten. Diese Versuchung verstärkte sich durch die biblische Aufdeckung des Sündenbockmechanismus. Wer sich auf die Seite der Opfer stellt, scheint in seiner Gewalt gegen deren Verfolger gerechtfertigt zu sein. Wir können dieses Muster schon in den Kreuzzügen und in der christlichen Judenverfolgung beobachten. Heute gibt es keine terroristische Gruppe – auch keine säkulare –, die sich nicht als Verteidiger der Opfer legitimiert.

Die pseudoreligiöse Form der Schwerkraft

Doch auf welchen Gott berufen sich Menschen, die sich auf die Jagd nach Sündenbockjägern machen? Weder der Vater Jesu, der die Sonne über Gerechte und Ungerechte aufgehen lässt, noch der allbarmherzige Gott des Koran legitimieren die Verfolger, die durch ihren puritanischen Moralismus das Zusammenleben auf der Welt bedrohen. Zur Beantwortung dieser Frage ist es sinnvoll, sich auf Gedanken der französischen Mys*tikerin und Philosophin Simone Weil (1909–43) einzulassen. Weil beschreibt mit dem Begriff der Schwerkraft jene fast unbezwingbare Gewalt, wie sie sowohl für den Mob des Sündenbockmechanismus als auch für das mythische Gottesbild typisch ist. Sie beschränkt sich in ihrer Analyse aber nicht auf die pseudoreligiöse Form der Schwerkraft, sondern erkennt in der Gnade deren Gegenwelt. Im
Reich der Schwerkraft herrscht jene Religion vor, die Gott und Mensch immer ganz von der gewalttätigen Macht bestimmt sieht. Die von Weil beschriebene Gnade aber hat mit dieser Pseudoreligion der Macht nichts zu tun, sondern geht von einem Gottesbild aus, das sich von diesen menschlichen Gewaltprojektionen grundsätzlich unterscheidet.

Wahre Religion vs. falscher Götzendienst

Die Gnade führt nämlich auf jenen Schöpfergott zurück, der erst durch sein Zurückweichen und seinen Verzicht, die Welt ins Leben gerufen hat. In Christus wird diese wahre Göttlichkeit dort am deutlichsten, wo er auf diese verzichtet (Phil 2,6f). Diese Überlegungen führen Weil zu einer grundsätzlichen Unterscheidung von wahrer Religion und falschem Götzendienst, die in Girards Unterscheidung zwischen dem Sakralen und dem Heiligen eine Parallele findet: „Die Religionen, die diesen Verzicht begriffen haben, … sind die wahre Religion, die Übersetzung der großen Offenbarung in unterschiedliche Sprachen. Die Religionen, welche die Gottheit als überall dort, wo sie die Macht dazu hat, befehlend darstellen, sind falsch. Selbst wenn sie monotheistisch sind, sind sie Götzendienst.“
Diese Unterscheidung ist für alle Diskussionen des Verhältnisses von Gewalt und Religion wichtig. So treffen wir gerade in der Geschichte des Christentums – in den Kreuzzügen und Religionskriegen – auf Formen von Religion, die sich als menschliche Gewaltprojektionen entpuppen und mit der gewaltfreien Heiligkeit des biblischen Gottes nichts zu tun haben. In modernen Phänomenen wie Nationalismus und Fundamentalismus setzen sich diese von Gewalt und Macht geprägten religiösen Muster fort.


| Der Autor lehrt Christl. Gesellschaftslehre
an der Kath.-Theol. Fakultät Innsbruck
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