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32/2014 - „Religionen haben die Gewalt nicht erfunden“
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Alt 06.08.2014, 08:23
„Religionen haben die Gewalt nicht erfunden“

Religionskritiker Franz Josef Wetz und Theologe Rolf Schieder über Konflikt- und Friedenspotenzial der Religion


| Von Maria Harmer

„Die Ursache der Gewalt liegt in der menschlichen Natur. Und die Religionen haben die Gewalt nicht erfunden, sie tragen aber dazu bei, dass es sie gibt“, meint der deutsche Philosoph Franz Josef Wetz: „Sie sind also nicht primär die Ursache von Gewalt, aber oft quasi deren ‚Handlanger‘ und eine Chance für Gewalt. Religionen bieten Gewalt oft so etwas wie eine religiös motivierte Plattform und Motivation, auf der das Gewaltbegehren ausgelebt und gerechtfertigt werden kann.“ Insofern seien Religionen beides: kriegerisch-menschenverachtend und friedlich-menschenfreundlich.
Wetz, der an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch-Gmünd lehrt und Mitglied des Beirates der Giordano-Bruno-Stiftung ist, war Referenten bei der 16. Ökumenischen Sommerakademie, die Mitte Juli im Stift Kremsmünster stattfand. Der Religionskritiker forderte dabei die „Etablierung sozialverträglicher Formen wildnisähnlicher Reservate zum Ausleben gewaltbereiter Energien zum Beispiel im Sport“. Den Religionen warf er vor, dass sie hier durch ihre Sinnesfeindlichkeit nichts beitrügen.
Der Berliner evangelische Theo*loge Rolf Schieder stellte diesem Vorwurf entgegen, dass gerade die Religionen einen enorm gro*ßen Beitrag zur Identitätsstiftung jedes einzelnen Menschen leisteten. Dies sei für einen guten Umgang mit der Gewaltbereitschaft, mit der Endlichkeit und Begrenztheit des Menschen notwendig: „Wenn eine Religion zu elementarer Differenzierungsleistung imstande ist, dann wird ein zivilisierter und friedenssichernder Weg eingeschlagen.“
Für religiöse Menschen sei Gott die höchste Macht, dadurch hätten sie gegenüber anderen Machthabern einen prinzipiellen Vorbehalt. „Wenn Macht mit Verantwortungsgefühl korrespondiert, ist sie etwas Positives“, so Schieder. Er benannte Religionsformen wie „totalitäre oder dualistisch-apokalyptische Religionsformen“, wo die Gewaltbereitschaft der Mitglieder hoch sei.
Weltweit gibt es mehr als 400 Konflikte; viele sind religiös motiviert. Und in Europa gedenkt man des Ersten Weltkriegs, der vor 100 Jahren begonnen wurde. Welche Rolle spielen Religionen in kriegerischen Auseinandersetzungen? Und inwieweit wird der Glaube für Gewalttaten missbraucht? Gerade den monotheistischen Religionen wird ein hohes Gewaltpotential vorgeworfen.
„Auch die monotheistischen Religionen sind ambivalent. Sie haben die Gewalt und die Gewaltlosigkeit in ihren Dokumenten verankert“, sagt der Philosoph und Atheist Franz Josef Wetz. „Sie treten mit einem absoluten Wahrheitsanspruch auf und meinen zudem, einen Missionsauftrag erfüllen zu müssen. Das macht sie von vorn-herein anfällig für Gewalt.“

Sind Religionen zu zivilisieren?

Rolf Schieder fordert da eine genauere Differenzierung, auch in Bezug auf die „Gefährlichkeit der monotheistischen Religionen“. Demokratie-Affinität ist für ihn ebenso ein Kriterium wie ihre soziale Bindekraft und ihre Motivation zum Selbstopfer. Der Professor für Praktische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin verweist aber neben einem unbestreitbaren Konfliktpotenzial auch auf das beträchtliche Friedens*potenzial religiöser Gruppen in verschiedenen Krisengebieten. Für Rolf Schieder stellt sich in der Folge die Frage, wie die Religionen so zivilisiert werden können, dass ihr Friedenspotenzial gestärkt und ihr Potential, zur Eskalation von Konflikten beizutragen, minimiert werden kann.
„Da sind wir relativ weit weg aus meiner Sicht“, meint dem entgegen Franz Josef Wetz: „In der westlichen Welt haben wir diese Befriedung weitgehend geleistet. Religionen tragen – so sie denn in ihrer Dauerkrise noch genügend wahrgenommen werden – dazu bei, dass Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit gelebt werden. Insofern sind sie friedensstiftend. Aber es ist ein Irrglaube zu denken, dass die Religionen durch die Ideen der Nächstenliebe den Frieden auf der Welt werden sichern können. Auch die Abschaffung der Religionen würde das nicht ermöglichen. Denn Gewalt ist ein biologisches Erbe der Menschheit. Sie lässt sich bändigen und zähmen, aber niemals gänzlich ausmerzen.“

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